The next level. Mal wieder.

Die so genannten Level 3 Assets geistern seit einiger Zeit immer wieder in den Diskussionen über die Qualität der Bankbilanzen herum. Da sie ein Muster der Intransparenz darstellen, und sich alle vermeintlichen Entscheidungsträger ja neuerdings der Transparenz verpflichtet fühlen, wollen wir heute einmal schauen, wie es denn in dieser gar nicht so kleinen Nische der Bankbücher aussschaut.

Im Grunde sind Level 3 Assets Papiere, für die kein Markt und folglich keine beobachtbaren Preise existieren. Das gilt etwa für große Teile des Billionen Dollar schweren Segmentes verbriefter Kreditforderungen. Für eine Schätzung des Preises – ehrlicherweise kann in diesem Zusammenhang von „Bewertung“ keine Rede sein – greift man daher auf Annahmen des Managements des jeweiligen Halters der Papiere zurück. Das können Sie sich, wenn Sie mit Bilanzen nicht so viel am Hut haben, ungefähr so vorstellen. Sie werden im Rahmen einer Verkehrskontrolle angehalten und sollen sich einem Alkoholtest unterziehen. Leider gibt es kein Messgerät. Erstaunlicherweise wird jetzt keine offizielle Stelle, wie etwa der Beamte zu Rate gezogen, vielmehr dürfen sie selbst ran und schätzen nun ihre Fahrtauglichkeit ein. „Ikannofaaahrn“, wäre in diesem Falle wohl eine typische Einschätzung. Mit dieser Level 3 Fahrtauglichkeit könnten sie Sie sich dann wieder auf den Weg machen.

Zunächst einmal die detaillierte Formulierung, wie sich die Herleitung der Bewertung dieser Assets darstellt. Wer die Muße hat, kann ein bisschen in den Veröffentlichungen des FASB, des Financial Accounting Standards Board, blättern (FASB , zur so genannten Fair Value Bewertung: Statement No. 157).

FASB Bilanzregel Auszug

So ist das also. Der Input für die Bewertung der Level 3 Assets besteht aus Annahmen darüber, welche Annahmen Marktteilnehmer für das Pricing und die Risikoeinschätzug verwenden würden. Ein interessanter Gedankengang, vor allem wenn man bedenkt, dass diese Bewertungsrichtlinie für ein Segment gilt, in dem es keine Marktteilnehmer gibt. Deshalb gibt es ja auch keine beobachtbaren Marktpreise. Im Grunde weiß man nicht mehr, über welche Beliebigkeiten man sich mehr aufregen soll, die der Ratingagenturen (siehe CMBS Rating Farce von S&P) oder die der Bilanzgymnasten.

Die Bedeutung dieser laxen, im englischen nicht zu unrecht auch mark-to-myth Bewertung bezeichneten Herangehensweise, dringt so richtig ins Bewusstsein vor, wenn man sich die Dimension der Level 3 Assets in den Bankbilanzen vor Augen hält. Auf Grund des nahen Wochenendes wollen wir uns den Schmerz ersparen, den die Einbeziehung der Versicherer verursachen würde.

Nimmt man die bedeutendsten 350 Finanzinstitute, die der entsprechenden Bilanzierungsregulierung unterliegen, so ergibt sich eine Gesamtsumme aller Assets von etwas über €23,3 Billonen Euro. Zur besseren Einordnung, das ist fast zehnmal das Bruttoinlandsprodukt der BRD. Das gesamte Eigenkapital der Institute liegt bei €1,16 Billionen. Erschreckend kommt nun die Summe der Level 3 Assets auf den Bilanzen der Institute daher, sie liegt bei €847 Mrd. Damit türmen sich in den Büchern der Banken Papiere einer fragwürdigen Bewertungskategorie, die in der Summe 73% des gesamten Eigenkapitals der Banken ausmachen.

Um einen Überblick zu bekommen, wer sich diese Kategorie besonders zu Nutze macht, hier ein Ausschnitt mit einigen an der Bilanz gemessen größeren Vertretern der Branche (Quelle: Bloomberg).

Level 3 Assets der Banken

Jeder mag sich hier selbst ein Bild machen, ob öffentliches Auftreten und Qualität der Bilanz gewisser Institute so recht zusammenpassen. Beruhigend sind die Relationen jedenfalls nicht (markiert sind alle Werte, bei denen das Verhältnis von Level 3 zu Eigenkapital über 75% liegt).

Die Möglichkeit eines Ausweises als Level 3 bedeutet natürlich nicht, dass es allein diese Papiere sind, die mit zu hohen Werten in den Büchern lauern können. Es gibt natürlich zudem massive Bestände an Assets, die auf Grund ihrer Charakterisierung nicht zum Marktwert bilanziert werden müssen. Des Weiteren gibt es hilfreiche Umwege, wie etwa das Einfrieren von Bewertungen, wenn man halbwegs plausibel darlegen kann, dass man es mit einer Marktverwerfung zu tun hat (Beispiel Gebrüder Lehman).

Ist es nicht herrlich? Lauthals wird nach mehr Transparenz gerufen, an allerlei Produkten wird herumgekrittelt – teils zu recht, teils vollkommen ahnungslos – und gleichzeitig bleiben das Maß aller Intransparenz die Bilanzen derjenigen Branche, die man freimütig zu mehr Kreditvergabe, mehr Transparenz, gleichzeitig zu höherem Hebel (siehe neue EK Vorschläge) und zum Enthebeln der Bilanz auffordert. Irrsinn im Quadrat. Wenn jemand Transparenz will, sollte er bei den Bankbilanzen anfangen. Wenn er dort allerdings nicht viel mehr als Löcher findet, aus denen heiße Luft strömt, sollte er sich nicht allzusehr wundern.

Es bleibt dabei. Der unehrliche und intransparente Weg wird derzeit verfolgt. Die Vermeidung von Abschreibungen durch Verschleierung von Verlusten, die auf diese Weise nicht verschwinden sondern einfach in die nächsten Jahre verschoben werden, steht offensichtlich im Mittelpunkt. Gleichzeitig führt jede Lockerung der Eigenkapitalrichtlinien nicht zu einem geringeren sondern zu einem erhöhten Risiko und ist keine Basis für eine Stabilisierung des Systems. Nach dem alten politischen Muster wird bis zuletzt an gescheiterten Projekten wie Basel II und der unseligen Risikogewichtung nach Maßgabe von Ratings (lächerlich) und bankinternen Risikomodellen (…den Bock zum Gärtner machen) festgehalten.

Der ehrliche Weg zur Konsolidierung, wenn diese überhaupt angestrebt wird, führt nur über massive Eigenkapitalinjektionen in die Banken, entweder privat oder staatlich, letzteres nur über Beteiligung des Staates und nicht im Geschenkkarton. Der nötige Bedarf an Eigenkapital dürfte allerdings derart hoch sein, dass der Anteil des Staates wohl näher an 100% als an 25% liegen dürfte. Ob die Führung dieser Institute in die öffentliche Hand soll, ist eine andere Frage. Der Hinweis auf die desolate Lage zahlreicher öffentlicher Häuser, der gerne aus dem privaten Sektor angeführt wird, ist auch nur ein Teil der Wahrheit. Mit Ruhm bekleckert hat sich, jedenfalls unter den größeren Instituten in diesem Sektor, wohl niemand, weder öffentlich, noch privat. So hätte man die in der Vergangenheit abgelieferten Leistungen sicherlich auch für geringere Gehälter bekommen können.

Ob eine Konsolidierung überhaupt gelingen kann oder nicht, das wird sich zeigen. Der Zeithorizont jedoch, um den es geht, sollte nicht unterschätzt werden. Eine vollkommen aus dem Ruder gelaufene Kreditentwicklung, die sich über Dekaden aufgebaut hat, ist nicht in zwei oder drei Jahren zu beheben.

Irland geht voran

Hallo,

wie Sie vielleicht schon gesehen haben, kooperiert das Bankhaus Rott mittlerweile mit der Seite Cashkurs. Damit Sie auch auf diese Artikel per e-mail hingewiesen werden, haben wir auf unserer Seite die neue Kategorie “Bankhaus Rott extern” geschaffen, in der Sie den Link zum jeweiligen Artikel finden.

Schauen Sie doch mal auf www.cashkurs.com vorbei und stöbern Sie in den zahlreichen interessanten Artikel der Kollegen!

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zum Artikel:

Irland geht voran

Eines der westlichen EU-Länder mit der derzeit größten akuten Schieflage ist Irland. Durch die de facto Pleite seines Bankensystems und den Einbruch der Nachfrage nach den von den Bewohnern der grünen Insel feilgebotenen Diensten hat das Land gerade mächtig mit dem ökonomischen Wellengang zu kämpfen. Während in Deutschland aktuell viele politische Versprechungen oder hoffnungsfrohe Wunschvorstellungen eher an das erinnern, was bei einer ordentlichen Seekrankheit üblicherweise herauskommt, kommen die Iren nun “zu Potte”. Damit gibt uns die irische Politik – ob nun freiwillig oder nicht – einen Blick in eine mögliche Zukunft im Nachwahldeutschland.

In Irland prallen die sich langsam aber stetig in der Realwirtschaft festsetzende Krise und die daraus resultierenden schrumpfenden Steuereinnahmen auf ein nach wie vor von Unterkapitalisierung geprägtes Bankensystem. Gerade die sinkenden Staatseinnahmen erhöhen den Druck auf die Regierung enorm. Es wird ernst, und so werden nun weitere Vorschläge gemacht, wie die nötigen Einsparungen erreicht werden können. Natürlich spart man nicht wirklich, es wird schlicht versucht, die Neuschuldenaufnahme zu bändigen.

So musste der Premier kürzlich bereits zwei Notfallbudgets verabschieden um ein Defizit von über 15% des Bruttoinlandsproduktes zu verhindern. Wohlgemerkt, wir sprechen hier vom aktuellen Haushaltsloch für lediglich ein Jahr. Aktuell soll ein Defizit von etwas über 11% herauskommen, die EU Obergrenze von 3% (Stichwort Maastricht) lässt herzlich grüßen. Mit Keynes hat diese Experimentalökonomie auf dem jetzt erreichten Niveau wohl nur noch herzlich wenig zu tun, statt mit dem oft und gerne zitierten „deficit spending“ hat man es in diesem Falle wohl eher mit „deficit panicking“ zu tun.

Die stärksten negativen Einflussfaktoren waren neben den erhöhten Sozialtransfers durch die gestiegene Arbeitslosigkeit und dem Einbruch der Steuereinnahmen die gestiegene Zinslast durch die Schuldenaufnahme, die immerhin schon auf Platz drei rangiert. Allein mit der Festschreibung der öffentlichen Ausgaben auf dem aktuellen Niveau wird es somit nicht getan sein. So schlug folgerichtig unlängst eine in 2008 geschaffene Kommission weiter reichende Einschnitte vor.

Zunächst einmal sollen mehr als 17.000 staatliche Angestellte ihre Jobs verlieren. Interessanterweise sind die Einschnitte im Sozialbereich, dem Gesundheitswesen und der Bildung am stärksten, in diesen Bereichen sollen satte 77% aller Streichungen stattfinden. Der Bereich Verteidigung bleibt mit einem Stellenabbau von bescheidenen 3% gut getarnt in Deckung. Vielleicht wird Dublin auch am Hindukusch verteidigt, wer weiß. Insgesamt wird sich, sollten die Maßnahmen durchgesetzt werden, weiterer Aufwärtsdruck auf die Arbeitslosenquote ergeben, die derzeit bei etwa 12% liegt. Für das kommende Jahr geht man auch ohne die genannten Einschnitte von einer Steigerung auf 16% aus. Bezieht man übrigens die Zahl von 17.000 Entlassungen auf die gesamte irische Bevölkerung und vergleicht den Anteil mit Deutschland, so kommt man auf die Entlassung von gut 320.000 öffentlichen Angestellten in diesem unserem Lande.

Als ergänzender Schritt wurden Gehaltskürzungen für die Verbliebenen im öffentlichen Sektor vorgeschlagen, auch Pensionskürzungen sind kein Tabu mehr. Zudem wird es für alle länger bis zur Pension dauern, soll doch das Renteneintrittsalter deutlich heraufgesetzt werden. Die Beiträge zur Pensionskasse sollen zum Dank stark ansteigen, und die Pensionen sollen gänzlich anders berechnet werden. Anstelle des Einkommens der letzten Arbeitsjahre geht man für die Ermittlung der Ansprüche zu einem Durchschnitt der Zahlungen über die ganze Lebensarbeitszeit über („carreer averaging“). So viel zum Thema Inflationsausgleich. Im Grunde kann man sich die Rechenkünstler im Rentenamt auch gleich sparen und spendiert jedem Pensionär eine Grundversorgung – mehr wird ohnehin bei dem neuen Modell nicht bleiben. Aber in die passende Formel gegossen kann auch die kleinste Zahl noch ganz attraktiv aussehen.

Neben dem vorgeschlagenen Abbau von Arbeitsplätzen selbst legt der Plan nahe, auch allgemeine Leistungen und Zahlungen zu kürzen oder ganz zu streichen. So wird bei den Sozialleistungen mit Einsparungen von 5%, bei den kinderbezogenen Familienleistungen sogar mit einem Minus von 20% gerechnet. Auch die Polizei bekommt ihren Teil abgezogen und darf sich mit erhofften Einsparungen von gut 7% auseinander setzen. Ihre Uniformen sollen die Sicherheitskräfte demnächst eventuell selbst kaufen – vielleicht ergibt sich dadurch ja eine Option für H&M in Irland.

Schaut man sich die Maßnahmen im Überblick an, fragt man sich zum einen, ob sie ausreichen. Zum anderen fällt nicht wirklich ins Auge, wie man die vielzitierte Zukunftsfähigkeit sichern will. Gerade die deutlichen Streichungen im Bildungssektor wirken diesbezüglich befremdlich.

Für Zentraleuropäer, insbesondere für Deutsche im Vorwahlkampf, ist das alles sehr interessant. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir zahlreiche Vorschläge der Iren über kurz oder lang bei uns wiederfinden. Spätestens wenn der neue Bundestag sich erst einmal konstituiert hat, und die Stühle im Kabinett verteilt sind, sollten wir die Ohren spitzen. Steuersenkungen können wir vergessen, so viel steht bereits jetzt fest. Die meisten Bürger nehmen die Steuersenkungsträume ohnehin nur noch als running gag der Bundespolitik wahr, sicher nicht zu unrecht. Genau so sind die Rentengarantie und die peinlicherweise in die Verfassung gedrückte “Schuldenbremse” im dicken Ordner mit den Wahlkampfmythen abzulegen. Was kommen wird, sind hingegen die Versuche, staatliche Kosten zu senken und Einnahmen zu steigern. Da die Einnahmen des Staates im Allgemeinen aus Steuern und Abgaben stammen, und zumindest Teile der Ausgaben dem Bürger direkt oder indirekt zu Gute kommen, heißt die einfache Formel für die kommenden Jahre: “Mehr zahlen, weniger bekommen”.

Die Kostensenkungen sind vor allem bei den Sozialversicherungen zu erwarten. Bei der Gesundheitsvorsorge und -behandlung findet sich sicher noch mehr Raum, um die Kosten auf die “Versicherten” zu verschieben bzw. diese dazu zu zwingen, sich mangels Geld gar nicht mehr behandeln zu lassen. Wer sich nicht behandeln lässt, spart sich auch gleich die Praxisgebühr! Das ist politischer Zynismus in Höchstform, der uns in den kommenden Jahren leider häufiger begegnen wird. Ebenso lauert hinter der schönen Bezeichnung Einnahmensteigerung die Erhöhung von Steuern und Abgaben. Aus praktischen Gründen bietet sich hier, wie allseits bekannt, die Mehrwertsteuer an. Eine Anhebung derselben lässt sich dann auch noch unter dem Siegel der Harmonisierung der Steuersätze in der EU vermarkten. Den Satz “wir haben in den Deutschland den niedrigsten XY Steuersatz”", kennt man ja zu genüge. Bei der Mehrwertsteuer ist dies zwar nicht der Fall, aber wenn man den deutschen Satz mit dem Dänemarks vergleicht, ist noch reichlich Luft.

Während eine Steuererhöhung für die Regierung immer etwas Unbequemes hat, bietet eine Krise immer eine ausgezeichnete Gelegenheit, das ein oder andere ältere Versprechen zu brechen. Prima bietet sich die Rezession beispielsweise an, um endlich eine Ausrede für den Start der PKW Maut zu bekommen. Auch diese wird kommen, allerdings fragen wir uns, für wen dann noch die Autobahnen ausgebaut werden. Bei einer kommenden Maut für Personenfahrzeuge könnte man doch alternativ die Bundesstraßen sechsspurig ausbauen. Oder wollen Sie Steuern für den Ausbau der A1 bezahlen, für deren Benutzung Sie dann, wenn sie denn mal fertig ist, auch noch Maut bezahlen müssen? Man könnte sich auch gleich ein Haus bauen und dann trotzdem Miete bezahlen. Sie sehen, es ergeben sich völlig neue Perspektiven!

Angesichts der kommenden drastischen Einschnitte, die lediglich dazu dienen, ein auf Dauer ohnehin nicht haltbares System aufrecht zu erhalten, und anderweitiger, teils bizarr anmutender Ausschüttungen im Finanzsektor, muss die Frage erlaubt sein, wie lange es eigentlich noch so ruhig bleiben kann, wie es gerade ist.

Einkauf oder kein Kauf?

„Der Konsum, der Konsum, der hat immer Recht“, so könnte eine angelsächsische Hymne der vergangenen Dekaden gelautet haben. Hätte ein solches Liedchen existiert, so würde es sicher derzeit nicht allzu laut in den Fluren der Marketingabteilungen von Wall Street gepfiffen werden. Sollte der Konsum nämlich derzeit Recht haben – wovon durchaus auszugehen ist – dann ist es um die US Wirtschaft und diejenigen, die über Exporte am Wohl und Wehe derselben hängen, schlecht bestellt. Das ist nicht sonderlich überraschend, sorgen doch Job- und Vermögensverluste nicht für ein überschäumendes Konsumklima. Dass ein paar Goldmänner nun, nach staatlich subventionierter Risikoausweitung ihres Arbeitgebers, wieder ein paar Münzen mehr in die hingehaltenen Hüte an den Straßenecken werfen können, macht den Kohl auch nicht fett. Die de facto Pleite des Bundesstaates Kalifornien, der derzeit durch die Beurlaubung von Staatsangestellten und die Ausgabe von IOUs (Schuldscheine als Geldersatz), von sich reden macht, trägt ihren Teil zur mauen Kauflaune bei.

Spannend ist nicht der allgemeine Konsumrückgang, das ist in einer Reaktion auf eine Wirtschaftskrise nicht ungewöhnlich. Beeindruckend ist vielmehr das schiere Ausmaß der Konsumverweigerung (siehe Grafik).

USA Konsumausgaben

Während allenthalben von nötigem Optimismus und den bekanntermaßen schon zu Beginn welken „green shoots“, also den vermeintlichen ersten Anzeichen einer konjunkturellen Stabilisierung, schwadroniert wurde, zeichnet die Realität ein anderes Bild. Obwohl der Konsum durchaus schwankungsfreudig ist, wie man der oben stehenden Grafik entnehmen kann, ist die aktuelle Situation bezogen auf die vergangenen 50 Jahre eine völlig neue. Selbst in den Krisen der 70er und 80er Jahre stiegen die nominalen Konsumausgaben der US Bürger immer an. Das war auch in der uns allen bekannten Zeit der geplatzten Tech-Blase der Fall.

Mal stiegen sie stärker, ein anderes Mal stiegen sie langsamer, aber stets wurde unter dem Strich auf Jahresbasis mehr Geld verkonsumiert. Diese sehr lange Entwicklung hat nun ein drastisches Ende genommen, liegt doch der Wert für das Wachstum der Konsumausgaben deutlich unter der Nulllinie.

Aktuell verstärkt sich in diesem Segment die Abwärtsdynamik weiter, wie der Tabelle mit den wöchentlichen und monatlichen Daten zu entnehmen ist.

US Konsum

Ohne erneute Steuergeschenke, die aber ohne zusätzliche Schulden nicht möglich sind, wird sich an der tristen Lage nichts ändern. Mit Steuergeschenken mag eine kurzfristige Stabilisierung eintreten, die aber strukturell nichts zu bedeuten hätte. Ohnehin scheinen einige US Bürger ihre Lektion aus dem aktuellen Elend schneller zu ziehen, als ihre so genannten Repräsentanten. Nach einer Umfrage des bekannten Unternehmens Gallup (gallup.com) sagen mittlerweile 23% der US Bürger, sie würden weniger ausgeben, davon planen 27%, dieses tiefere Ausgabenniveau auch nicht wieder anheben zu wollen. Sehr interessant auch die Erkenntnis von 47% der Konsumenten, die in der Tat aussagten, sie hätten bereits alles was sie bräuchten“. Da kann der Einzelhandel nur noch auf die mangelnde Haltbarkeit der bereits verkauften Produkte hoffen, ein Hoch auf die Sollbruchstelle.

Besonders hart trifft dies die Einzelhandelsketten in den Staaten, weil diese sich bis vor gar nicht so langer Zeit in einem immerwährenden Aufschwung wähnten. Es wurden neue Geschäfte geöffnet, neue Verkaufsflächen auf-, und bestehende ausgebaut. Die Mieten für Einzelhandelsobjekte stiegen.

Jetzt versiegt die Nachfrage, niemand benötigt die neu errichten Konsumtempel. Die Preise fallen und allein in 2009 sind bereits über $100 Mrd. Dollar an Krediten für Gewerbeimmobilien in Verzug. Eine enorme Summe und ein Wert, der bereits jetzt gut doppelt so hoch liegt wie der Vergleichswert aus dem gesamten Jahr 2008. Auch die Goldmänner haben bei den Gewerbeimmobilien allein im zweiten Quartal einen Verlust von $700 Mio. hinnehmen müssen.

Faszinierend ist vor allem, wie unbedarft die großen der Einzelhandelsbranche im Expansionswahn mit anscheinend verbundenen Augen in die Krise geschlittert sind. Ähnlichkeiten zur Finanzbranche sind sicher rein zufällig. Ein Blick auf die eindeutige Tendenz des Umsatzwachstums der Top 10 der US Einzelhändler offenbart eine erstaunliche Klarheit schon lange vor dem aktuellen Kollaps.

Umsatz der Top Einzelhändler in den USA

Welcher Berater auf die schlaue Idee gekommen ist, dem stetig sinkenden Umsatzwachstum mit deutlich mehr Fläche zu begegnen, ist unbekannt. Jedenfalls muss es sich um ein hochbezahltes Genie handeln, ein Normalbürger mit gesundem Menschenverstand wäre auf einen derartigen Unsinn sicherlich nicht gekommen. Vielleicht ist es derselbe Berater, der aktuell dazu rät, eine zu hohe Verschuldung mit höheren Schulden zu bekämpfen.

Drücken wir uns die Daumen, dass es nicht so ist.

Rendite war gestern

In der alemannischen Dauer-Telenovela „Bankenrettung“ dreht sich in der aktuellen Folge alles um das alte Streitthema Eigenkapital. Derweil scheint es, als habe noch kein Mitglied des bundesdeutschen Bankenrettungskommitees den Gedanken gehabt, es könne zwischen Liquidität und Kapital ein Unterschied bestehen. Munter werden vom Fiskus mit dem großem Brauseaufsatz Brände in den Bilanzen angeblich systemrelevanter (und nicht angeblich nachhaltig unprofitabler) Institute notdürftig gelöscht, während die Zentralbanken das Liquiditätsangebot hochschrauben.

Die Politik ergeht sich als trauriger und fast schon Mitleid erregender Hintergrundchor, die sich der bekannten Mischung aus Vorwahlpolemik und teil erschreckend augenscheinlicher sachlicher Unkenntnis hingibt. Wer es tatsächlich schafft, die Banken gleichzeitig zum Enthebeln UND zu einer erweiterten Kreditvergabe aufzufordern, sollte zur Vermeidung größeren Schadens lieber erst einmal seinen Urlaub abbummeln und sich von Mikrofonen und parlamentarischen Abstimmungen fernhalten.

Dazu passt eigentlich wunderbar ein Satz aus der guten alten Zeit: “Bevor Sie etwas falsch machen, schauen Sie lieber mal eine Stunde aus dem Fenster“. Leider ist die Unruhe in der Herde vielleicht auch wegen des schwülen Wetters erheblich und führt zu anhaltendem Aktionismus hüben und vorschnellen Beurteilungen drüben. So titelte heute die FTD, die Politik erhöhe das EK der Banken. Na, da würde man doch zunächst an neues Eigenkapital denken, was sicher einigen Instituten gut zu Gesicht stehen würde, aber weit gefehlt.

FTD Header Eigenkapital der Banken

Nachdem man in 72er Schrift von der Erhöhung des EK spricht, stellt sich schon im einleitenden Absatz heraus, es geht schlicht um bilanzielle Erleichterungen, die zu einer Entlastung des EK führen. Eine interessante Verdrehung der Tatsachen, man könnte auch Fehldarstellung sagen, aber das Wort würden wir hier natürlich niemals nennen.

Im Kern geht es um die Änderung der Bilanzierung der so genannten Neubewertungsrücklage. Vereinfacht gesagt – wir wollen unsere Leser nicht unnötig mit Dingen belasten, die sich derzeit ohnehin ganz nach Gusto im Wochentakt ändern können – ermöglicht die vorgeschlagene Änderung das Verstecken von Marktwertverlusten auf Wertpapieren in bestimmten Bilanzkategorien. Die negativen Wertänderungen sollen künftig nicht mehr gegen das Eigenkapital gerechnet werden, was natürlich nicht heißt, dass sich an der Situation oder der Qualität der Assets irgendetwas verbessert hätte. An der Eigenkapitalausstattung übrigens auch nicht.

Man verdeckt die Einschusslöcher halt mit einem Mäntelchen. Begründet wird das vielfach mit der Hoffnung auf eine Wertaufholung bestimmter Papiere. In einigen Fällen ist dies begründet, in vielen aber nicht. Eine generelle Änderung dieser Richtlinie und der daraus folgenden vollkommenen Nichtbeachtung dieser Verluste ist schlichtweg abenteuerlich und zeigt nur, wie sehr das gesamte Bankensystem weiterhin vor sich hintrudelt.

Ein Blick auf die Daten, um ein Gefühl für die Größenordnung zu bekommen, über die wir hier sprechen. Da wir viel davon halten, auch vor der eigenen Tür zu kehren, konzentrieren wir uns der Einfachheit halber auf unsere heimischen Institute. Zu kehren gibt es dort genug.

Deutschland Banken Eigenkapital und BIP

Insgesamt liegen auf den Bilanzen der genannten deutschen Banken grob €5,2 Billionen an Assets, also ein bisschen mehr als das Doppelte des deutschen Bruttoinlandsproduktes. Es gibt bessere Beruhigungsmittel als diese Grafik. Besonders angestrengt hat sich der selbsternannte Branchenprimus Deutsche Bank, dessen Bilanz es fast im Alleingang mit der Größenordnung unseres BIP aufnehmen kann.

Wen das noch nicht beeindruckt, große Zahlen ist man schließlich gewohnt, den wollen wir mit einigen Ergänzungen zur Qualität der Assets einen Schritt weiterbringen.

Der Anteil der non-performing loans beträgt bei der…

  • Deutschen Bank: 1.7%
  • Commerzbank: 4.3%
  • Postbank: 0.9%
  • Dresdner: 3.2%
  • Eurohypo: 4.4%
  • BayLaBa & WestLB 1.3%
  • HSH Nordbank: 7.5%
  • HVB Group: 3.4%

Das mag dem ein oder anderen Leser etwas kryptisch vorkommen, ist aber im Kern ganz einfach. Deshalb zum besseren Verständnis ein Blick auf die aktuelle echte Eigenkapitalausstattung der Institute. Interessant ist in diesem Zusammenhang das Verhältnis von Eigenkapital zu den gesamten Assets. Diese können wir der unten stehenden Tabelle entnehmen.

Europa Banken Eigenkapital Kennzahlen

Na, prima. Im Mittel liegen für jeden Hunderter an Assets satte €1,41 an Eigenkapital bereit. Die Deutsche Bank liegt grob auf diesem Wert, bei der Dresdner hingegen hat man sich in den Pfennigbereich hereingetastet. Auf einer höheren Bewusstseinsebene befindet man sich bereits in der Küstenregion und probiert es dort forsch gleich mit einer negativen Ratio. Ob dieses Reetdach gegen Kometeneinschläge hilft, darf allerdings bezweifelt werden. Alles in allem ist die Eigenkapitalausstattung arg dünn, besonders im Hinblick auf die aktuellen, oben genannten Werte der non-performing loans. Nehmen wir mal die Dresdner. Über 3% der Kredite sind nicht in Ordnung, aber bezogen auf die gesamten Assets hält man lediglich ein paar Brosamen bereit.

Um eines noch zu erwähnen, das ja während die Osteuropa-Sau durchs Dorf getrieben wurde, etwas in Vergessenheit geriet. Die Banken unserer Österreichischen Nachbarn sind bezogen auf die genannten Kennzahlen doppelt so gut, bzw. bei der Equity/Total Assets Ratio sogar gut 4 mal so gut ausgestattet. Falls in der hiesigen Finanzwelt noch jemand auf dem hohen Ross sitzen sollte, könnte es eine gute Idee sein, jetzt abzusitzen.

Nun, es sieht so aus, als brauche man sich über die mangelnde Bereitschaft von Finanzinstituten zur Kreditvergabe gar keine Gedanken machen, sind diese doch aus Eigenkapitalgründen gar nicht ernsthaft dazu in der Lage. Treffen die Kreditausfälle erst einmal ein, hilft auch das Verstecken von Marktwertverlusten nicht mehr. Hier hilft nur frisches Eigenkapital, und das dürfte es in der nötigen Größenordnung nur beim Staat geben. Als Minimum ergibt sich allein auf Basis der aktuellen Zahlen ein Bedarf von €60 Mrd. um das Eigenkapital im Schnitt bei 0 zu halten. Will man eine wirklich adäquate Kapitalausstattung vorweisen, dann reden wir hier über mehrere hundert Milliarden Euro Kapital allein für die deutschen Banken. Liquidität hilft hier nicht. Als Investor sollte man diese Kapitalsammlungen jedenfalls tunlichst vermeiden, hier gibt es auf lange Sicht nichts zu holen – außer Verlustvorträgen natürlich, aber die gehören derzeit ja nicht zu den knappen Gütern.

Es bleibt dabei: Trauen Sie einer Bankbilanz nur soweit, wie sie einen Elefanten werfen können.

In der baltischen Steppe

Wie viele kleinere Nationen hat es auch die Vertreter des Baltikums hart getroffen. Die Träume, auf die Schnelle aus dem Nichts unter Zuhilfenahme billiger Kredite, steil ansteigender Immobilienpreise und massiver Mittelzuflüsse aus dem Ausland zur Riege der wirtschaftlich großen Nationen aufzuschließen ist gründlich misslungen. Derzeit plagt man sich eher mit einer drastisch schrumpfenden Wirtschaft und kollabierenden Hauspreisen herum und kann trotz einer durch IWF Eingriffe temporären Stabilisierung des Euro-Pegs nur machtlos den Auslandsgeldern beim Abfließen zuschauen.

Baltikum Abfluss

Der ein oder andere mag sagen, wen interessiert schon das Baltikum. Im Gründerland von Ikea wird man ob dieser Frage die Augenbrauen lupfen, steckt man über das heimische Bankensystem bis zur Halskrause in den baltischen Untiefen. Gut zu sehen ist die enge Kopplung der Skandinavier, wenn man sich die Korrelation zwischen der Schwedischen Krone und den Risikoaufschlägen für baltische Staatsanleihen via CDS Spreads anschaut.

Schweden Krone Baltikum CDS Spread

Den schwedischen Banken ging unterdessen auch die Luft aus, allerdings war das ja durchaus ein Branchenproblem, unter dem die Bankenwelt insgesamt litt. Interessant wird zu beobachten sein, wie sich die skandinavischen Finanzinstitute bei den kommenden baltischen Eruptionen auf den Beinen halten. Die Krücken des IWF und der EZB stehen bestimmt schon mal griffbereit.

Da die Währungen der Balten an den Euro gebunden sind (Euro-Peg) entweicht die Luft nun halt an anderer Stelle. Ein gutes Beispiel dafür, dass nicht nur Energie im Universum nicht verloren geht. Mit Problemen ist es genauso, nur können diese sich bei anhaltender Verdrängung ärgerlicherweise auch ausweiten. Man kann sich einfach einen großen Hefeteig vorstellen – Durch bloßes Liegenlassen ist auch der nicht kleinzukriegen.

Die Kernprobleme zeigen sich besonders deutlich am Beispiel Lettland. Im Schwerpunkt kämpfen die Balten gegen die „Dollarisierung“ und den Abfluss ihrer Bankeinlagen. Unter dem ersten Begriff fasst man generell den Umtausch von Einlagen in heimischer Währung in Fremdwährungen zusammen. Die Einlagen bleiben bei der Bank, allerdings wird über den Währungstausch zusätzlicher Druck auf den Lettische Lats ausgeübt. Durch die Währungsbindung kann der Druck aber nicht auf natürlichem Wege über eine Abwertung des Lats abgebaut werden, es baut sich eine ungesunde Spannung auf. Die britische Währung ist seinerzeit ja ebenfalls nich kollabiert, nur weil irgendjemand auf fallende Kurse spekuliert hat, sondern sie ist unter der Last ihrer fundamentalen Unzulänglichkeit eingeknickt. Das alte Ursache und Wirkung Phänomen.

Baltikum Banken Einlagen

Zweiter Brandherd ist die Verschuldung in Fremdwährungen, hier ist vor allem das inländische Bankensystem betroffen. Zudem plagen sich die Letten mit akuten Liquiditätsproblemen herum, eine Folge von schlichter Währungsintervention. Wie schnell man auf diese Art und Weise Geld verbrennen kann, davon können viele Asiaten nach den Erfahrungen aus den 90ern ein Liedchen pfeifen.

Lettland Banken und externe Verschuldung

Prima sind auch die allgemeinen Wirtschaftsdaten am schönen Ostseestrand. Diese sind mittlerweile derart übel, dass niemand ernsthaft von einer möglichen Aufrechterhaltung der Währungsbindung ausgeht (außer vielleicht extremistische Vertreter der green shoots Sekte). Das mag unspektakulär klingen, ist es aber – nicht nur für die Einheimischen – ganz und gar nicht. Eine Währungsabwertung führt zu einem enormen Kaufkraftverlust. Eine großartige Exportwirtschaft, die von den verringerten relativen Produktionskosten profitieren könnte existiert nicht wirklich. Zudem dürften die Mittelabflüsse vor und nach diesem Schritt anhalten, ändern sollte sich zwischenzeitlich dann nur die Geschwindigkeit mit dem entsprechenden katastrophalen Konsequenzen für die Assetpreise in den betroffenen Regionen. Und man sollte nicht denken, diese verdampfenden Assets lauerten nur in den Bilanzen von Banken des baltischen Raums.

Trübe Aussichten, aber jeder kann etwas tun! Fahren Sie einfach mal nach Tallinn, Vilnius oder Riga. Schöne Städte, nette Menschen und ein bisschen Seeklima haben noch nie geschadet. Es könnte allerdings noch billiger werden, Sie müssten nur noch ein bisschen warten.

Alles U.K.?

Lange Zeit schweifte der Blick von uns, den ungebildeten und augenscheinlich nur fürs grobe Handwerk taugenden Teutonen, neidisch gen Westen. Von dort aus erteilten die modernen, ganz auf Finanzdienstleistungen und kreditfinanziertem Konsum aufgebauten Nationen unbescheiden der Welt gute Ratschläge.

Ein kleines Land im Atlantik hat sich diesen Ratschlägen folgend bereits selbst versenkt und harrt seither in der Büßerbank der Erlaubnis zum EU Beitritt. Wer, wie Island, darauf hofft, dem muss es wahrlich schlecht gehen. Immerhin freut sich der sicherheitsbewusste deutsche Sparer, der nun seine auf Hochzinstagesgeldkonten verdampften Gelder nicht in Kabeljau ausgezahlt bekommt. Vielleicht bekommt unser risikoaverser Investor demnächst noch ein paar Euros aus seinen sicheren Lehmanpapieren zurückerstattet. Prima, das Geld kann dann, nachdem er ja jetzt sicher weiß, dass es letzten Endes kein Risiko gibt, die Moneten wieder anlegen. Pakistanische Nachranganleihen sollen ja derzeit günstig zu haben sein. Falls die Herren dort dann nicht zahlen wollen, muss die Bundeswehr halt kurzfristig und unbürokratisch die deutschen Sparguthaben am Indus verteidigen und sich dem Inkasso widmen. Wenn man schon mal in der Nähe ist…

Aber was machen eigentlich die Urheber des ganzen Spektakels? Was ist los im Land in dem Milch und Honig fließen, die Häuserpreise niemals fielen, die Fertigungsindustrie nur noch Anschauungswert hatten und viele fußkalte WCs mit feinem Teppich ausgestattet sind. Auf der Insel ist doch sicher alles U.K., oder?

UK in Seenot

Nun, irgendwie scheint es der ehemals stolzen britischen Wirtschaft ein bisschen wie der ebenfalls ehemals stolzen britischen Flotte zu ergehen. Mittlerweile ist man schon dazu übergegangen, die nächste Stufe des Kredit-Karma zu erklimmen. Mit vereinter Anstrengung hebt man nun das Haushaltsdefizit um zumindest hier in der Weltspitze mitzumischen.

Her Majesty’s Treasury ist weder bei der Neukreditaufnahme, noch bei der Bereitstellung von Daten geizig, also her mit den Bildern!

UK Budgetsaldo

Zur Festigung des angeblich schon in den Staatlöchern kauernden Jahrhundertaufschwungs hat die Finanzagentur der Queen mal die Spendierhosen übergestreift. Der längerfristige Vergleich zeigt eindrucksvoll, wie übrigens auch bei vielen US amerikanischen Daten, dass es bereits gegen Ende der 80er Jahre mal ein bisschen eng wurde. Die aktuelle Situation stellt allerdings an Fiskalabenteuern alles Gesehene in den Schatten. Das Versprechen, es, „sobald es wieder aufwärts geht“, mit der Haushaltsdisziplin ernster zunehmen, ist nur noch als Beleidigung derjenigen zu betrachten, an die man das Versprechen richtet. In einem Falle allerdings, könnten die Damen und Herren der britischen Treasury das Gelöbnis doch noch einhalten. Wenn es nie wieder aufwärts gingen, müsste man auch nichts zurückzahlen. Der Bürger sollte angesichts dieser Aussichten allerdings kaum in Jubelarien ausbrechen.

Ach, der Bürger. Den hätten wir beinahe vergessen. Wie sieht’s denn aus im Vereinigten Hausbesitzerkönigreich? My home ist my castle (finanziert durch Bradford & Bingley…), so prangt es auf vielen alten Holzsouvenirs, die über so manchem Kamin hängen. Die vermeintlich günstigen Finanzierungen mit sehr geringen bis nicht vorhandenen Kreditvergabestandards bei privaten Hypotheken fallen den Instituten jetzt auf die Füße. Steigende Verzugs- und Ausfallraten sind die Folge. Da man bei den Banken ja dazu übergegangen ist, Kredite als Binärvariable zu betrachten und die zwischenzeitlichen Abschreibungen einfach mal weglässt, wird es bei einer zu erwartenden Verstetigung der Ausfallraten ein böses Erwachen geben. Wie es so ist, wird an der Sache dann das Überraschende sein, dass die Überraschung für überraschend viele Marktteilnehmer überraschend sein wird.

Ein Blick auf die Entwicklung der Hauspreise (Gesamt UK) zeigt, dass eigentlich noch gar nicht allzu viel passiert ist.

Hauspreise in Großbritannien

Das liegt zum großen Teil an der Neigung von Immobilieneignern, erst einmal abzuwarten, solange ein Verkauf nicht unbedingt durchgeführt werden muss. Wenn es eine größere Zahl von Anbietern dann doch zu sehr zwickt, kommen die Ask-Preise von ganz alleine nach unten. Ein Punkt, der den Druck vieler Besitzer aus einem interessanten Winkel beleuchtet ist das sogenannte „negative equity“. Das bedeutet, dass der aktuelle Preis eines Hauses tiefer liegt als der ausstehende Kredit. Eine nicht gerade erstrebenswerte Situation, wie man sich leicht vorstellen kann. Es ist sicher wenig unterhaltsam, einen Kredit zu bedienen, während das kreditfinanzierte Asset dauerhaften Preisrückgängen ausgesetzt ist. Trotz des bisher nicht gerade katastrophalen Rückgangs der Immobilienpreise ist hier schon eine erschreckend hohe Anzahl an Finanzierungen unter Wasser.

Großbritannien negative equity

Es stellt sich natürlich die Frage, wie sich die Kennzahlen entwickeln werden, wenn die Preise für Wohnimmobilien erst einmal so richtig ins Schwimmen geraten. Für die Zentralregion Großbritanniens sollte das ein besonders übles Erwachen geben.

Aber es gibt auch eine gute Nachricht. In wirtschaftlich kargen Zeiten zeigt sich angeblich der Trend, weniger in Urlaub zu fahren, und stattdessen mehr Geld im Baumarkt auszugeben um das eigene Heim zu verschönern. Für Millionen britischer Klos könnte das einen neuen Teppich bedeuten, und das kann man sich nur wünschen.

Lukas gehen die Kohlen aus

Meine Damen und Herren, es ist soweit, und es ging einfacher als gedacht. Der Staffelstab ist übergeben und offizielle Stellen bekunden: Der Retter ist gefunden. Die neue Lokomotive der Weltwirtschaft heißt China, und zwar ab sofort! Tusch, bitte!

China Lokomotive

Vielerorts war zu lesen, „Shiao Normalchinese“ strecke jetzt mit seinem erklecklichen Beitrag zum chinesischen Binnenkonsum den Strohhalm aus, nachdem doch alle so gerne greifen würden. Nun denn, schauen wir doch einmal auf ein paar Kennzahlen und Entwicklungen aus dem chinesischen Lokschuppen, da muss es ja vor Erfolgen nur so strahlen! Und Gewinne werden da doch sicher auch eingefahren, oder?

Profit der chinesischen Unternehmen

Ach, die Gewinne der Industrieunternehmen sinken. Na, das ist ja wirklich mal eine Überraschung, das ist ja wie daheim. Man könnte auch, wenn man etwas realistischer wäre, sagen, die Gewinne sind im freien Fall. Green shoots scheinen also auch im Land des langen Marsches nicht zu sprießen, gegen diese Gewächse scheint sich wirklich alles verschworen zu haben.

Schauen wir doch lieber andernorts nach. Mal sehen, wo sich etwas bewegt. Vielleicht bei den Importen und Exporten?

China Importe Exporte

Na so was, beide Segmente sind kollabiert. Herzliche Grüße vom Welthandel. Aber, seien wir ehrlich, auch das kann nicht wirklich überraschen. Der Export liegt am Boden, denn die Importe der ehemaligen Profiteure des schuldeninduzierten Wachstums sind weggebrochen. Die Importe verringern sich schon allein durch sinkende Rohstoffimporte aber natürlich auch durch wegfallende Investitionsgüter. Wo soll man die auch hinstellen, bei den aktuellen Überkapazitäten?

Der Witz des Ganzen, nun soll der Binnenkonsum in China nicht nur Chinas Wirtschaft retten, was durchaus möglich ist, sondern gleichzeitig noch die Weltwirtschaft aus dem Schlamm ziehen. Mit Verlaub, aber das ist ein nicht haltbarer Blödsinn und lässt jegliches Gespür für die aktuelle Ausgangslage vermissen. Das Pro-Kopf BIP in China liegt laut IWF bei ca. $5963, das ist, um ein Gefühl für den Level zu bekommen, ungefähr 60% tiefer als der Vergleichswert der Weltwirtschaftsmacht Botswana. Selbst in Weißrussland und Kasachstan, auch nicht gerade die zukünftige ökonomische Giganten, liegt diese Kennzahl doppelt so hoch. Der Reichtum der wenigen hübsch aufgemachten Küstenstädte Chinas täuscht hier genauso über den Gesamtzustand hinweg, wie die edlen Kaminzimmer in der Zentrale von Merrill Lynch über deren desolate Bilanz. Da ist der Ofen allerdings schon aus. Einen Platz vor China rangiert übrigens Kiribati.

Ein Blick auf die Einzelhandelsumsätze in China und die durch die massiven Konjunkturprogramme aus dem Ruder laufende Geldmenge.

China Geldmenge und Konsum

Eines wird angesichts der Werte klar, die Umsätze im Einzelhandel sind massiv angestiegen, beim Binnenkonsum tut sich wirklich etwas. Trotzdem gingen die Werte unlängst zurück (wohlgemerkt, die Anstiegsraten) obwohl derzeit parallel eine extreme Ausweitung der Geldmenge vonstatten geht, die natürlich nicht direkt den Konsum ankurbelt, aber über Liquiditätsinjektionen bzw. Stützungsprogramme auf indirektem Wege allein über den Erhalt der Systemstabilität eine positive Auswirkung hat. Zudem gibt es auch in China reine Ankurbelungen wie etwa eine Art Abwrackprämie und ähnliches. Frei nach dem Konzept des abnehmenden Grenznutzens lässt sich so etwas nicht ewig fortsetzen (auch wenn dieses Experiment gerade in den USA durchgeführt zu werden scheint). Die Frage ist, wie lange die Konsumenten und der Staat dieses Tempo durchhalten können. Die Zeit vor dem großen letzten Schwung, der derzeit noch nachhallt, kann einen ungefähren Eindruck vom möglichen – konservativ geschätzten – Rückschlagspotential vermitteln.

Dies alles soll nicht bedeuten, dass es keine Investmentchancen in China oder im asiatischen Raum gibt, weit davon entfernt. Wir wollen nur darauf hinweisen, dass auch dort das Potenzial begrenzt ist. Nicht vergessen werden dürfen etwas der gigantische Überhang an Gewerbeimmobilien sowie die selbst für Westler beeindruckende Höhe an öffentlichen Transferleistungen zur Erhaltung des sozialen Friedens.

Zum Abschluss ein Blick auf den Aktienindex Shanghai Composite und den Vertreter desjenigen Landes, dem in den 70er und 80er Jahren die uneingeschränkte wirtschaftliche Vorherrschaft zugeschrieben wurde: Japan. Es bleibt abzuwarten, ob dem aktuellen Lokomotivführer nicht auch auf halbem Wege die Kohlen ausgehen.

Nikkei versus Shanghai Composite

Wie sagte einst „der Kaiser“ so schnell, sicher und falsch? Der deutsche Fußball wird auf absehbare Zeit unschlagbar sein.

So kann man sich irren.

Doktor, wir sind on air!

An gewagten Aussagen ist derzeit kein Mangel, aber der Chef von Boeing hat kürzlich eine selten gesehene Weitsicht an den Tag gelegt. Er sagte, was an sich nicht so selten ist, er könne sich vorstellen, der Tiefpunkt für seine Branche sei erreicht. Das denken viele, aber bei den großen Herstellern von Passagierflugzeugen ist diese Aussage nicht so mutig, wie sie vielleicht klingt. Warum? Das zeigt ein Blick auf die Nettoaufträge für die amerikanische Boeing und die oft mehr mit sich selbst als mit dem Bau von Flugzeugen beschäftigte Schmiede Airbus.

Zur Vorbereitung eine kleine Betrachtung des Begriffes „Tiefpunkt“. Ein Tiefpunkt kann erreicht sein, wenn etwa Werder Bremen nach dem siebten Spieltag auf dem 13. Tabellenplatz steht. Die Aussage „das ist der Tiefpunkt“ hat eine gewisse Substanz, denn theoretisch gibt es ja noch schlechtere Platzierungen. Stünde Bremen allerdings auf dem letzten Tabellenplatz, dann könnte man sich die Aussage sparen, denn das dort der Tiefpunkt für die Saison erreicht ist, ist unstrittig. Die Frage müsste in diesem Falle eher lauten, ob man gedenkt, sich von diesem Tiefpunkt zu entfernen, und wenn ja, wie weit.

Die Lage der Flugzeugbauer ist derzeit leider nur mit Platz 18 in der Liga vergleichbar, das zeigt ein Blick auf die Nettobestellungen in 2009. Wir sehen dort eine ein- und eine zweistellige Zahl. Airbus hat netto, sprich nach Stornierungen, gar erstaunliche 11 (elf) Aufträge, Rivale Boeing deren 7 (sieben) vorzuweisen. Na, da müssen in den Werken ja die Schraubenschlüssel glühen und die Aluminiumnachfrage sollte ungeahnte Ausmaße annehmen. In den Jahren zuvor lagen die Bestellungen bei jeweils um die 1000 Stücke, wir sind also im Bereich von etwa einem Prozent des alten Auftragsvolumens.

Aufträge Airbus Boeing Krise

Diesbezüglich stimmen wir dem Boeing Flugzeugchef Carson zu, das ist ein Tiefpunkt, denn auf die paar Flieger, die man noch von der Nulllinie entfernt ist, kommt es auch nicht mehr an. Die Frage, ob und wie man sich bei Boeing von diesem Tiefpunkt zu entfernen gedenkt findet eine hochinteressante Antwort.

In der FTD heißt es „einige interne Boeing-Analysten rechneten bereits für Ende 2009 wieder mit einem Anziehen der Nachfrage.“ Eine nicht besonders mutige Aussage angesichts einer im Augenblick bei fast Null liegenden Nachfrage, da fällt uns gleich die alte Bauernregel wieder ein: „Regen im Mai, April vorbei“.

Bei Airbus spricht man derzeit von Produktionskürzungen, die ab 2010 greifen, und bei ca. 20% liegen sollen. Angesichts der Situation der Carrier (siehe dazu auch unseren Artikel), der kommenden Pleiten zahlreicher Airlines und dem deutlich abgesackten Luftfrachtvolumen wird sich zeigen ob man damit auskommt. Allein die gestiegenen Kosten bei der Finanzierung bzw. dem Leasing neuer Maschinen sind nicht sonderlich förderlich und werden einigen kleineren bis mittleren Luftfahrtunternehmen den Hahn abrehen, Entscheidend wird sein, ob es annähernd gelingt, die Fixkosten entsprechend in den Griff zu bekommen. Angesichts der Fähigkeit, gerade bei Airbus, auch in guten Zeiten kein Geld zu verdienen, sollte man diese Wette nicht eingehen. Höhere Preise werden sich zudem in diesem Umfeld wohl kaum durchsetzen lassen.

Vorreiter

Andere haben den Weg zum Abgrund dank starker Führung schon schneller gefunden. Der Einzelhandelskonzern Arcandor (allein für die Kreation oder den Kauf dieses Namens sowie für den ebenso stumpfsinnnigen Bezeichner der Tochter „Primonda“ wäre es gerechtfertigt das Pfählen wieder einzuführen) hat nun die weltliche Existenz des nicht insolventen Wirtschaftsunternehmens abgelegt und umgibt sich mit dem hochaktuellen Konkurs-Karma. Sehr spannend dürften die recoveries, also die Restwerte der faulen Arcandor Kredite werden, hat doch die zweibeinige Zahnleiste aus Gütersloh im Zuge der Aktion „Besenrein“ mit den Immobilien auch die letzten Assets der Warenhauskette unter nebulösen Umständen verkauft. Immerhin zeigt sich die prognostische Gabe des Meisters, wenn man einen Blick auf das seinerzeit ausgegeben Kurzsziel „40“ schweifen lässt. Er meinte sicherlich 40ct, und das Ziel könnte durchaus noch in dieser Woche erreicht werden. Dann wird Vollzug gemeldet und Frau Schickedanz wird sich die ergrauten Strähnen aus der Stirn streichen und sich ob der Fehlinterpretation grämen. Wie konnte sie nur glauben, der Meister habe 40 EURO gemeint?

Middelhoff

Wirklich fahrlässig, aber beim Tanztee mit Frau „Gucci“ Schaeffler können die Damen ja gemeinsam ein paar Zwiebeln schneiden, falls die Tränen mittlerweile getrocknet sind. Tränen kommen nämlich immer gut an, vor allem wenn der Grund der Trauer ein quasi auf Hartz IV Niveau eingedampftes Vermögen im bemitleidenswerten dreistelligen Millionenbereich ist. Auch wir werden noch das ein oder andere Solidaritäts-Kerzlein entzünden und den düsteren Himmel der großen Entscheider ein wenig auszuleuchten. Halleluja. Oder steht es schlimmer um die Finanzen? Dann sollte es bei Sal. Oppenheim aber lichterloh brennen. Warten wir’s ab…

Ach, ja. Erst im Januar 2008 wurde einem bekannten, an Misserfolgen nicht armen Kaufhaus-Angestellten die Ehrendoktorwürde in Leipzig verliehen. In der Begründung heißt es unter anderem:

Mit seinem Führungsstil ‘Trust and Speed’ fordert, fördert und motiviert Middelhoff seine Mitarbeiter.

Dem geneigten Leser stellt sich die Frage, wer Personen aus welchem Grund für einen derartigen Titel auswählt. Wenn es wirtschaftliche Erfolge nicht sein können – erinnern wir uns an das Bertelsmann Desaster und die Firma Lycos – liegt es vermutlich an der Hoffnung auf Drittmittel. Schon toll, dass man sich Titel in unserer Demokratie nicht kaufen kann….

Die Frage was „Trust and Speed“ eigentlich heißen soll, lassen wir mal offen. Sicher ist diese Phrase so inhaltsschwer wie die Begriffe „Arcandor“ und „Primonda“. Oder müssen wir uns etwa Sorgen mache, dass Arcandor vor lauter Trust and Speed nicht bei „Keine macht den Drogen“ mitmacht? Pardon, mitgemacht hat.

Schwerwiegend

Hoppla. Da wollte die bundesdeutsche Wirtschaft so schnell den akuten Fall bremsen, dass sie nun vor lauter Hektik Gas und Bremse vertauscht hat. So markierte die Veränderung der auf Jahresbasis kalkulierten Industrieproduktion ein neues Allzeittief. Für einen gefühlten Exportweltmeister keine ganz unwichtige Zahl. Erstaunlicherweise scheint sich der aktuelle Rückgang in allen Bereichen der Wirtschaft so um die Zahlenwerte zwischen -20% und -25% einzupendeln. Das betrifft nicht nur die Produktion, sondern naturgemäß auch die Logistik, wo der Mangel an zu transportierenden Gütern zu entsprechenden Einbrüchen in den Bereichen Häfen, Luftfahrt und Bahntransport geführt hat. Allein bei der Deutschen Bahn stehen derzeit von 120.000 Güterwaggons gute 35.000 in der Gegend herum, womit wir mit 29% Leerstand bei einer Auslastung von 71% landen. Da wird wohl demnächst der Kohlepfennig für Bahnfahrer direkt am ICE Schalter fällig, wobei €2,50 nicht ausreichen dürften.

Industrieproduktion Deutschland

Angesichts des Grades an Sättigung der westlichen Volkswirtschaften ist auch auf lange Sicht hier wohl bestenfalls mit einer Stabilisierung auf tieferen Niveaus als in der Vergangenheit zu rechnen. Die reale Entwicklung des Bruttoinlandsproduktes in den USA in den letzen Jahren weist diesbezüglich den Weg. Man wandert sukzessive auf tiefere Niveaus, beachten Sie die horizontalen Durchschnittslinien im folgenden Chart.

Reales GDP USA

Die Entwicklung der Kapazitätsauslastung in den Staaten stößt ins gleiche Horn. Es geht hier nicht um diese oder jene Rezession, von Interesse ist der Trend, und der ist eindeutig, auch ohne die aktuelle Beschleunigung.

USA Kapazitätsauslastung

Was auch immer der ein oder andere Ökonom in seinem wirtschaftlichen Kramladen findet, „green shoots“ sollten sich nach wie vor nicht zeigen. Im Gegensatz zu vielen Volkswirtschaften des asiatisch-pazifischen Raums liegen in den westlichen Industrie- und „Dienstleistungsgesellschaften“ die Zeiten der „Hurrah-Booms“ vorerst in der Vergangenheit und die Zeiten struktureller Anpassungen an die Realität voraus.

Nur einmal zur Verdeutlichung. Der Einfachheit halber einmal angenommen, die Ökonomie stabilisiert sich auf dem aktuellen Niveau. Die Überkapazitäten liegen nicht nur in den USA auf oder in der Nähe der Allzeithochs. Für die Ausrüstungsinvestitionen sähe es folglich düster aus, für die Transporteure und Weiterverarbeiter ebenfalls. In sämtlichen Bereichen wäre – wie ja bereits in Ansätzen zu beobachten – ein Investitionsstopp die logische Folge. Bei den Automobilherstellern und Zulieferern, die die Rezessionsgeißel direkt als erste auf den Rücken bekamen, kam es teils zu negativen Auftragseingängen. Der Wert der Stornierungen übertrag den der Neuaufträge. Wie gesagt, einer weiteren Verschlechterung würde es gar nicht bedürfen.

Beste Voraussetzungen also für einen Boom? Abgesehen von einer Katastrophenhausse, frei nach Ludwig von Mises, dem bekanntesten Vertreter der österreichischen Schule der Volkswirtschaft (sehr lesenswerte Texte zu dieser Ausrichtung gibt es hierzu unter http://mises.org/) wohl kaum. Die Bewertungen der Unternehmen sind, in Amerika noch mehr als in Europa, selbst auf Basis der wohl nach wie vor signifikant zu hohen Konsensusschätzungen, jenseits von gut und böse. Zudem schützt die gerne als Realwert betrachtete Aktie nur dann vor Geldwertverlusten, wenn das Unternehmen an dem man einen Anteil hält, nicht zum Insolvenzrichter schreitet. Ein Schicksal, dass nicht nur den Arcandors dieser Welt widerfahren kann.

Ein Blick auf den DAX, der sich durch die Erholung seit den Tiefkursen im Frühjahr bis an die Widerstandszone 5130/50, und somit fast in Schlagweite zum 5320er Level gepirscht hat. Nachdem man diese Party, jeder auf seine Weise, genossen hat, mahnt das aktuelle Bild zur Vorsicht. Die Volumensentwicklung ist eher trostlos und, was angesichts der Deutlichkeit nicht unterschätzt werden darf, verläuft gegen den Trend, die Dynamik der Aufwärtsbewegung ist versandet und Ausbruchsversuche nach oben wurden nicht akzeptabel angenommen.

MDAX Trend und Volumen

Bisher fehlt eine technische Bestätigung eines Impulswechsels, da dieser sich aber wie der Name schon sagt in der Regel dynamisch entlädt, besteht wenig Anlass sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Auch ein guter Ausstieg gehört zum Trading, für einen Buchgewinn bekommt man nicht einmal eine Arcandor Aktie.

Schwächer als der DAX zeigt sich unserer Meinung nach übrigens der Kollege MDAX. Technische Anzeichen eines Impulswechsels sollten sich folglich zuerst in diesem Index zeigen. Augen auf im Straßenverkehr! Zeigt sich technische Schwäche, die in diesem Falle mit einem üblen fundamentalen Bild einhergeht, so ist dies ein seltenes Geschenk.

Der Kranich. Hurz.

Als Mitglieder einer der zahlreichen großen Kulturnationen kennen wir ja alle Hape Kerkelings Kleinod „Hurz“ (sehr empfehlenswert auch Kerkeling als iranischer Schachgroßmeister, die 9 Minuten lohnen sich: Youtube-Video). Ein Blick auf die Daten der International Air Transportation Association (IATA) lässt nicht nur für den Habicht sondern auch für Herrn Kranich und Kollegen nichts Gutes vermuten. „Fasten your seatbelts“ heißt denn auch eine der treffenden Aussagen des seriösen und in seinen Publikationen nicht zu emotionalen Ausbrüchen neigenden Verbandes.

Nach drei Monaten mit drastischen Rückgängen im Fracht- und Personenverkehr, strafen die aktuellen Daten die green shoots Jünger ein weiteres Mal lügen. Auch für den vergangenen Monat war auf Jahresbasis ein Rückgang von 20% zu vermelden. Nach den durchgängig nicht gerade erquicklichen Zahlenwerken der Airlines im Vorjahr (und viele Jahre davor) sieht es nun wahrlich nach einem Katastrophenjahr aus. Der Sektor muss mit Umsatzrückgängen von $62 Milliarden (!) rechnen, was auf einen Verlust in einer Höhe von mindestens $4,7 Mrd. hinauslaufen sollte. Wie gesagt, das sind die Werte, auf die man abzielt, wenn die Lage sich nicht verschlechtert sondern stabilisiert (Anmerkungen durch uns).

So gibt es denn auch drei schlichte und ehrlich formulierte Ziele der IATA:

  1. Sicherheit (klar, existenziell)
  2. Kapazitätsanpassung (weniger Jobs, Maschinen und Infrastruktur)
  3. Cash zusammenhalten (oder auftreiben, neuer Margendruck bei den Flughäfen)

Sicherheit ist von jeher das originäre Ziel und bedarf keiner Erläuterung. Die Rückführung von Kapazitäten sollte aber den Auguren zu denken geben, die sämtliche ökonomische Indikatoren für „lagging“ erklären und den Aktienmarkt als neuen vorlaufenden Universalindikator ausgemacht haben. Wohlgemerkt, an beiden Ideen ist etwas Wahres dran, viele wirtschaftliche Kennzahlen laufen der Entwicklung hinterher, manche mehr, manche weniger. Und auch an der Aussage, der Aktienmarkt laufe der realwirtschaftlichen Entwicklung voraus ist etwas dran. Falsch sind nur die Generalisierungen. Wenn die Arbeitslosigkeit, die zweifelsohne ein „lagging“ Indikator ist, steigt, heißt das im Umkehrschluss nicht, dass in Kürze ein Aufschwung bevorsteht. Genauso falsch wäre es, in jedem Anstieg des S&P 500 seherisch einen Konjunkturaufschwung am Horizont zu wähnen.

Da viele Unternehmen vor einer ähnlichen Situation wie die Airlines stehen, werden wir uns noch an massiven „Kapazitätsanpassungen“ erfreuen dürfen. Was nichts anderes als Auftragsrückgänge bei Ausrüstern, Jobverluste bei Anbietern und Ausrüstern,, Dividendenstreichungen et cetera bedeutet.

Ein Aufschwung sieht jedenfalls anders aus und wird sich erst von anderen Niveaus ausgehend bilden können. Die Japaner können davon ein Liedchen singen. Was bei den bisherigen durch Kurzarbeit und anderweitige Puffer gemilderten Reduzierungen der Arbeitsplätze herauskam zeigt die Arbeitslosenquote für Europa, die gerade ein frisches Zehnjahreshoch markiert hat. Beeindruckend ist vor allem Spanien, das direkt vom Scheinboom in die tiefe Job-Siesta übergetreten ist und mit einer Arbeitslosenquote von über 18% noch vor dem geprügelten und de facto insolventen Baltikum rangiert. Besonders die Jungen Iberer sind betroffen, satte 36,2% der unter 25-jährigen Spanier sind ohne Job. Olé! Beim heiteren Quotenraten hätte man bei dem Niveau eher auf den Tschad getippt.

Arbeitslosigkeit Europa

Zurück zu den Luftfahrtunternehmen, bei denen die Kapazitäts- und Kostenreduktion wirklich drängt. Schaut man auf die Verläufe von Kapitalkosten und Return on Capital an, wird jedem wirtschaftlich veranlagten Wesen übel. Man ist geneigt, die Frage zu stellen, wer eigentlich dieser Branche noch Fremdkapital zur Verfügung stellt.

Airlines unter Margendruck

Na Prima! Während sich die Branche den verbliebenen und potentiellen Kunden mit Werbegesülze à la “the only way to fly” präsentiert, verdient man seit 1993 (und wie der Chart nahelegt wohl auch vorher) nicht einmal die Kapitalkosten. Das bedeutet, auf mittlere Sicht ist die finanzielle Position der Carrier ungefähr so bequem wie die Bockwurst-im-Glas Sitze auf einem Flug nach Sydney. Da fühlt sich der Anleihegläubiger sicher bestens aufgehoben. Um die Position des Investors zu perfektionieren, bietet sich dann noch die Teilnahme an einer Kapitalerhöhung mit dem Zwecke der Auszahlung von Dividenden an. So ist man dann mit beiden Füßen im Irrsinn. Rendite war gestern.

Mittlerweile spricht denn auch die ehemals stolze British Airways offen vom Überlebenskampf. Noch vor einigen Jahren stellte man die absurden Bewertungen an den Tech-Börsen gerne mit Vergleichen zu alten Standardwerten dar. In UK hieß es seinerzeit oft: Rubbish.com stellt nichts her und ist so teuer wie BA. Mittlerweile hätte diese Analogie ihre ganz eigene Absurdität. So teuer wie BA zu sein hat jedenfalls nicht mehr viel zu bedeuten.

Und was sagt der Kranich dazu? Hurz!

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