Erst die Zinsen und dann…
Während angesichts der schwebenden Probleme am Markt für Gewerbeimmobilien in der Regel eine Mischung aus Ratlosigkeit und Zweckoptimismus herrscht, hat nun selbst das Congressional Oversight Panel (COP) in den Vereinigten Staaten die systemischen Risiken adressiert. Damit ist diese offizielle Institution zwar spät dran, geht aber in der Tat weiter als viele wohl auch jetzt noch eher der Hausmeinung verpflichtete „Analyse“-Abteilung.
Schaut man sich die Situation an, so ist klar: Mit der verschlafenen Wiederholung von Argumenten, warum alles zwar schlimm aber doch irgendwie auch gut ist, kommt man nicht zu einem klaren Bild der Situation. So lesen sich auch zahlreiche Statements aus dem aktuellen Report des COP. Hier ein kurzes Beispiel:
A significant wave of commercial mortgage defaults would trigger economic damage that could touch the lives of nearly every American. Empty office complexes, hotels, and retail stores could lead directly to lost jobs. Foreclosures on apartment complexes could push families out of their residences, even if they had never missed a rent payment. Banks that suffer, or are afraid of suffering, commercial mortgage losses could grow even more reluctant to lend, which could in turn further reduce access to credit for more businesses and families and accelerate a negative economic cycle.
[…] hundreds more community and mid-sized banks could face insolvency. Because these banks play a critical role in financing the small businesses that could help the American economy create new jobs, their widespread failure could disrupt local communities, undermine the economic recovery, and extend an already painful recession.
Alles in allem sind dies keine überraschenden Szenarien, erstaunlich ist vielmehr, dass diese Ansichten nach langer Zeit langsam ernstgenommen zu werden scheinen. Im Hinblick auf die Größe des Gewerbeimmobilienmarktes kann es nicht schaden, die Probleme zu adressieren. Die bekannte Faktenlage ein paar Jahre früher anzuerkennen hätte allerdings auch keiner sonderlichen wissenschaftlichen Akribie bedurft. Zum einen ist es der gewaltige Umfang des gewerblichen Immobilienmarktes der Sorgen bereitet, die ausstehenden Kredite betragen rund $3300 Mrd. Zum Vergleich: An Subprime Krediten gibt es ca. $1500 Mrd., Alt-A loans $2500 Mrd., und die so genannten Prime Hypotheken machen etwa $4500 Mrd. aus. Das Grund legende Problem bei Gewerbeimmobilienkrediten ist die Verschiebung weg von einer normalen Kreditvergabe, bei der die Schuldner mit jeder Rate Zinsen und Tilgung leisten, hin zu so genannten interest-only loans. Das sind Kredite, bei denen der Schuldner lediglich Zinsen zahlt und bei der Fälligkeit des Kredites entweder alles auf einen Schlag zahlt („balloon payment“), was aktuell die Fähigkeit vieler Schuldner übersteigen dürfte, oder den Kredit komplett refinanziert („roll over“). Solche Kreditvergaben sind eigentliche charakteristisch für subprime Kredite im privaten Sektor, aber in der Boomzeit hat sich die Marotte auch in den „professionellen“ Sektor eingeschlichen. Der Anteil derartiger Kredite ist unangenehm hoch, wie die für CMBS Transaktionen vorliegenden Zahlen zeigen.
Ein Blick auf den Anteil der interest-only loans zeigt, hier rollt in den kommenden Jahren eine Refinanzierungswelle auf den Bankensektor zu, der dummerweise gerade nicht sonderlich an einer Refinanzierung von Krediten interessiert sein dürfte. Vor allem vor dem Hintergrund der drastisch gesunkenen Mieteinnahmen und der Preise für die Immobilien dürfte es für die Schuldner schwierig werden, die volle Summe zu refinanzieren ohne weitere Sicherheiten nachzuschießen. Platzt der Kredit, so kommt es wie bei den privaten Immobilien zu Zwangsversteigerungen und Notverkäufen. Wie im privaten Sektor werden einige Banken bei kleineren Objekten selbst den Finger bei der Auktion heben, um die sichtbaren Preise nicht sturzartig fallen zu sehen (Stichwort „real estate owned“). Das bringt einen kleinen Zeitgewinn, verstopft die Bilanz aber mit dem illiquiden Asset und schränkt die Kreditvergabefähigkeit weiter ein.
Die Banken, die ABS Emittenten (viele Kredite wurden verbrieft) und die Versicherer stehen für mehr als $2200 Mrd. aller gewerblichen Immobilienkredite (CRE loans), das sind annähernd 80% des ausstehenden Volumens.
Laut COP sind derzeit rund $200 Mrd. an CRE Krediten als distressed eingestuft. Vor dem Hintergrund der in den kommenden Jahren beginnenden Fälligkeitswelle ist mit einer deutlichen Steigerung zu rechen, so gibt es durchaus ernstzunehmende Projektionen, die von mehr als 25% Ausfällen in den kommenden vier Jahren ausgehen. Die Recoveries sollten, das zeigt sich auch in anderen Bereichen, nicht zu hoch angesetzt werden. Durch die laxe Kreditvergabe und die drastisch gesunkenen Werte der Sicherheiten, die im Falle von Notverkäufen weiter unter Druck geraten würden, sind die optimistischen Parameter der Vergangenheit auch hier hinfällig.
Das als Lösungsansatz vermarktete Vorgehen einer weiteren Zentralisierung des Bankensektors ist – vor allem vor dem Hintergrund der „too big to fail“ Problematik – geradezu absurd. Die voranschreitende Zentralisierung zeigt sich bei einem Blick auf die Verteilung aller Bankenassets auf die Insitute.
Vielleicht legt ja diese oder die nächste Administration die großen vier Institute einfach zusammen zur Wells Morgan Citi Bank of America. WMCA, das erinnert sogar ein wenig an alte Gassenhauer. Die schlechten Assets dieses Molochs kann man bei der Federal Reserve einbuchen, und die Regionalbanken, die es bis dahin geschafft haben, werden zu Filialen. Nichts ist unmöglich.
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Februar 25th, 2010 at 00:22
[...] Erst die Zinsen und dann…zu systemischen Risiken [...]
Februar 25th, 2010 at 14:24
…was wieder einmal nur eines belegt: Weder konnte Daimler-Mercedes – mit der ersten Version seines “Smart” – beweisen, dass es die Physik überlistet hat, noch können die Finanzinstitute der Welt mit irgendeinem Finanzkonstrukt, das sie ersannen, zeigen, dass man die Gesetze der Schularithmetik außer Kraft setzen kann… aus nichts wird genau nichts, und was man heute nicht löst, das bleibt morgen noch zu lösen. Fregt sich nur, wer den sich auftürmenden Problemberg dann noch überschaut.
Februar 26th, 2010 at 10:28
Danke, wieder interessanter Artikel.
“..hier rollt in den kommenden Jahren eine Refinanzierungswelle auf den Bankensektor zu, der dummerweise gerade nicht sonderlich an einer Refinanzierung von Krediten interessiert sein dürfte. Vor allem vor dem Hintergrund der drastisch gesunkenen Mieteinnahmen..”
Ja.
So wie bei uns in DE auch.
Wo/Gibt es Zahlen ?
März 1st, 2010 at 20:59
@Kroesus2
In Deutschland sind die Kreditvergabestandards nicht derart aufgeweicht worden, was ein Vorteil ist. Da viele Banken sich aber das Risiko verpackt auf die Bilanz haben schwatzen lassen oder schlicht in optimistischer Kurzsicht den Hebel zu hoch gefahren haben, sollten sich die Refinanzierungsbedingungen auch in der BRD nicht verbessern.
An zumindest konsistente Daten aus einer Hand ist leider in Deutschland nicht immer so einfach heranzukommen. Die Beurteilung der Fähigkeit zur Kreditvergabe leidet aktuell zudem unter den “Basel III” Vorschlägen. Sollten diese – wider Erwarten – wirklich entgegen allem Lobbyismus hart ausfallen, könnte sich die Situation rasch verschärfen, da der Mangel an echtem Eigenkapital dann sehr deutlich zu Tage treten wird.
Beste Grüße
Bankhaus Rott
März 2nd, 2010 at 09:50
Man hört, dass Immobilienfonds zunehmend Schwierigkeiten bekommen, sich nach Ablauf Zinsbindung bei den großen Hypothekenbanken, wie der EuroHypo, neu einzudecken.
Das hängt natürlich neben den aufgeblasenen Bilanzen auch mit der Werthaltigkeit der Fondsobjekte und dem Verfall der Gewerbemieteinnahmen zusammen.
Wo würde der Vorstand nach Zahlen recherchieren ?
März 2nd, 2010 at 15:08
@Kroesus2
Zur Aufgeschlossenheit der Kreditinstitute lassen sich wie oben gesagt nur Schätzungen abgeben. Die Probleme bei Immobilienfonds bleiben aber den Banken nicht verborgen, die Preisrückgänge im Sektor treffen die Institute ja ebenfalls direkt.
Interessant ist es zum einen sich bei temporär geschlossenen Immobilienfonds die weiter quotierten Börsenkurse anzuschauen. Diese weichen teils massiv von den Fantasierücknahmepreisen der Emittenten ab. Zum anderen sind die Factsheets oder Hinweise zur Fondsstruktur auf den Internetseiten der Fondsanbieter oft sehr aufschlussreich. Bedeutsam sind neben der geografischen Ausrichtung die Sektorschwerpunkte und die Mietlaufzeiten.
Beste Grüße
Bankhaus Rott