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US-Bundesstaaten – Im Bunde mit dem Defizit

Vor lauter Erholungsparolen sind mittlerweile nicht nur die Renditen der bis dato als stabiler geltenden Staaten auf die Überholspur gewechselt. Kurz währte die Freude des Radiomoderators beim Blick auf die Renditen portugiesischer Anleihen, die den „Renditeabstand zu deutschen Bundesanleihen reduzieren konnten“. Schade, wenn es nichts bringt, weil gleichzeitig Bund und Buxl einen Schwächeanfall erleiden und somit wohl weitaus größerer Flurschaden droht. Angesichts der so gut wie nicht mehr vorhandenen Liquidität im europäischen Peripheriedschungel noch über Sprünge von 50 Basispunkten bei Ramschanleihen zu berichten lohnt ohnehin nicht. Der Markt besteht nur noch aus der EZB und ein paar Spezis, die handeln müssen – in der Regel wohl zum Positionsabbau.

Auch in den USA ist nicht nur der Markt für die Papiere des Schatzamtes unter Druck. Beeindruckend ist der nachhaltige Abverkauf der Municipal Bonds (siehe Artikel „Kommunale Mangelerscheinungen“ ). Hier kommt es weiter zu deutlichen Abgaben, mittlerweile stellen auch viele Marketmaker für Muni-ETFs die Bid-Ask Spanne – wie man so schön sagt – breit aber ehrlich. Auch die Leihe derartiger Papiere für Short Sales gestaltet sich nicht einfach, nicht gerade ein Zeichen überbordender Liquidität. Hier noch einmal der aktuelle Chart des umfassenden S&P Muni-ETFs.

Well bid...

Ein wunderschöner, vom Volumen bestätigter Abverkauf, der kaum Wünsche offen lässt. Besonders ärgerlich für die Emittenten und Besitzer derartiger Papiere ist die Tatsache, dass diese Bewegung fundamental gut untermauert ist. Innerhalb weniger Wochen wurden die Kursgewinne von mehr als einem Jahr mit leichter Hand ausgewischt. Vor dem Hintergrund eines auf dünnem Eis tänzelnden Treasury-Marktes und den trotz QE-Zaubereien in der Breite anziehenden Renditen der Staats- und Hypothekenpapiere ist der stramme Gegenwind aus den desolaten Haushalten der Bundesstaaten das Sahnehäubchen auf dem Problemkuchen. Erste Spuren der neu aufflammenden Nervosität sind auch am Immobilienmarkt wieder zu spüren, der direkt am Tropf sehr niedriger Zinsen hängt.

Der Abverkauf folgt der wirtschaftlichen Realität, wenn auch, wie so oft, mit einiger Verzögerung. Derzeit belaufen sich die laufenden Haushaltsdefizite der US-Bundesstaaten insgesamt auf rund 20% der Gesamtbudgets, da staunt so manch Bewohner der EU Pleitiers. Man hört ja kaum etwas davon. Derzeit liegen die Schätzungen für den Fehlbetrag im aktullen Fiskaljahr bei etwa $130, für die folgende Periode wird von einer Lücke in Höhe von mindestens $140 Mrd. ausgegangen. Immerhin, zusammen mit dem Loch aus dem vergangenen Jahr beläuft sich das Zahlenwerk auf gut $380 Mrd. Zur Einordnung, das entspricht umgerechnet in etwa 40% des so genannten Euro-„Rettungsschirms“ und das allein auf bundesstaatlicher Ebene. Dabei werden die staatlichen Haushalte schon massiv durch Transfers des Staates unterstützt. Klar, hier darf ja zur Staatsfinanzierung gedruckt werden, das erleichtert das Auftreiben der fehlenden Mittel erheblich.

Zur aktuellen Situtation bemerkt das Center on Budget and Policy Priorities (CBPP):

In fact, 2012 could well be states’ most difficult budget year since the start of the recession.  Even though state revenues have leveled off after collapsing in the recession, federal assistance to states — mostly from the 2009 Recovery Act — will largely have been used up by the start of fiscal year 2012.  That assistance has prevented state cuts in public services — which have been both deep and broad — from being even more severe. We project that the gap that states will have to fill on their own, once the federal assistance has disappeared, will be larger in 2012 than in any of the past three fiscal years.

Neuzeitlicher Aufschwung ohne Einnahmen

Gut zu sehen sind die ebenfalls quasi aus der Luft finanzierten Beiträge des Staates über den so genannten Recovery Act. Dessen Ziele seien hier noch einmal kurz in Erinnerung gerufen:

(US Regierung/recovery.gov) On Feb. 13, 2009, Congress passed the American Recovery and Reinvestment Act of 2009 at the urging of President Obama, who signed it into law four days later. A direct response to the economic crisis, the Recovery Act has three immediate goals:
-    Create new jobs and save existing ones-
-    Spur economic activity and invest in long-term growth
-    Foster unprecedented levels of accountability and transparency in government spending

Alle drei Ziele wurden nicht nur nicht erreicht sondern um einige astronomische Einheiten verfehlt. Dennoch haben die Mittel die Haushalte der Bundesstaaten entlastet, wie auch oben stehende Grafik zeigt. Natürlich wären ohne diese Subventionen nicht die gleichen Ausgaben im vollen Umfang vorgenommen worden, wie dies der Fall war. Fremdes Geld gibt sich leichter aus.

Die Probleme der Bundesstaaten resultieren direkt aus der anhaltenden Krise. Bezogen auf die reale Wirtschaft haben sämtliche Programme nicht gegriffen, der Arbeitsmarkt ist in einer desolaten Verfassung, die Einnahmen der Steuereintreiber sinken und können mit den typischerweise steigenden Ausgaben schon lange nicht mehr Schritt halten. Derzeit gibt es einige Staaten, die mit massiven Einschnitten beim öffentlichen Dienst vorangehen. Dies mag angesichts einiger sehr generöser Gehaltsstrukturen angemessen sein, allerdings sind die Defizite derart groß, dass auch Schulschließungen oder auch Insolvenzen städtischer Schulsysteme auf der Agenda stehen. Die Entlassungen im öffentlichen Dienst treffen direkt wieder den Konsum und somit die staatlichen Einnahmen. Gleichzeitig steigen die Ausgaben für staatliche oder bundesstaatliche Aufgaben (medizinische Versorgung, Arbeitslosenhilfe, Lebensmittelmarken) rasant. Das Gerücht übrigens, die medizinische Versorgung in den USA sei schlank und daher billig und effizient ist ebenso hartnäckig wie falsch.

Die Systeme fressen schon jetzt gigantische Löcher in die Staatskasse. Die Leistung können wir nicht beurteilen, billig aber ist das System mit Sicherheit nicht.
Die Auswirkungen der Defizite sind vor allem in den wachsenden Bemühungen um die Reduzierung der Ausgaben zu sehen. Klar, mit dem Arbeitsmarkt wird sich auf der Einnahmenseite wohl auf absehbare Zeit nichts Positives zeigen. So schaut der Sparkommissar in alle Ecken und versucht sich in Budgetkürzungen. Bizarr wirkt das alles nur vor dem Hintergrund des Feuerwerks, dass die Fed und das Schatzamt laufend abbrennen. Hier drucken, da Papiere aufkaufen, dort mit Nullzinsen subventionieren und andernorts sparen. Drah di net um, der Kommissar geht um, und zwar in allen Bereichen, wie die Grafiken zeigen.

Bundesstaatliche Sparprogramme USA

Die Folgen sind absehbar. Drastischer Abbau der Strukturen im öffentlichen Dienst, vermutlich bei einer parallel stattfinden Reduzierung der Bezahlung der verbliebenen Arbeitskräfte. Schließung vieler Einrichtungen, auch Unis oder Schulen, und Konzentration auf Kernprojekte, deren Betrieb sich die öffentliche Hand leisten kann. Weniger Service heißt für die Bürger des Weiteren längere Wege, längere Wartezeiten, also ein allgemein mehr Zeit konsumierender öffentlicher Dienst. Dazu kommt weniger Konsumnachfrage durch gedrückte Löhne und Gehälter sowie vermutlich weitere Steuererhöhungen. Die ach so wundervollen niedrigen Steuern in den USA – vielen noch bekannt aus zahlreichen 90er Jahre Talkshows – haben die Trendwende nach oben schon lange vollzogen. Die sinkende Nachfrage durch Aufträge der öffentlichen Hand trifft den lokalen Dienstleistungs- und Produktionssektor, Verträge werden neu verhandelt oder nicht verlängert.

Dazu gesellen sich auf bundesstaatlicher Ebene höhere Refinanzierungskosten, Investoren werden sich auf mehr Zahlungsausfälle vorbereiten können – der aktuelle Abverkauf  bei den Munis ist schon einmal ein gutes Training für die Nerven. Der Sparkommissar hat, wie die oben stehende Grafik zeigt, sein Werk schon begonnen. Dazu kommen noch die Onkels Sam und Ben, die das ihre tun, um die strukturelle Abraumhalde nicht aufzuräumen sondern mit Lametta aufzubrezeln. Das einzige was dabei herauskommt ist ein Zeitgewinn – man könnte es auch eine Verschleppung nennen – und eine künstliche Stützung von Assetpreisen.

Die Frage, warum es sozial gerecht sein soll, Hauspreise zu stützen, nur weil es Menschen gibt, die Häuser haben, wird selten gestellt. Warum sollen eigentlich sinkende Hauspreise unsozialer sein? Es gibt ja auch eine Menge Menschen, die gerne ein Haus hätten, allerdings zu einem erschwinglichen Preis. Hoher Preis gut, niedriger Preis schlecht? Eine seltsame Auffassung von diesen Begriffen, von der Marktwirtschaft im Allgemeinen und von der Gerechtigkeit im Besonderen. Ginge es um Brotpreise, so würde manch einer mit dieser Argumentation wohl arg ins Schwitzen kommen. Dabei ist die Diskussion ohnehin nicht zielführend, langfristig funktioniert eine Preisfestlegung, sei es nach oben oder unten, sowieso nicht, aber wer will den Talkshows schon ihre Dauerthemen nehmen.

Von der Liquiditätsseite aus betrachtet, scheint der Muni-Markt derzeit genauso nicht vorhanden zu sein wie der „Markt“ für einige europäische Staatsanleihen.

“Nobody’s bidding,” Tony Shields, a principal in the public-finance department at Williams Capital Group LP in New York, said in an e-mail. There’s “an avalanche of bid-wanteds, and there is just not enough liquidity to accommodate this much sell-side pressure.”

Das klingt doch in der Tat nach einer überstandenenen Krise…

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3 thoughts on “US-Bundesstaaten – Im Bunde mit dem Defizit

  1. Das ist ja fast schon ein Schlussgong für 2010.
    Ein Jahr, in dem in den USA alles besser werden sollte, endet als ein Jahr, indem summa summarum die Probleme weiter angewachsen sind.
    Die Munis sind dabei der vielleicht ein besonders deutlicher Indikator, wie die Rezession sich immer tiefer in die Wirtschaft und Gesellschaft hineinschraubt und die Strukturkrise immer sichtbarer und schwerer wird.

  2. Ist mir unverständlich, diese mangelnde Nachfrage nach Munis. Die sind doch alle AAA, weil über hochspezialisierte Anleiheversicherer abgesichert. Selbst Warren Buffet betätigt sich in diesem Versicherungsbereich, als längjähriger Anteilseigner bei AIG, sollte er sich in dieser Branche ja auch bestens auskennen.
    Wäre das nicht auch ein Geschäftsfeld für deutsche Landesbanken? Jetzt Munis kaufen, fette Zinsen kassieren und nachdem der Euro wg. Spanien, Italien… gefallen ist, erst noch einen fetten Kursgewinn abgreifen.
    Da kann doch nichts schief gehen, und wenn doch, zieht man sich vorübergehend unter einen Rettungsschirm zurück, um, wieder zu Kräften gekommen, neue Chancen auf dem Markt der Finanzinnovationen zu suchen.
    Super Seite hier übrigens, trotz der traurigen Themen.

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