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Systemrelevanz leicht gemacht

Heute war es wieder so weit. Eine hörbar gut gelaunte Stimme erklärte den verbliebenen Radiohörern, wie es mit der grünen Insel soweit kommen konnte. Als Ursache wurde – kaum zu glauben – ein „Lehman Schock“ genannt. Der geneigte Hörer musste sich zunächst einmal kurz setzen um sich dann langsam wieder zu sammeln. Die Pleite einer Bank, die eine der desolatesten Bilanzen des Sektors vor sich herschob als Ursache der Misere eines Landes anzuführen, das finanziell unter den Folgen eines kollabierenden künstlichen Booms am Immobilienmarkt leidet, ist doch ziemlich abenteuerlich. Ungefähr so abenteuerlich, wie eine Aussage, die Krise am Immobilienmarkt sei durch die Insolvenz genannten Geldhauses ausgelöst worden.

Mag die über den Äther gesandte Aussage schlicht einer gewissen, weit verbreiteten Nachlässigkeit geschuldet sein. Die rückwirkend betriebene Verdrehung des Ursache-Wirkung Schemas hat derzeit Hochkonjunktur. Wir erinnern uns an die aktuellen, geradezu bizarren „Vorschläge“, Banken sollen sich „an den Kosten der Rettung Irlands“ beteiligen. Hä? Die Banken in Irland haben – wie Banken auf dem ganzen Globus – Investitionen finanziert, die sie entweder gar nicht oder falsch analysiert haben. Viele Investitionen, beispielhaft sei der Häusermarkt genannt, haben sich als mehr oder weniger verlustreich entpuppt. Auf Grund der lächerlich laxen Eigenkapitalregeln für Banken reicht das Eigenkapital der Banken für die Absorption der entstandenen Verluste nicht aus, so dass nun Staaten eben deshalb einspringen, weil der Sektor nicht dazu in Lage ist.

Wir nennen es "Investments", Sire

Vielen Staaten geht das genauso, daher werden nun Schirme aufgespannt und ungeahnte ebenfalls geliehene Mittel in die Hand genommen um über eine Staatenstützung den Bankensektor und die Versicherungen zu subventionieren. Diese Banken sollen nun diese Rettung finanzieren? Vielleicht geht es nur uns so, aber hier scheint ein geistiger Zirkelbezug vorzuliegen. Entweder sollten Investoren die selbst verschuldeten Verluste tragen und sich das hierzu benötigte Eigenkapital besorgen oder es kommt zur planwirtschaftlich-lobbyistischen Stützung des Sektors. In letzterem Falle sollte uns allen aber das Gewäsch erspart bleiben, dass die Banken auch noch zu Rettern hochstilisiert. Derartige Aussagen sind ebenso peinlich wie offensichtlich.

Zwei Ursachen der Bankenmalaise, abseits von Gier, Unvermögen und Selbstüberschätzung sind wohl die Möglichkeit der Querfinanzierung – also der Ausweitung der Kreditvergabe von Banken an Banken – und die unseligen Eigenkapitalrichtlinien des Basel Komitees in Zusammenhang mit der ebenso aberwitzigen Methodik der Risikogewichtung von Assets. Beides ermöglichte erst die hochgehebelten Unternehmensmodelle, die nichts anderes als Schönwetterkonstrukte sind.

Ein schönes Beispiel für die wachsende Vernetzung der Risiken innerhalb des Bankensektors ist der steigenden Anteil der Kredite, den die Insitute untereinander vergeben. Bank eins leiht Bank zwei Geld, diese vergibt einen Kredit an Bank drei, die wieder beim ersten Geldhaus in der Kreide steht. Prima, ein Modell, dass ein ähnliches Risiko trägt wie die Massentierhaltung auf engstem Raum, als etwa ein dicht gedrängter Schweinestall. Fängt sich eines der Tierchen einen Husten ein, so ist der ganze Bestand gefährdet. Dann heißt es: Was dem einen die Dosis Antibiotika ist dem anderen die Staatshilfe. Veterinärmediziner mögen uns diese laienhafte Darstellung nachsehen!

Das Wachstum bei den innerhalb des Bankensektors vergebenen Finanzierungen ist deutlich höher als dies bei den Nichtbanken der Fall ist (alle Werte in Euro).

Immer her mit der Kohle

Diese Tendenz zeigt sich denn auch deutlich beim Anteil der intrasektoral vergebenen Mittel. Seit den 50er Jahren hat dieser Part deutlich zugelegt.

Anteilig betrachtet

Bis auf knapp über 45% am gesamten Kreditvolumen haben es die gegenseitigen Ausleihungen gebracht, ein stolzer Wert, hat sich der Anteil doch seit den 50er Jahren verdoppelt. Dies ist gerade vor dem Hintergrund der immer wieder angeführten Aufgabe des Bankensektors interessant, die ja in der Regel mit der Vergabe von Krediten an Unternehmen und Konsumenten gleichgesetzt wird.

Neben der zunehmenden Vernetzung der Banken wurde die Situation durch die Basel Kriterien verschärft. Die Einstufung verschiedener Assetklassen und Wertpapierkategorien nach bestimmten Modellen – bei Anleihen gerne nach Ratings – führte zu einer bizarren Ausgangslage, die wir hier ein wenig vereinfacht darstellen wollen. Für ein vermeintlich qualitativ gutes Asset musste wenig, für eine vermeintlich schlechtes Asset viel Eigenkapital hinterlegt werden. Klingt zunächst plausibel, führt aber im Endeffekt dazu, dass sich die Institute mit angeblichen Qualitätspapieren die Bücher fast ohne Eigenkapitalbelastung vollladen konnten. Selbst wenn es sich um ein relativ gutes Papier handelt, so ist auch dieses natürlich nicht risikolos, dieser Begriff existiert nicht in der Realität sondern hält sich lediglich tapfer in einigen Lehrbüchern. Kommt es nun zum seltenen Ereignis eines Ausfalls derartiger eigentlich als gut eingestuften Papiers (z.B. durch Bilanzbetrug oder ähnliches) so ist die Auswirkung katastrophal, denn die Instituten haben gar nicht die Eigenkapitalausstattung um einen solchen Fall auffangen zu können. Gesellt sich hierzu noch eine Unmenge an Papieren, die zwar schlecht sind aber ein gutes Rating haben, so kommt es zu der Situation, die wir heute vorfinden.

Die folgende Darstellung der Bundesbank zu Basel 2 gibt einen guten Überblick.

Verbaselt

Bei den dargestellten Werten handelt es sich um die so genannten Risikogewichte. Des Weiteren gibt es den so genannten Kapitalkoeffizienten in Höhe von 8%. Mit diesem Wert und dem Anlagebetrag ist das entsprechende Risikogewicht zu multiplizieren um auf die vorgeschriebene Eigenkapitalunterlegung zu kommen. Ist das Risikogewicht bei 0% spielt dieser Koeffizient allerdings keine Rolle, denn dann liegt die vorgeschriebene Eigenkapitalunterlegung bei Null. Ein Risiko in der Bilanz, laufende Zinseinnahmen aber keine Sicherheiten. So klappt es dann einerseits mit der Staatenfinanzierung und andererseits mit der Eigenkapitalrendite – jedenfalls so lange die Sonne scheint. So ist es möglich, mit nur €40 Mrd. eine Bilanz im Volumen von €2000 Mrd. vor sich her zu schieben und von großen Eigenkapitalrenditen zu schwadronieren. Ein besonderer Schulabschluss ist dafür nun wirklich nicht von Bedeutung, es ist halt ein einfaches Geschäftsmodell.

Spannend wird es dann, wenn ein großer Bestand an Papieren in den Büchern liegt, die bisher ein Risikogewicht von Null hatten, dann aber herabgestuft werden. Bei einem Volumen von €140 Mrd. an europäischen Staatsanleihen kommt man dann allein auf Grund des Downgrades auf einen zusätzlichen Kapitalbedarf von €28 Mrd. – das ist mehr als die jeweilige Kapitalbasis der meisten deutschen Banken. In diesem Fall muss neues Kapital aufgetrieben werden oder Assets müssen verkauft werden. Es erfordert nicht viel Fantasie, sich vorzustellen, wie unattraktiv beide Varianten sind, wenn alle Branchenvertreter gleichzeitig davon betroffen sind. Daher ist der Begriff „politisches Rating“ kein Terminus aus der Märchenwelt sondern gelebte Realität. Besser wird es dadurch aber nicht – ganz im Gegenteil.


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10 thoughts on “Systemrelevanz leicht gemacht

  1. Unsere Finanzkoryphäe Professor Doktor Sinn schreibt, von den EURO 139 mrd. die als Risiko deutscher Banken genannt werden (siehe chart 1) seinen EUR 110 Mrd. Ausleihungen an eigene Zweckgesellschaften mit Sitz in Irland. Dieses Geld sei weltweit angelegt/verliehen, habe mit einem Irland-Risiko mithin nicht zu tun.

    Nun klingeln bei mir immer die Ohren, wenn ich “Zweckgesellschaft” höre, aber steuerrechtliche Konstrukte könnten es sinnvoll (natürlich nur für die deutsche Bank) erscheinen lassen, weltweite Geschäfte über irische Tochtergesellschaften abzuwickeln, so dass das was Sinn schreibt, richtig sein könnte.

    Gibt es zu dem Irland exposure der deutschen Banken nähere Informationen?

  2. Interessantes Thema! Im Rahmen der aktuellen Rettungsfonddiskussionen habe ich mich ohnehin gerade gefragt, ob es nicht bald egal ist, welche Hilfsmaßnahme ergriffen oder auch nicht ergriffen wird. Solange die Banken so tief im Schuldenzirkel drinstecken, kann sich niemand der Krise entziehen: Wenn die Banken fallen, fallen wir alle mit. Die ganzen Hilfsmaßnahmen ändern nichts an der Situation, sie stellen nur eine Angleichung des Elends in allen Eurostaaten dar. Und wenn dem letzten “reichen” Staat, der ja eigentlich auch nur der am geringsten verschuldete ist, das (Kredit)Geld ausgegangen ist, sinkt das Schiff. Da kann man die Kapelle schon bald bestellen.

  3. “Diese Banken sollen nun diese Rettung finanzieren? Vielleicht geht es nur uns so, aber hier scheint ein geistiger Zirkelbezug vorzuliegen. Entweder sollten Investoren die selbst verschuldeten Verluste tragen und sich das hierzu benötigte Eigenkapital besorgen oder es kommt zur planwirtschaftlich-lobbyistischen Stützung des Sektors.”

    Es ist wirklich ein Witz:
    Da werden die Banken gestützt, gerettet, subventioniert, wo es nur geht, damit sie nicht pleite gehen und dann sollen Sie “beteilgt” werden an der Rettung der Retter (Irland). Zirkelschluss ist da die wirklich korrekte Bezeichnung. Das hätte man in der Tat einfacher haben: Man hätte nur die Banken pleite gehen lassen müssen. Punkt.

  4. Hallo zusammen!

    @Karl Napp

    Genauere Darstellungen gibt bei der Bank für internationalen Zahlungsverkehr:
    http://www.bis.org/statistics/bycountry.htm

    Zu den deutschen Banken: Es ist doch etwas zu einfach, die Millarden schlicht als Beteiligung an Zweckgesellschaften (SPV) darzustellen. Selbst wenn es so wäre, stellte sich die Frage, was denn in den Bilanzen dieser Vehikel zu finden ist, dienen sie doch oft der Lagerung von Assets außerhalb der Bilanz und somit außerhalb des Berichtsraumes.

    Zur Beteiligung deutscher Banken sagt die BIZ, es bestünden €46 Mrd. direkter Risiken im Bankensektor. Der Rest wird sich auf staatliche Papiere und sicherlich auch zum Teil auf Zweckgesellschaften beziehen.

    Die Aussage einiger Banken, “die Risiken seien abgesichert” sollten nicht zu Erleichterung führen sondern zu den Fragen “wann und zu welchem Preis” und “wer ist der Sicherungsgeber”, denn dieser Marktteilnehmer hätte dann ja das Risiko. Risiken verschwinden nicht durch Absicherung, sie wechseln nur den Aufenthaltsort.

    Beste Grüße an die Leserschaft
    Bankhaus Rott

  5. @MH: “Wenn die Banken fallen, fallen wir alle mit.”
    Das stimmt zwar, allerdings fallen die einen mehr als die anderen. Junge Menschen und jene ohne Besitztümer sind die Verlierer einer Aufrechterhaltung des Status Quos. Ich kann mir vorstellen, dass es in Deutschland mehrere Millionen Privathaushalte gibt, bei denen eine Pleite ihrer Bank nicht nur kaum Auswirkungen auf ihr Sparvermögen hätte (weil sie de facto nicht privat sparen), sondern dies mit einem freudigen Juchzer entgegensehen würden.

    Die heutigen Reichen würden zwar ohne Zweifel nicht zu den Verlierern gehören, allerdings könnte eine breite ihrer Altersvorsorge entmächtigte Mittelschicht aus ihrer politischen Lethargie erwachen und in Zukunft auch den Reichen näher auf ihr Portemonnaie rücken.

  6. Mit 40 Mrd. Euro meinen Sie wahrscheinlich das Eigenkapital der Deutschen Bank? …
    Warum verleihen die Banken sich so viel Geld untereinander?
    Was bedeutet der Begriff “politisches Rating”? Wer oder was wird geratet? Ich verstehe das nicht.

  7. Hallo zusammen,

    @ Justus Fritz

    Die genannten Zahlen zeigen das ungefähre Verhältnis bei der Deutschen Bank. Die Problematik ist allerdings nicht auf ein einzelnes Institut beschränkt. Generell ist das Verhältnis von Eigenkapital zu den gesamten Anlagen – wenn man einmal die angesprochene Risikogewichtung außen vor lässt – problematisch. Wie sehr die Risikogewichtung in die Irre führen kann, zeigt das Beispiel der Staatsanleihen, für die ein Risikogewicht von 0% angewendet wird, was im Umkehrschluss die Möglichkeit zu Investments ohne Eigenkapitalbelastung ermöglicht, obwohl jede Anlage ein Risiko beinhaltet. Der “risikolose Zins” ist ein Mythos, der nur vereinfachten Erklärung bestimmter Sachverhalte dienen kann. Die Realität sieht anders aus.

    Unter politischen Ratings versteht man die Urteile von Ratingagenturen, die sich bei bestimmten Anlagen mit rechtzeitigen Abstufungen auffällig zurückhalten. Das gilt größtenteils für Staaten und Banken. In den USA war dies etwa bei den so genannten Monolinern – Anleiheversichern – der Fall. Eine angemessene Abstufung, die sich an der fundamentalen Situation orientiert, hätte schon frühzeitig zu höheren Eigenkapitalbelastungen geführt. Viele Banken hätte dies zu einer Kapitalerhöhung gezwungen, was durchaus wünschenswert gewesen wäre. Dies war offensichtlich nicht gewollt, so dass hier mit einer unverständlichen Verzögerung reagiert wurde.

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

  8. “Die rückwirkend betriebene Verdrehung des Ursache-Wirkung Schemas hat derzeit Hochkonjunktur.”

    Wohl wahr! Das betrifft die von Ihnen genannten Verdrehungen zu Krisenursachen, wie auch die Verdrehung, niedrige Zinsen für wirtschaftlich zweifelhafte und schlecht geprüfte Kreditvergabe des Finanzsektors verantwortlich zu machen. Das würde ja bedeuten, daß sich bei den Bankern nur dann ein Verantwortungssinn einstellen würde, wenn die Zinsen hoch wären. Und die fadenscheinige “Entschuldigung”, man hätte ja nach den geltenden Basel xyz Vorschrifen gehandelt, kann auch nur für Leichtgläubige dahin führen, zu vermuten, daß bei ABS Kreditvergaben seriöse Kriterien zur Evaluierung eines Investments herangezogen würden.

    Was ich eigentlich inzwischen viel spannender finden würde, wäre es, zu analysieren, ob nicht der dahinsiechende Stabilitätspakt mit seiner 3% und 60% Vorgabe nicht eher ursächlich für die Schieflagen einiger EURO – Währungsmitglieder ist. Denn ohne die Vorstellung, daß sich ab EURO Einführung selbst die schlimmsten bekannten Schuldensünder in stabilitätspakttreue Schäfchen verwandeln, hätte sich doch an der europäischen VOR EURO Zinsstruktur nichts verändert. Und möglicherweise wäre dem einen oder anderen Geldanleger in den Sinn gekommen, daß es eine gute Idee ist selber mal nachzuschauen und wenn möglich selber darüber nachzudenken, ob der hochglanzpolierten Anlagemöglichkeit tatsächlich zu trauen ist. Und das betrifft sowohl das Vermögensertragsrisiko wie auch – und manchmal erheblich schwerer wiegend – das Vermögensbestandsrisiko. Aber in den Zeiten der ‘great moderation’ “durfte” man ja davon absehen.

    Mal abgesehen davon, daß sich der Stabilitätspakt inzwischen erledigt hat: Ist es gerechtfertigt zu sagen, daß gerade der Stabilitätspakt einigen Ländern zu einer Scheinbonität verholfen hat, die sie ohne den Stabilitätspakt – trotz EURO – niemals zugemessen bekommen hätten?

    Wäre vielleicht auch ein Topic für einen weiteren Ihrer gut gelaunten Blogeinträge!

  9. Pingback: Blogwarte.de
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