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Reif für die Insel

Aus dem schönen England und den angegliederten Segmenten des Vereinigten Königreichs kommen erneut unschöne Meldungen. Nein, es dreht sich nicht um die Qualifikationsspiele der Three Lions, vielmehr ist der seit längerem schlingernde Immobilienmarkt unglücklich auf das Gaspedal gefallen. Die Preise wechselten bei eingelegtem Rückwärtsgang auf die Überholspur.

(Bloomberg) — U.K. house prices plunged in September by the most since records began a quarter of a century ago amid “renewed uncertainty” about the British economy, Halifax said.

Immerhin, im September beschleunigte sich der Rückgang der Hauspreise und erreichte ein monatliches Minus von erklecklichen 3,6%. Das ist in der Tat der stärkste Rückgang seit Beginn der Datenerhebung durch Lloyds TSB im Jahre 1983. In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies einen im Mittel um knapp €10.000 gesunkenen Preis. Nicht schlecht, das macht rund €330 pro Tag. Dabei ist der britische Markt noch weit entfernt von den Korrekturen, die in anderen Ländern zu beobachten sind. An besseren wirtschaftlichen Voraussetzungen kann dies allerdings nicht liegen. Die folgende Grafik zeigt die Veränderungen der vorangegangenen Jahre.

Es ist ein auf und ab

Die als Begründung für den aktuellen „überraschenden“ Rückgang geäußerte Aussage ist famos. Die Zahl der zum Verkauf stehenden Einheiten sei gestiegen und es sei eine renewed uncertainty zu beobachten. Die Überraschung dürfte nur diejenigen Auguren überrumpelt haben, die sich bei der Betrachtung ökonomischer Zyklen an der seuchenhaft um sich greifenden kurzfristigen Denkweise festhalten. Aktien steigen – alles wird gut. Aktien fallen – da wird schon einer eingreifen. Nun ist der Aktienmarkt leider vollkommen ungeeignet, um eine Beurteilung der übergreifenden Prozesse zu ermöglichen. Mag ein Index sich halbieren oder verdoppeln, auf die Lebenssituation der meisten Bürger wird das bestenfalls einen marginalen Einfluss haben.

Die Aussichten für den Immobilienmarkt bleiben unsicher. Das ist schön, die Entwicklungen an den meisten Märkten sind unsicher, wir haben es nicht mit deterministischen Prozessen zu tun. Vielleicht ist aber mit dem Begriff uncertain vielmehr eine anhaltende Schwäche gemeint – angesichts zunehmenden Angebots bei sinkenden Preisen eine nicht ganz unwahrscheinliche Möglichkeit.

“An increase in the number of properties available for sale” and “renewed uncertainty about the economy and jobs has led consumer confidence to falter recently, dampening the

Demand or home purchase,” Martin Ellis, an economist at Halifax, said in the statement. “Prospects for the housing market remain uncertain.”

Die Lage hat sich also im Wesentlichen nicht verändert und verläuft nach dem bekannten Schema. Nach einem deutlichen Absturz setzt eine kurze Phase orientierungsloser Konsolidierung ein. Nachdem sich die Marktteilnehmer wieder halbwegs sortiert haben, setzt sich der lange, durch das Zurückfahren des Kredithebels beim Verbraucher in Gang gehaltene Prozess wieder fort. Die Mischung aus zunehmendem Angebot und verunsicherten potentiellen Nachfragern ist für zukünftige Käufer ein gutes Zeichen. Nur keine Eile, es wird billiger.

Für die Staatskasse bedeutet dies nichts Gutes, verdient doch das Schatzamt an jeder Transaktion mit. Je größer das Geschäft, desto besser für den Fiskus. Eine sinkende Zahl an Geschäftsvorgängen und ein auch insgesamt sinkendes Geschäftsvolumen sind keine guten Voraussetzungen für eine Gesundung der britischen Finanzen. Von einer auf normalem Wege erreichbaren Heilung des desolaten ökonomischen Organismus auszugehen ist illusorisch. Wie in fast keinem anderen westlichen Land, ist zu allem Elend auch der industrielle Sektor auf der Insel in einer Phase ernstzunehmender Disintegration.

Kometenhafter Aufstieg, UK Style


Die obige Abbildung verdeutlicht, wie wichtig es ist, sich gerade in volatilen Zeiten nicht auf das Betrachten von Veränderungsraten zu versteifen. Der gelegentliche Blick auf die absoluten Niveaus ökonomischer Kennzahlen rückt die Situation schnell wieder in das rechte Licht.

Im Zeitverlauf ergibt sich ein Bild des Jammers. Kein Grund für überschwänglichen Jubel möchte man meinen. Die Tabelle zeigt die Veränderung der Industrieproduktion im Vergleich zm jeweils genannten Zeitpunkt. Ein verlorenes Jahrzehnt, dass zudem durch die Konzentration auf die vermeintlich erfolgreichen Illusionisten des Finanzgewerbes zu einer Vernachlässigung nötiger struktureller Schritte führte. Dieses Verhalten rächt sich nun, denn nun steht man in Großbritannien vor zwei Scherbenhaufen.

Elend, tabellarisch

Keine ernstzunehmende Industrie, ein im Grunde direkt oder indirekt vollständig von der öffentlichen Hand oder der Zentralbank abhängiger Finanzsektor und ein Staat, der all dies zusammenhalten soll, aber selbst ohne die Gymnastik der Bank of England nicht mehr zur Refinanzierung in der Lage ist. So stellt sich das ehemalige Empire im Jahr 2010 dar.

Die rhetorischen Hinweise auf einen Prozentpunkt mehr oder weniger Wachstum mögen als Beruhigungspille gemeint sein. Solange aber die Rückgänge bei den Hauspreisen noch einen langen Weg zu gehen haben, und auch die Probleme der gewerblichen Immobilienkredite noch nicht einmal im Ansatz adressiert wurden, ist mit einem weiterhin hohen Kapitalbedarf bei den Banken zu rechnen. Wie das Beispiel Irland zeigt, nimmt die Summe der notwendigen Mittel rasch derartige Höhen an, dass auch dem Staat nur noch der Offenbarungseid bleibt. Im Falle Irlands oder Griechenlands mag dies noch für eine gewisse Zeit verdeckt werden können, diese Volkswirtschaften sind von überschaubarer Größe. Die Schwierigkeiten sind aber nicht auf die kleineren Ökonomien beschränkt.

Nicht nur für die öffentliche Hand sind sinkende Preise ein Problem. Wie in den USA so war die Möglichkeit, neben der Hypothek noch weitere Kredite auf sein Haus aufzunehmen, eine beliebte Methode, die Einkäufe zu finanzieren. Im englischen heißt dieser Vorgang equity mortgage withdrawal. Das Haus als Bankautomat. Das vollzieht sich auf recht einfache Weise. Sie kaufen ein Haus, das auf €200.000 geschätzt wird und zahlen €50.000 aus dem eigenen Kapital. Den restlichen Betrag erhalten sie über eine Hypothek. Nun bestellen Sie nach einigen Monaten einen Hauspreisschätzer – privat oder von einer Bank – der einen neuen „Wert“ ermittelt. In der Zeit ewig steigender Preise wäre nun vielleicht die Zahl €225.000 herausgekommen. Den virtuellen Zuwachs können Sie nun über einen Konsumkredit aus dem Haus ziehen, ein in der Tat ebenso abenteuerliches wie beliebtes Vorgehen.

Auf diese Weise kamen US-Amerikaner und Briten zu ihrem gar nicht so erstaunlichen Konsumwunder, man kaufte halt auf Pump und war beim Pumpen sehr kreativ und arglos. Die Summen, die allein aus dieser Quelle zu Tesco, Escada und Co. flossen waren beachtlich, wie die folgende Grafik zeigt.

Die Zitrone ist leer, Sire

In Spitzenzeiten lag der Wert des Equity mortage withdrawals deutlich höher als der Gesamtumsatz des Einzelhandelsriesen Tesco in Großbritannien. Die Erwartungshaltung bezüglich steigender Umsätze dürfte angesichts bestenfalls stagnierender Einkommen, wachsender Arbeitslosigkeit und massiver Belastungen aus bestehenden Kreditverpflichtungen nicht haltbar sein.

Die Zentralbanken können die Geldhähne aufdrehen, wie sie wollen. Für die Rettung ihrer Freunde und Bekannten im Bankensektor mag das eine Weile funktionieren. Für Konsumenten, die schon jetzt überhebelt sind, stellt selbst die Verfügbarkeit billiger Kredite keine Lösung dar. Die Belastung aus den Tilgungen der Kredite, die nicht mehr durch die Hauspreise gedeckt sind, wird lange auf dem Konsumklima lasten. Auch für die allgemeine Stimmung wird es nicht förderlich sein, wenn zahlreiche Menschen über einige Dekaden Schulden für einen Konsum abtragen sollen, den sie schon lange verfrühstückt haben. Die gerade von der britischen Regierung angekündigten Steuererhöhungen dürften den Sekt als Stimmungsmacher ebenfalls nicht ersetzen können.

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3 thoughts on “Reif für die Insel

  1. Sehe ich nicht so skeptisch. Klar, die Lage ist verdammt schwierig, nur würde ich nicht sagen, dass die niedrigen Zinsen nichts bewirken.

    Die meisten Hypotheken in UK sind variabel verzinst, d.h. die dauernd fallenden Zinsen entlasten die Haushalte sofort.

    In den USA kann man den Effekt besser sehen, weil da immer noch viele Kredite festverzinst sind und man die über Umschuldungen auf ein niedriges Zinsniveau heben muss. Und genau das passiert. Die Anzahl der Neuanträge auf Hypotheken ist weiterhin niedrig, aber die Umschuldungen (Refinancing) steigen kräftig.

    Ich würde den Effekt der niedrigen Zinsen nicht unterschätzen. (Allerdings darf man die extrem hohen Schulden auch nicht unterschätzen, wobei die USA hier sogar vergleichsweise gut aussehen. Die Iren haben z.B. wesentlich höhere Schulden). Übrigens würde ich auch den Effekt der steigenden Zinsen nicht unterschätzen. Denn sobald die Zinsen wieder steigen, implodiert das System. Vor allem die hochverschuldeten Verbraucher in Irland, Spanien und Großbritannien (die Griechen hingegen gehen) bekommen bei steigenden Zinsen sofort *massive* Probleme …

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