Weniger ist mehr
Nun sieh’ sich einer das an, die Verkäufe langlebiger Wirtschaftsgüter gehen zurück, welch Wunder. Während das überraschende an dieser Meldung eigentlich nur die Überraschung einiger Betrachter ist, schießt die Analyseabteilung einer bekannten teilverstaatlichten Bank mit ihren Kommentaren zum wiederholten Male den Vogel ab.
Die Aufträge für langlebige Güter enttäuschten im Juni. Sie schrumpften um 1,0% und damit den zweiten Monat in Folge. Der Anstieg in der Kernkategorie zeigt aber, dass der Aufwärtstrend intakt ist.
Aha, der Rückgang ist also eigentlich ein Anstieg, klarer Fall von verwechselten Vorzeichen. Der Schlagobers auf der Veröffentlichung war dann aber das Fazit:
Die Unternehmen erhöhen ihre Investitionen, was für eine steigende Beschäftigung spricht.
Sicher haben wir diesbezüglich die eine oder andere Informationen zwischen den Zeilen des komplett in Auflösung begriffenen US Arbeitsmarktes überlesen. Zur besseren Orientierung daher noch einmal ein Blick auf die Lage bei den langlebigen Wirtschaftsgütern und auf dem Arbeitsmarkt. Gerade letzteren wollen wir heute auch einmal unter dem Blickwinkel der abnehmenden Erwerbsbevölkerung betrachten. Wer keine Stelle hat und aus dieser Menge herausfällt gilt ja bekanntermaßen nicht als arbeitslos.
Kurz zu den langlebigen Wirtschaftsgütern. Hier hat sich die Entwicklung, die sich seit dem Beginn der übergeordneten und anhaltenden Krise aus dem Jahr 2000 entfaltet, nicht geändert. Strukturell findet im privaten Bereich eine Entwicklung statt, die man höflich mit dem Etikett Konsolidierung versehen könnte. Die einzigen Wachstumsimpulse kommen seither aus dem militärischen Bereich, ein Sektor, in dem die USA und einige andere ja seither auch den Verbrauch massiv angekurbelt haben. Ein Zyniker könnte anmerken, dass die Bezeichnung langlebig in diesem Sektor wohl ein wenig fehlgeht.
Wobei wir auch nicht wissen, welcher “Kern” im aktuellen Report des beliebten teilverstaatlichten Geldhauses denn so ansteigt, die wichtigen Bereiche zeigen jednefall seit Monaten eine wieder abflauende Tendenz. Der Sektor Computer und Elektronik beispielsweise war in den vergangenen fünf Monaten vier mal im Minus – das Segement ist vor allem für die Beurteilung der privaten Verbraucher interessant. Alles in allem war der jetzige Bericht sogar ein außerordentlich schlechter. Wie bei der Beurteilung des so genannten Stresstests stellt sich bei der ein oder anderen öffentlichen Stellungnahme die Frage, ob derjenige, der sich zu einer Analyse herablässt, die entsprechenden Dokumente überhaupt nur ansatzweise gelesen hat.
Dem ist im Grund nicht viel hinzuzufügen, denn alles Weitere lässt sich aus den sich verfestigenden Entwicklungen an der Arbeits- und Einkommensfront ablesen.
Daher folgt heute einmal ein Blick auf die Veränderung der Arbeitslosigkeit und die Schrumpfung der Erwerbsbevölkerung in den Staaten. Letztere ist beeindruckend, der Anteil der Erwerbsbevölkerung an der gesamten Einwohnerschaft in den USA ist von einem Hoch bei 64,7% auf mittlerweile lediglich 58,5% zurückgegangen.
Bezogen auf das letzte Hoch der absoluten Zahl der Erwerbstätigen liegt die Schrumpfung bei rund 10 Millionen. Das Hoch lag ebenfalls im Zeitraum des ursprünglichen Krisenbeginns um die Jahrtausendwende.
Die Schrumpfung war damit bei einer prozentualen Betrachtung in etwa doppelt so hoch wie in den Krisen seit den 60er Jahren – Hut ab. Dazu gesellt sich ein Arbeitsplatzabbau, der dreimal so hoch ist wie in den vergangenen Krisen. Eine interessante Mischung. Die Frage, wo sich hier ein Aufschwung abseits der Kostensenkungsgewinne einiger Unternehmen abzeichnet, bleibt unbeantwortet.
Woher das oben zitierte Geldhaus seine dauerhaft positive Wunschvorstellung eines Jobwachstums ableitet ist leider ebenfalls nicht überliefert. Vielleicht gibt es ja demnächst eine weitere Volkszählung. Alternativ ließen sich auch durch die Zählung von Haustieren oder die Kontrolle aller europäischen Inlandsüberweisungen auf irgendwelche Hinweise auf irgendetwas sicher krisenfeste Arbeitsplätze schaffen. In diesem Falle bleibt aber zu hoffen, die Damen und Herren mögen doch bitte nichts Sicherheitsrelevantes in den Bankdaten finden. Denn für das Einsperren von Verdächtigen reicht ja in den Bundesstaaten bekanntlich schon jetzt das Geld nicht mehr aus.
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Juli 30th, 2010 at 11:08
“Der Sektor Computer und Elektronik beispielsweise war in den vergangenen fünf Monaten vier mal im Minus”
Glaube ich gerne. Aber wenn das stimmt, wie erklären sich dann die (angeblichen) Absatzrekorde von apple, amazon u.ä. ?
Die Konsumenten von diesem Mist sitzen doch wohl hauptsächlich in USA ?
Ansonsten danke f. den guten Artikel – Gruss http://uxmadexmyxday.wordpress.com/
Juli 30th, 2010 at 12:59
@uxmademyxday
Hallo,
bezüglich Apple und Amazon gibt es zwei Dinge zu bedenken. Zum einen die Umsätze – hier liegt z.B. alleine das entsprechende Segment der Kette Wal-Mart um 50% höher als die Umsätze der beiden genannten Unternehmen zusammen.
Zum anderen ist schlicht von einer Verlagerung von Umsätzen auszugehen, so dass ein Dollar Umsatzwachstum bei Amazon nicht gleich ein Wachstum des Sektors bedeutet. Bei Apple liegt der Fall ähnlich, die Entscheidung für ein Gerät von Jobs ist oft die Entscheidung gegen ein anderes Gerät.
Der Einzelhandel in der Breite ist weiterhin gerade auf Grund der Absatzschwäche von Geschäftsschließungen betroffen, es geht also beileibe nicht allen Firmen so gut wie den beiden genannten. So ist es halt, auch in einem schwachen Umfeld gibt es Gewinner und Verlierer.
Beste Grüße
Bankhaus Rott
Juli 31st, 2010 at 10:46
Sie sollten zu Anfang des Artikels jeweils schreiben, über welches Land Sie berichten.
Ansonsten: wie immer sehr interessant.
Gruß Delco.
Juli 31st, 2010 at 12:20
Da ist ein kleiner Fehler in Grafik mit der Erwerbstätigenquote. Es darf
nicht heißen “Anteil an der Gesamtbevölkerung (%)”, weil im EMRATIO die
CNP16OV (”Civilian Noninstitutional Population”) benutzt wird. Das ist
nicht die Gesamtbevölkerung oder “gesamte Einwohnerschaft”.
http://research.stlouisfed.org/fred2/series/CNP16OV?cid=104
http://en.wikipedia.org/wiki/Civilian_noninstitutional_population
August 2nd, 2010 at 11:05
[...] Bankhaus Rott: Weniger ist mehr [...]
August 2nd, 2010 at 15:19
@vorstand
ist schon recht. Die Elektronik-Sparte ist ein gutes Beispiel daß Jubelmeldungen
ohne adäquate Hintergrundzahlen und -infos nichts wert sind.
U made my day !
August 5th, 2010 at 07:27
Hallo zusammen,
@nigecus
Ja, das stimmt natürlich!
Beste Grüße an alle
Bankhaus Rott