Verkauft und vergessen

Die Lage der Konsumenten ist laut Zentralbank und Schatzamt in den USA zwar nicht gut, aber irgendwie will man das Ganze vorerst „sehr genau beobachten“ und „alles nötige tun“ um weitere Probleme abzuwenden. In der Realität fällt dem Betrachter ökonomisch neben der mit dem albernen Begriff quantitative easing bezeichneten Anleihenkauferei und den ewigen Steuergutschriften offensichtlich nicht viel mehr ein. Gut, eine Verpflichtung der Bürger zum Konsum bei angedrohter Haftstrafe für ganz und gar unpatriotische Bescheidenheit wäre noch denkbar. Aber wie lässt sich das mit der kalifornischen Idee der vorzeitigen Haftentlassung kombinieren, die die Gefängiskosten im Sonnenstaat senken soll? Wie wäre es mit einer zufällig ausgewählten Versendung von Artikeln durch Amazon und der Bezahlung der entsprechenden Rechnungen durch die öffentliche Hand? Die erhaltenen Artikel müssen dann im Garten verbrannt werden, um die zukünftige Nachfrage  nicht zu beeinträchtigen.

Ein solcher Zwang könnte den hohen Herrn allen Ernstes in den Sinn kommen, denn das Rückgrat der US Wirtschaft ist seit langem der private – zu großen Teilen schuldenfinanzierte – Konsum. Um selbigen ist es schlecht bestellt, was sich nicht aus jeder Statistik direkt ablesen lässt. Wie so oft lauert der Teufel im Kleingedruckten. Bei den personal consumption expenditures (PCE) wird die Statistik durch Zinseffekte nach oben verbogen, so dass die Datenreihe mit der Entwicklung des Kaufverhaltens weniger gemein hat als man vermuten könnte.

So ist zum Beispiel die Situation bei den Einzelhandelsumsätzen seit jeher in der Tendenz nach oben verzerrt.
Bei diesen Umsätzen ist alleine die Methode der Erhebung ähnlich absurd wie das Birth/Death Model des Arbeitsministeriums bei den Daten zum Jobmarkt. Wir lesen die folgende Beschreibung immer wieder gerne.

” The advance estimates are based on a subsample of the Census Bureau’s full retail and food services sample. A stratified random sampling method is used to select approximately 5,000 retail and food services firms whose sales are then weighted and benchmarked to represent the complete universe of over three million retail and food services firms. (census.gov)”

Es tauchen hier natürlich nur die Unternehmen auf, die man noch befragen kann. Die mehr als 25.000 geschlossenen Läden aus den letzten beiden Jahren nehmen ja keine Anfragen mehr entgegen. Der gute alte survivorship bias aus der Indexwelt macht sich auch bei diesen Daten breit.

Nun sind die einzig brauchbaren Daten zum Zustand des Einzelhandels zum einen die Zahl der Geschäftsschließungen und zum anderen die aussagekräftigen, aber mühseliger aufzutreibenden Daten zur Sales Tax. Diese wird in den US Bundesstaaten auf kommunaler Ebene festgelegt, die mittleren Sätze für die fünf am BIP gemessen bedeutendsten Bundesstaaten liegen zwischen 4% und 8,25%. Bundesweit stiegen die Sätze in den USA in den letzten Monaten auf neue Rekordwerte. Der Durchschnittssatz aller Staaten liegt mittlerweile bei mehr als 8,6%. Die Anhebungen der letzen Jahre sorgten dennoch nicht für einen Anstieg der Einnahmen.

In Texas feierte unlängst Comptroller Susan Combs trotzdem einen Anstieg von einem Prozent gegenüber dem Vorjahr.

“Total sales tax collections have met or exceeded year ago levels for a second month in a row, following 14 months of decline,” Combs said in a statement. “This may indicate that a bottom has been reached.”

Danach zeigt Frau Combs, dass sie Ihre Bernanke Fibel gelesen hat. Vor einem Jahr waren die Einnahmen übrigens nicht sonderlich gut, der Sommer 2009 steht aus bekannten Gründen nicht im Verdacht, einen Konsumrekord zu markieren.

“Remittances from other sectors, however, such as construction and manufacturing, fell below last year,” she said. “While overall economic conditions and sales tax revenues appear to be stabilizing, there remains a risk of further deterioration, before a sustained recovery is underway.”

Es sieht gar nicht so schlecht aus, aber auch nicht gut und es ist nicht ausgeschlossen, dass es noch einmal viel schlechter wird bevor es besser werden könnte. Ja, genau, und morgen ist heute schon gestern, bevor wir es vergessen. Nach einem Rückgang über 14 Monate in Folge hat man nun in etwa das Niveau von vor einem Jahr erreicht. Erstaunlich, dass die vermeintlichen Retail Sales ein viel positiveres Bild zeichnen, als dies bei den trüben Steuerdaten der Fall ist. Blüht hier etwa schon die Schattenwirtschaft oder stimmt mit den Daten etwas nicht?
Der Jubel kommt in der Tat ein wenig voreilig, liegt man doch im auf zwei Jahre ausgerichteten texanischen Haushaltsplan nach bisher neun Monaten um gut $1,5 Mrd. hinter der Richtschnur. Mehr als 50% der Steuereinnahmen des Bundesstaates stammen aus der Sales and Use Tax. Bezieht man die staatlichen Transferleistungen mit ein, so verbleibt ein immer noch stattlicher Anteil von 25%, den die sales tax zu den Einnahmen beitragen. Alles in allem steuert der Staat auf ein Defizit von $18 Mrd zu. Mit großartiger Unterstützung von der Einnahmenseite ist vorerst nicht zu rechnen. Will man das Defizit trotzdem senken, werden entsprechende Ausgabenkürzungen notwendig sein, auch kein Konjunkturprogramm. Aus Kalifornien kennt man ja bereits verschiedene Überlegungen zum Sparen, wie etwa die vorzeitige Entlassung von Strafgefangenen.
Der Arbeitsmarkt sendet bis dato und wohl auch auf absehbare Zeit keine positiven Signale. Die deflationären Tendenzen aus der Verkürzung der Bankbilanzen sorgen ebenso wie mögliche öffentliche Einsparungen für einen Deckel auf allen möglichen Erholungsversuchen. Die im kreditinduzierten Aufschwung gebauten Häuser drücken zudem auf den wichtigen Immobiliensektor. Dessen Wichtigkeit liegt zum einen in der Bedeutung für die Arbeitsplätze und für die Nachfrage in nachgelagerten Sektoren. Zum anderen sind die Preise der Immobilien enorm wichtig für die Banken, die ja mittlerweile mangels echter Käufer vielfach über eigene Gebote bei Zwangsversteigerungen zu großen Immobilienbeständen gelangten.

Der Sektor ist zwar bedeutend, pfeift aber leider weiterhin aus dem letzten Loch. Die Neubaubeginne und die Bauanträge liegen wie toter Fisch auf oder in der Nähe historischer Tiefststände. Die künstliche Vermeidung weiterer Preisanpassungen und Abschreibungen, in erster Linie eine Maßnahme zur Stützung des Finanzsektors, hat nur für eine zeitliche Streckung der Problematik gesorgt. In Ordnung ist hier nichts, das sehen übrigens die Baufirmen genauso.

Homebuilder Confidence

Bemerkenswert an den letzten Werten sind auch die Entwicklungen in den Subkomponenten. Die Beurteilung der aktuellen Lage fiel schon sehr mau aus, die Erwartungen zeigen aber bereits einen wieder anziehenden Pessimismus. Angesichts der Lage des Immobilienmarkt einen immer noch wachsenden Pessimismus zu zeigen ist schon beeindruckend. Betroffen waren im vergangenen Monat übrigens durch die Bank alle Regionen. Die Zahlen zu den Autoverkäufen sehen nach dem kurzen Anriss im vergangenen Jahr durch das cash for clunkers Programm auch nicht besonders gesund aus.

In einem anderen Sektor, bei den Retailern, sieht es bezogen auf die Arbeitsplätze noch nicht ganz so arg aus wie im Baugewerbe, aber die zunehmende Zahl der Geschäftsschließungen geht nicht ohne Arbeitsplatz- und somit Kaufkraftverluste einher. Besonders skurril sind in diesem Zusammenhang die Umfragen zu den Verkäufen der Retailer. Wie oben bereits kurz erwähnt, finden sich die Unternehmen, die die Pforten für immer schließen, in den Ergebnissen nicht wieder.

Das ist sehr erstaunlich, denn eigentlich müsste man diese Geschäfte mit einem Geschäftsrückgang auf Null in die Daten einbeziehen. So weist man dann durchweg zu positive Werte aus, denn die Umsätze der verblichenen Märkte kamen weder aus dem nichts, noch lösen sie sich in nichts auf. Den verbleibenden Teil schnappen sich die Wettbewerber, die gegebenenfalls sogar von der verschwundenen Konkurrenz profitieren. Wenn man aber nur noch die existierenden Geschäfte in die Datensammlung einbezieht, dann klappt’s auch mit dem Aufschwung. So trägt auch der Pleitier noch etwas zu den schönen Zahlen bei, ob er will oder nicht. So sieht er aus, der amerikanische Optimismus.

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Jobs (nein, nicht Steve)

Während der große Vorsitzende des Federal Reserve Boards in einer seiner regelmäßigen Sprechstunden die Seelen der Anwesenden beruhigen wollte, führt die Realität seine oft schwammigen Ausführungen laufend ad absurdum.

intro

Ein paar Beispiele vom Chairman, den wir hier nicht persönlich grillen möchten. Er steht vielmehr stellvertretend für die zahllosen ähnlichen Aussagen aus Teilen der Regierung und der Ökonomenzunft. Vor allem das US Schatzamt unter Timothy Franz Geithner steht dem Chef der Fed hier in nichts nach.

“There seems to be a good bit of momentum in consumer spending and investment,” Mr. Bernanke said at a dinner hosted by the Woodrow Wilson International Center for Scholars. “My best guess is we’ll have continued recovery, but it won’t feel terrific.” (WSJ, 06.2010)

Ein bisschen Schwung, die beste Schätzung ist eine Fortsetzung der Erholung, die sich aber nicht so dolle anfühlen wird.

However he added Europe to the long list of caveats that give Fed officials pause. “We’re watching that whole situation very carefully, he said referring to European efforts to rein in large government budget deficits. (WSJ, 06.2010)

Das ist unser Lieblingssatz, der sich bei Zentralbänkern in aller Herren Länder wachsender Beliebtheit erfreut. Die Situation genau beobachten. Aber was beobachtet er genau? Die Sorge um Europa ist zudem sehr nett, vielen Dank dafür. Ein ebenfalls fälliger Dank der Staaten an die europäischen Banken, die so clever waren, sich amerikanische Firlefanzverbriefungen in die Bilanzen zu laden, wurde sicherlich bei einem der reichhaltigen Arbeitsessen der Branche ausgesprochen.

Aber wohin schaut der Meister nun, wenn er sich ein Bild machen will?

Mr. Bernanke has said many times before that movements in employment, inflation and inflation expectations were his main criteria for assessing the need for a rate hike, but he noted Monday, “we’re looking at financial markets and other things as well. (WSJ, 06.2010)

Man schaut sich also so ziemlich alles an. Arbeitsmarkt, Inflation und diesbezügliche Erwartungen, die Finanzmärkte und andere Dinge. Other things.

Wir schauen uns heute einmal den Arbeitsmarkt an. Die zuletzt gemeldeten Zahlen sind ja allseits bekannt, ebenso die positive Verzerrung durch die nur kurzfristig öffentlich als Volkszähler angestellten Bürger. Interessant auch hier mal wieder die erneut schwachen Zahlen im Bau- und Finanzsektor. Sicher war aber einfach der letzte Monat ungewöhnlich kalt, außergewöhnlich warm oder für die Jahreszeit zu früh.

Government und Private Jobs, ein Beispiel

Die entscheidenden Punkte bei der Betrachtung der Arbeitslosigkeit sind zum einen der Fokus auf die umfassende Zahl U6, sowie die Einbeziehung der Empfänger von Sozialhilfe, die nicht zu den Arbeitslosen zählen. Das ist bekanntermaßen nicht nur in den USA der Fall. Ein Blick auf die Arbeitslosenquote, wenn man die aggregierte Zahl ins Verhältnis zur Erwerbsbevölkerung setzt, zeigt eines. Die Lage am Arbeitsmarkt in den USA ist vergleichbar mit der in Spanien, dem Land, das derzeit ein Aushängeschild europäischer Perspektivlosigkeit ist.

U6 und Sozialhilfeempfänger

Das Programm zur Sozialhilfe (Emergency Unemployment Compensation) wurde im Juni 2008 ins Leben gerufen. Es ist ein temporäres Programm, der Präsident verlängerte kürzlich die Laufzeit bis in den Juni des laufenden Jahres. Wie bei der Obergrenze zur Staatsverschuldung ist angesichts der desolaten Lage am Arbeitsmarkt mit weiteren Verlängerungen zu rechnen. Die Gelder stammen vollständig aus der Kasse des Bundes. Rund 5 Millionen Menschen beziehen derzeit Gelder aus dem EUC Programm, die maximale Bezugsdauer liegt aktuell bei rund einem Jahr, wobei die mögliche Bezugsdauer im Einzelfall von der Lage im jeweiligen Bundesstaat abhängig ist.

Endet das EUC Programm, so werden viele aus dem System herausfallen. Sollte es also zu keiner Verlängerung der Sozialhilfe kommen, hätte dies auf die Statistiken einen positiven Effekt. Auch diejenigen Arbeitslosen, die dann aus der offiziellen Arbeitslosenstatistik herausfallen, würden sich nicht mehr in der EUC Statistik wiederfinden. Sinkende Quoten allenthalben sollten in diesem Falle äußerst kritisch hinterfragt werden.

Neben der aktuellen Farce um die in den USA eingestellten Volkszähler, die die Zahl der geschaffenen Stellen auf ein hohes Niveau hievten, bleibt der absurdeste Beitrag zu den nach oben gedrückten Beschäftigungskennzahlen der des Birth/Death Models. Es handelt sich hierbei bekanntermaßen um ein Modell, dass den Effekt auf Firmengründungen und Schließungen abschätzt. Die Zahl basiert allein auf einem Modell. Interessant an diesem Modell ist, dass es seit der Einführung im Jahr 1999 in jedem Jahr eine positive Stellenzahl auswies. In einem Umfeld zweier übler Rezessionen ist dies gelinde gesagt erstaunlich, vielleicht wäre es an der Zeit, eine Modellvalidierung ins Auge zu fassen. Zur Verdeutlichung hier einmal die jährlichen Beiträge durch das Modell in den vergangenen Jahren.

Birth Death Model - Immer weiter....

Der kürzlich gemeldete Stellenzuwachs von etwa 430.000 wäre ohne die Volkszähler und die Modellstellen deutlich in den negativen Bereich gewandert. Nun arbeiten die Volkszähler ja wirklich, so dass man die Stellen natürlich nicht ausblenden darf. Allerdings werden die Damen und Herren nicht so furchtbar lange Arbeit haben, denn der Menge an Volkszählern bleibt für jeden ja nicht so viel zu zählen. Allein im Rahmen der Adressverifizierung arbeiten im Außendienst 140.000 Angestellte. Man könnte auch rund 300 Millionen einstellen, die sich alle selbst zählen. Das wäre dann der größte Stellenzuwachs der Geschichte – Job Growth XXL sozusagen. Vorerst läuft aber in der Realität leider weiterhin das Programm „Job Kill“, um es einmal in der albernen Titelgebung eines prominenten britischen Ölunternehmens zu sagen.

Arbeitslose, die nicht mehr gezählt werden verbessern die Arbeitslosenquote. Jobs, die es nie gab, erscheinen in den Daten zu neu geschaffenen Stellen. Wie heißt es so schön? Die Wirklichkeit ist eine konstruierte. Was sich aus dieser Situation schließen lässt? Nun, vielleicht sollte man die Entwicklung erst einmal sehr genau beobachten.

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Fälligkeiten und Merkwürdigkeiten

Während die Europäische Währungsunion derzeit ein Opfer ökonomischer Fehlkonstruktionen und der erschreckenden Unfähigkeit zur konsistenten Kommunikation wird kommt die Situation der britischen Wirtschaft ein bisschen kurz. Das ist erstaunlich, denn die Lage jenseits des Ärmelkanals ist alles andere als feierlich. Wenig ist geblieben von den forschen Auftritten der City Banker. Die Erinnerungen an die jahrelang mit alberner Ernsthaftigkeit durch Lobbyisten in Talkshows und der Tagespresse herausposaunten Hinweisen auf die „Dienstleistungsgesellschaft“ im angelsächsischen Raum sind verblasst. Trotz der zahlreichen Wiederholungen des immergleichen Mantras ist der Wahrheitsgehalt desselben nicht größer geworden.

Während den Menschen im deutschsprachigen Raum immer wieder die Miespetrigkeit und die mangelnde Konsumlust vorgeworfen wurde haben dieselben Menschen nun angeblich über ihre Verhältnisse gelebt. Da darf man schon einmal erstaunt die Brauen lupfen. Sicherlich wurde hier mehr ausgegeben, als die Einnahmen hergaben, und sicherlich ist das langfristig weder sinnvoll noch aufrecht zu erhalten. Trotzdem wollen wir doch einen Blick auf die kommenden Finanzierungsbedürfnisse verschiedener Wirtschaftsräume werfen. Als besonders schneidig – im finanziellen Sinne – galten die Banker der Londoner City. Nun sind die meisten britischen Banken teilverstaatlicht oder auch direkt von staatlichen Mitteln abhängig. Die Probleme sind dadurch aber nicht beseitigt sondern nur verschoben worden. Widerborstig wie Probleme leider sind, tauchen die Löcher ganz unbedarft im britischen Haushalt wieder auf. Und die Löcher sind nicht von Pappe.

Finanzierungsbedarf Wirtschaftsräume

Der IMF steht als angelsächsisch geprägte Institution nicht im Verdacht, die Lage im Vereinigten Königreich zu beschönigen. Faszinierend an der oben zu sehenden Grafik ist zum einen die Veränderung der Finanzierungslücken im Vergleich zum Mittel der Jahre 2003 bis 2008. Angesichts der Krise und des unseligen too big to fail Paradigmas fast aller Regierungen ist aber ein Anstieg an sich nicht ungewöhnlich. Viel bedeutender erscheint uns der Zerfall der Finanzlage in Großbritannien. Das Land ist bei weitem der kleinste der drei dargestellten Wirtschaftsräume und steht industriell nicht besser da als schwache EU Staaten. Sollten die Schätzungen des IWF zutreffen, so wird der Schatzkanzler mindestens drei Mal in Folge ein zweistelliges Defizit vorweisen. Für ein zumindest in der Selbsteinschätzung einflussreiches Land eine desolate Bilanz. Beachtenswert ist die zwar nicht schöne aber vergleichsweise stabile Situation in der Eurozone. Vielleicht sollte die EU sich so langsam zusammenreißen. Es ist nicht hilfreich, die Probleme und Konstruktionsfehler der Währungsunion kleinzureden. Aber ein deutlicher Hinweis auf die relative Betrachtung sollte auch unter „Partnern“ (wenn man so will) erlaubt sein. Die Gegenseite ist ja ebenfalls nicht zimperlich. Wenn sich allerdings ein britischer Schatzkanzler über die Lage in der EWU besorgt zeigt, dann, ja dann darf ruhig einmal aus voller Kehle herzlich gelacht werden, bevor es wieder zur Arbeit geht.
Neben den öffentlichen Schatzämtern drückt auch die Unternehmen und die privaten Haushalte der Schuldpantoffel. Auch hier zeigt sich, wie sehr sich die Briten aus dem Fenster gelehnt haben. Das Problem ist folgendes: Diese Verschuldung war die Basis des kreditinduzierten Scheinaufschwungs der Vorkrisenzeit. Wenn jedes finanzierte Auto über Nacht verschwinden würde, gäbe es in deutschen Großstädten eine Menge Parkplätze.

Wachstum finanziert über Schulden, vorgezogener Konsum, der den Geldbörsen nun schwer zu schaffen macht. Das sollte der Weg ins gelobte Land sein und nach vielen Jahren ist das Ziel der Reise nun offenbar erreicht. Was helfen tiefe Zinsen, wenn der Konsument schon die Bestandsschulden kaum bedienen kann? Welche Investitionen sollen angesichts deutlicher Überkapazitäten und eines trüben Ausblicks getätigt werden? Wie sich die zu großen Teilen vom Konsum abhängigen Volkswirtschaften USA und UK aus dieser Lage herauswachsen sollen, wenn die Gelder nicht mehr da sind, ist schleierhaft.

Verschuldung der Sektoren

Auch hier steht die Eurozone zumindest im Vergleich nicht schlechter da. Vor allem die Verschuldung der Haushalte hält sich einigermaßen im Rahmen.

Weniger zu lachen gibt es in der Eurozone allerdings, wenn wir den Blick auf die Höhe der kommenden Refinanzierungsnöte des Bankensektors werfen. Hier haben die Banken der EWU die traurige Führung übernommen.

Fälligkeiten bei den Banken

Nun fällt es zunehmend schwer, den Finanzsektor vom öffentlichen Sektor zu trennen. Zu eng ist die Verflechtung geworden, zu stark sind die Abhängigkeiten der Institute von öffentlichen Garantien und Kapitalinjektionen. Während bereits wieder Vertriebskräfte der Investmentbanken durch die Lande touren und nun die Kommunen beraten wollen (ausgerechnet) tüftelt man in den Staaten erneut an Finanztransaktionen, die man den Kunden nahe bringen möchte.

Der neueste Schrei ist – kein Witz – die Verbriefung von Krediten, bei denen bereits mehrere Zinszahlungen ausgefallen sind.

Chief Executive Officer of the distressed loan buyer, Kondaur Capital Corporation, Jon Daurio said recently, Wall Street firms are very likely to package a bunch of delinquent loans into securities, in order to satisfy higher yields demanded by investors (…).
Securitization of these non-performing loans is perhaps the most important action to take for investors, who recently, have been accepting poor assets in exchange for a greater yield. (Mc Farlin & Guerts LLC).

Hier handelt es nicht um das klassische „distressed debt“ Geschäft, das für wirklich professionelle Investoren durchaus interessant sein kann. Vielmehr sollen die Bilanzen der Kreditgeber von den ungeliebten Papieren befreit werden. Wieder werden vermutlich einfache Modelle zusammengebastelt, um die einmaligen Chancen in einem edlen Foliensatz anzupreisen. Wer erneut auf die Masche „schön Essen gehen, zwei Worte über’s Geschäft und ein bisschen Lobhudelei“ hereinfällt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Hoffentlich verhindert die Notwendigkeit zur Bilanzverkürzung diesmal größere Auswüchse.

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Weiches Betongold in China

Im laufenden Jahr sind die Anleihen chinesischer Immobilienentwickler nicht besonders gut gelaufen. Fast alle rentieren deutlich zweistellig und glänzen auch in 2010 mit einer schlechten Performance, so notiert beispielsweise ein callable der KAISA Group bei mehr als 17%. Eine Neuaufnahme von Kreditmitteln ist auf diesem Niveau ein zweifelhaftes Vergnügen. Ohne frisches Geld wird es aber nicht gehen, denn die angefangenen Projekte wollen beendet werden und der Kapitalhunger ist angesichts des anhaltenden Expansionsdranges in den Provinzen enorm. Dabei orientiert sich diese Ausweitung der Baumaßnahmen nicht selten eher an der Investmentnachfrage als an der vorhandenen Nachfrage nach Wohnraum. Denn ob die zahlreichen im Bau befindlichen Projekte auf eine sich belebende wirkliche Nachfrage treffen, darf bezweifelt werden.

Die Leerstände steigen auch in Städten wie Peking deutlich an. Die jüngsten Berichte von teils deutlich zweistelligen Einbrüchen der Preise für gewerbliche Flächen – zu denen auch Mehrfamilienmietshäuser zählen – sind ein ernstzunehmendes Signal kommender Schwierigkeiten. Die laufende Entwicklung kann für das Bankensystem in China schnell problematisch werden. Die Anleihen der Entwickler deuten wie erwähnt keine rosigen Zeiten an, dabei stellen diese Papiere seit Jahren einen ständig wachsenden Anteil der in US Dollar emittierten Papieren im asiatischen Raum (ohne Japan).  Im laufenden Jahr hat der dortige Anteil der chinesischen Immobilienentwicklern an allen US Dollar Unternehmensanleihen laut Bloomberg satte 45% erreicht. Angesichts der aktuellen Renditen sollte die Emissionstätigkeit aber einen Dämpfer erhalten. Falls nicht, dann ist man entweder äußerst optimistisch oder äußerst knapp bei Kasse.

Das Problem ist kein theoretisches und kann die chinesischen Banken schnell vor schwierige Aufgaben stellen. Mit in der Dschunke sitzen diejenigen Institute anderer Länder, die den oft auf den Caymans ansässigen Finanzierungsfirmen Geld geliehen haben, oder die entsprechenden Anleihen am Markt erworben haben. Wer sein Fremdkapital derart teuer auftreiben muss und laufenden Refinanzierungsbedarf hat, der braucht neben guten Kontakten eine solide Geschäftsbasis, um auch einen finanziellen Regenschauer überstehen zu können.  Ob dieses stabile Fundament bei den in der Vergangenheit zumindest auf dem Papier erfolgten absurden Preisanstiegen chinesischer Immobilien vorliegt? Es darf gezweifelt werden. Einen Regenschauer aber, den wird es geben.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Entwicklung der Aktienkurse chinesischer Immobilienfirmen. Viele sind in Hong Kong gelistet, haben ihren Geschäftsschwerpunkt aber in Mainland China.

Preise hoch, Aktien runter? Irgendwas ist faul

In Anbetracht der Jubelarien, die auch in den westlichen Medien nicht selten aufbranden, sobald es um China und die blendenden Zukunftsperspektiven geht, erstaunen die desolaten Kursverläufe der gelisteten Papiere. Zieht man die Fremdkapitalkostender Unternehmen in Betracht und schaut sich an, wie weit sich die Preisniveaus in China von dem entfernt haben, was für die Menschen vor Ort auch nur halbwegs erschwinglich ist, so klärt sich das Bild allerdings.

Neben den offenbar beginnenden Preisrückgängen im gewerblichen Bereich signalisiert die zunehmende Austrocknung des Marktes nahende Schwierigkeiten bei der Abwicklung neuer Geschäfte. So wird derzeit von einem Rückgang des Transaktionsvolumens in Höhe von 70% ausgegangen. Für die Preise gehen erste Schätzungen von einem Minus in Höhe von rund 30% aus, ein Wert der allerdings deutlich zu optimistisch sein dürfte. Das gilt vor allem, wenn man sich vor Augen hält, dass die Preise angeblich monatlich mit zweistelligen Wachstumsraten angezogen haben. Nach einem solchen in den offiziellen Statistiken ablesbaren Anstieg, der sich über einige Quartale hinzog, wäre selbst eine Halbierung noch eine mehr oder weniger mäßige Korrektur. Ein solcher Verfall für die Aktien und  Anleihen der Unternehmen keine Sommerbrise auslösen. Man wird sehen, ob den Firmen in China der Bankrott erlaubt ist, oder ob dieser – wie es ja der Westen im Finanzsektor vorexerziert – nur bis zu einer bestimmten Größe genehm ist.

Der chinesische Staat, dem komischerweise trotz aller gescheiterten planwirtschaftlichen Versuche auch viele Westler zutrauen, eine Wirtschaft tatsächlich „planen“ zu können, läuft Gefahr, ein Opfer seiner eigenen gespaltenen Wirtschaftspersönlichkeit zu werden. Das Land ist auf dem Weg zum Transferleistungsweltmeister (von den Städten aufs Land) und versucht, die ständig drohenden sozialen Unruhen durch finanzielle und polizeiliche Mittel im Zaum zu halten. Die planwirtschaftlichen Experimente, wie etwa der den Banken auferlegte Zwang zur Kreditvergabe, ein gemessen am BIP weltweit die Spitze haltendes Konjunkturpaket und die mittlerweile ausgeführten Bremsversuche am Immobilienmarkt führen auf Dauer vermutlich nur in die Verwirrung. Allein der Versuch, den Konsum zu stützen und simultan den Immobilienmarkt zu bremsen, zeugt von einer gewissen Hilflosigkeit, die bei den drohenden sozialen Spannungen aber durchaus nachvollziehbar ist. Die Verbindungsstränge zwischen einzelnen Teilen einer Volkswirtschaft lassen sich aber mit oder ohne Druck nicht wegplanen. Die Geister des Immobilienmarktes, die im „Land der Mitte“ gerufen wurden, sind offensichtlich schwer abzuschütteln. Zumindest werden diese nicht verschwinden, ohne tiefe Spuren zu hinterlassen.

Als unbestritten darf wohl die Entschlossenheit der chinesischen Dienststellenleiter gelten, die Konjunktur auch weiterhin mit massiven Geldmitteln zu stützen, wenn es knirscht. Die von den chinesischen Kommunen über Finanzierungsvehikel vom Staat aufgenommenen Mittel sollen sich bereits jetzt auf etwa $800 Mrd. belaufen. Das Geld floss zum großen Teil in Landentwicklungs- und Immobilienprojekte, so dass auch das Wohl und Wehe der Staatsfinanzen zu einem nicht geringen Teil direkt am Häusermarkt hängt. Zur Einordnung, die ach so niedrige externe Verschuldung Chinas wird laut Bloomberg mit etwas mehr als $400 Mrd. angegeben, die Gesamtverschuldung mit etwas mehr als $800 Mrd. Die interne Verschuldung über die Finanzierungsvehikel ist also in der gleichen Größenordung und somit durchaus beachtenswert.

Auch von der Industrie kommen vermehrt Klagegesänge. Gerade der Einbruch der weltweiten Konsumnachfrage, von dem sich viele Branchen nach wie vor nicht annähernd erholt haben, setzt der chinesischen Exportindustrie zu.

Handelssaldo China

Zum Vergleich die deutsche Handelsbilanz, der unterschiedliche Verlauf in der Krise ist frappierend.

Handelssaldo BRD

Nicht gerade hilfreich für die Freunde des Exports war die schlussendlich logische Entwicklung der teils deutlich steigenden Löhne. Lange wurde versucht, diese unten zu halten. Auf Dauer ist dies nicht möglich, was den Chinesen allerdings bekannt ist. Für die Bevölkerung ist das so lange gut, bis die Arbeitsplätze auswandern.  Diese Verlagerung einfacher Arbeiten in Länder mit noch niedrigeren Standards ist seit Jahren auf dem Vormarsch und wird weiter anhalten. Ob Firmen wie Apple wegen der höheren Löhne bei Foxconn langfristig auf Margen verzichten wird, wenn der aktuelle Medienrummel einmal nachlässt?

So ist zwar ein stärkerer Fokus auf die Binnenwirtschaft bei einem Land von der Größe Chinas durchaus nichts generell Schlechtes. Es stellt sich jedoch die Frage, ob die binnenländische Nachfrage in den letzten Jahren derart stark werden konnte, dass sie die massiven Investitionen rechtfertigt, die mit dem Ziel getätigt wurden, Produkte auch in großem Stil an internationale Nachfrager zu verkaufen. Angesichts des auch im weltweiten Vergleich immer noch sehr niedrigen mittleren pro-Kopf Einkommens der Menschen in China scheint ein derart schneller Wechsel zu einer strukturell stabilen, auf Inlandsnachfrage basierten Ökonomie doch sehr unwahrscheinlich. Ein schwacher Immobilienmarkt und eine Bankenkrise kämen den Wirtschaftslenkern auch aus diesem Grunde mehr als ungelegen.

Das Land der Mitte hat natürlich weiterhin finanziellen Spielraum, an vielen Stellen auch deutlich mehr als so manch westlicher Konkurrent. Die Probleme, denen sich die Chinesen stellen werden müssen, sind nichtsdestotrotz enorm. Aber auch für diese Situation gibt es im fernen Osten zumindest eine Weisheit. Die vielzititerte Meinung „wenn sie Geld brauchen, dann schmeißen die halt ihre Treasuries auf den Markt“ ist hier wenig hilfreich, denn stabilisierend wäre eine solche Aktion sicherlich für beide Seiten nicht.

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