Holt es Euch doch!

Während sich die Counterparts im Abendland dem Treiben der Investmentbanken abgesehen von mehr oder weniger lauten Klagegesängen bisher ohne erkennbare Gegenwehr hingeben, greift das ein oder andere Opfer andernorts jetzt zu anderen Mitteln.

Das chinesische Energieunternehmen Shenzhen Nanshan Power weigert, sich eine Zahlung an Goldman Sachs zu leisten. Die Firma hatte Verluste aus Transaktionen mit Derivaten auf Ölkontrakte erlitten und wirft der amerikanischen Investmentbank nun vor, sie in „hochkomplexe“ und „schwer verständliche“ Produkte und somit in nicht händelbare Positionen getrieben zu haben.

Dieser Vorwurf wird den Investmentbanken von vielen Kunden – wir vermeiden hier den Begriff des Geschäftspartners – gemacht. Allerdings geht Nanshan Power nun einen Schritt weiter. Die Führung des Unternehmens verweigert schlicht die Zahlung von rund $80 Mio. an die GS Tradingeinheit J. Aron & Company.

We will try our best to negotiate with J. Aron and resolve the dispute peacefully, but the possibility of using a lawsuit can not be ruled out when talks fail.

Die genannte Summe mag angesichts der gigantischen Welle toxischer Assets, die hauptsächlich von amerikanischen und europäischen Investmenthäusern über den Globus gespült wurden, gering erscheinen. Das Zeichen aber, das von einer solchen Zahlungsverweigerung ausgeht, ist nicht zu unterschätzen. Bisher galt, das zeigen unter anderem die Beispiele KfW und HSH Nordbank, die bekannte Reihenfolge: Zuerst zahlen, dann jammern und sich dann still in sein Schicksal ergeben. Kein sonderlich erfolgversprechendes Handeln. So hörte man über die HSH, sie habe, ohne sicher zu sein überhaupt zahlungspflichtig zu sein, einen Betrag an eine Investmentbank ausgezahlt, um nicht den Eindruck zu erwecken, man sei zahlungsunfähig. Auf Grund der impliziten Haftung des Steuerzahlers wollte man sich hier wohl größeren Aufwand ersparen.

Die Chinesen zahlen nun erst einmal gar nichts, wollen verhandeln und drohen ganz unverhohlen mit einem Rechtsstreit. Die Einstellung, erst zu verhandeln und zunächst einmal die Dollars zu behalten, stärkt jedenfalls die Verhandlungsposition. So kann man zumindest sicher sein, dass die Gegenseite den Telefonhörer findet, wenn man einmal anruft.

Ein Verfahren dürfte für Goldman nicht sonderlich attraktiv sein, daher sollte eher von einer im Hinterzimmer ausgehandelten Einigung ausgegangen werden. Angesichts der geschätzten Verluste chinesischer Unternehmen alleine im Bereich Energiederivate von etwa $1,6 Mrd. sollte sich die gute Laune der Banken in engen Grenzen halten. Zum einen kann die Schaffung eines öffentlich zur Kenntnis genommenen Präzedenzfalles nicht im Interesse der Finanzinstitute sein. Zum anderen hängt ein um Dimensionen größeres Damoklesschwert weiterhin in der Luft.

Diese bedeutsamere Diskussion dreht sich um das Verhalten der Banken beim Verkauf von gewaltigen Paketen an strukturierten Papieren an ihre Kunden. Nicht sonderlich erstaunlich war es, als sich die Vermutung breit machte, die Banken hätten, während sie diese Transaktionen abschlossen, offenbar oft gleichzeitig in den eigenen Büchern die Gegenpositionen eingenommen.

Nimmt man einmal mal den US Hypothekenmarkt als Beispiel, so hieße dies, eine Bank verkauft beispielsweise CRE CDOs (strukturierte Produkte, die auf Gewerbeimmobilienkrediten basieren) an ihre Kunden. Diese Produkte leiden, wenn diese Kredite ausfallen. Natürlich hat man in den Werbebroschüren (oder beeindruckender „Investor Presentations“) den Ausfall solcher Produkte nicht ausgeschlossen, der Disclaimer lässt grüßen, hat aber sicher auch nicht damit geworben, dass diese Papiere rasch an Wert verlieren. Gleichzeitig mit dem Verkauf an den Kunden wird in den Büchern der verkaufenden Bank eine Position initiiert, die von einem Wertverlust der gleichen Hypothekenpapiere profitiert. Ein gewisser Interessenkonflikt ist hier selbst ohne Lupe recht gut zu erkennen. So sehen das scheinbar zunehmend auch die Betroffenen.

Ein Pensionsfonds hat nun folgerichtig am 24. Dezember am Manhattan Federal Court gegen Morgan Stanley wegen des Verkaufs des mit subprime Papieren reich gesegneten “Libertas CDO” Klage eingereicht. Unter anderem befanden sich in diesem CDO viele Papiere des mittlerweile kollabierten Subprime Lenders New Century Financial. Morgan Stanley wird in der Anklage vorgeworfen, die Bank hätte mit der Rating Agentur S&P kooperiert um ein AAA Rating für die Transaktion zu erzielen.

The complaint alleged Morgan Stanley knew the CDO’s assets were far riskier than the ratings suggested, but was “highly motivated to defraud investors” with pristine ratings because it was simultaneously “shorting” almost all the assets. This was a bet that their value would fall, which they did in 2008.

Morgan Stanley was betting the entire investment it was promoting would fail,” according to the complaint, which was made available on Tuesday. “The firm achieved its objective. Reuters.com

Das ist eine klare Aussage. Hält man sich die Größenordnung allein der weltweit gehandelten CDOs vor Augen, so hat das Vorgehen des Pensionsfonds einen gewissen Charme. Eine gerichtliche Untersuchung der genauen Vorgänge bei jeder einzelnen Transaktion, die auch unter die Lupe nimmt, wer wann welches Produkt gekauft hat, wer die entsprechenden Unterlagen unterschrieben hat und auf Basis welcher Informationen dies geschah, könnte durchaus zahlreiche interessante Details aus dem Sumpf ans Licht befördern.

Besonders gut gefällt uns der auf die Disclaimer abzielende Vergleich mit einem bekannten gesunkenen Schiff.

The Dec. 24 complaint said Morgan Stanley knew securities in the Libertas CDO were suffering a dramatic rise in delinquencies, but provided a misleading “risk factor” in a prospectus that rising delinquencies “may” hurt values in the $1 trillion residential mortgage-backed securities market. It called this representation “analogous to Captain Smith’s telling passengers of the Titanic that some ships have ‘recently sunk’ in the Atlantic and therefore ‘our ship may sink,’ without mentioning the facts that his ship struck an iceberg, had a hole in it, and was filling with water.

Was die Banken, die nicht selbst zu den Verkäufern solcher Papiere gehörten, im deutschsprachigen Raum angeht, so kann nur zu einem ähnlichen Verhalten geraten werden. Deutlicher gesagt denken wir, die Institute, die derartige Produkte in ihren Büchern haben, sind es dem Steuerzahler schuldig um jeden einzelnen Pfennig zu kämpfen. Den Staatshaushalten einiger Bundesländer kann man dies jedenfalls nur wünschen.

 

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Zukunftsorientiert

Die neuen Vorschläge zu den Eigenkapitalregeln für Banken (auch Basel III genannt) sorgen für leicht zittrige Knie bei dem ein oder anderen Beobachter der Finanzinstitute. Abgesehen von der im wahrsten Sinne bedingungslosen Bereitschaft zur Unterstützung der Firmen durch den Staat tun sich hier erneut Abgründe verschiedener Art auf. Zum einen darf erneut gefragt werden, welches Kapital die Lücken diesmal schließen darf. Zum anderen dürfte der ein oder andere bankfremde Leser die Stirn in Falten legen, was man da bereits bisher so alles bilanziert.

Heute schauen wir uns die deferred tax assets (DTA) an. Die Darstellung erfolgt bewusst etwas grober, da bei der Detailbetrachtung der Bilanzierungsregeln dem ein oder anderen sicher die Augen zufallen würden. Feinheiten der Bilanzierung spielen aber für den Sachverhalt an sich keine Rolle. Die DTA fallen an, weil es zwei verschiedene Bilanzen gibt, eine davon für die Steuer. Die Ergebnisse in den Büchern können unterschiedlich ausfallen. Wenn eine Bank einen Verlust erzielt und diesen in der Steuerbilanz nicht entsprechend geltend machen kann, erlauben die bestehenden Regeln die Schaffung von deferred tax assets. Im Grunde handelt es sich hierbei um die Bilanzierung der Auswirkungen einer in der Zukunft geringeren Steuerlast. Der geneigte Leser mag sich die richtige Frage stellen, was denn mit Banken ist, die auf Grund schlechter Ergebnisse auch in Zukunft keine Steuern zahlen. Eine berechtigte Frage, denn wenn man gar keine Steuern zahlt, ist eine Verringerung der Steuerlast natürlich nichts wert. Was die Bilanzgymnastiker nicht daran hindert, die DTA als Tier 1 Capital – sprich Eigenkapital – zu bewerten.

Wir fassen das ganze noch einmal kurz zusammen. Eine Bank macht Verluste, kann diese in der Steuerbilanz nicht entsprechend geltend machen und erhält die Möglichkeit die zukünftig bei möglicherweise wieder positiven Ergebnissen vorliegende Verringerung der Steuerlast als Eigenkapital in der Bilanz anzusetzen. Solidität, neuester Stand. Viel mehr muss man zur Qualität des Eigenkapitals vieler Banken nicht sagen. Der Witz an der Sache ist aber eigentlich die Konsequenz aus der vielleicht einmal folgenden Einsicht, diese „Assets“ mangels Erträgen nicht mehr nutzen zu können. Es werden dann Abschreibungen auf die DTA fällig, die sich wieder negativ auf die Eigenkapitalausstattung der Banken auswirken.

Laut Fitch sind die DTA in den Bilanzen der US amerikanischen Banken allein zwischen den Sommern 2008 und 2009 auf das Vierfache angestiegen und machen derzeit deutliche 10,7% des gesamten Eigenkapitals aus. Gleichzeitig sagt die Ratingagentur, dass dies wohl keinen Einfluss auf die Ratings der Institute haben wird. Ach ja, Eigenkapital wird überschätzt.

Unter den besonders exponierten Banken ist laut JP Morgan auch die Deutsche Bank mal wieder an prominenter Stelle vertreten. Man wird bei diesem Institut den Eindruck nicht los, dass der Vorstandsvorsitzende seinen Job seinerzeit nicht planmäßig abgegeben hat, um zu verhindern, dass jemand mal den Deckel vom Topf nimmt und guckt was da so alles vor sich hin schmort.

deferred tax assets und Eigenkapital

Mit den Eidgenossen von der UBS, die von sich vor gut zwei Jahren noch behaupteten „die beste Bilanz aller europäischen Banken“ zu haben, kann der Vorsitzende Eidgenosse der Deutschen Bank zwar nicht in allen Punkten mithalten, aber was soll’s! Der Versuch zählt und mit einem Anteil der DTA von 24% relativ zum Aktienkapital wäre man immerhin ganz weit vorne. Schön auch der von Sanford Weill über Jahre hinaus zusammengekaufte Trümmerhaufen Citigroup. Zum dritten Quartal 2009 wurden von den DTA der Bank gut $13 Mrd. zum Tier-1 Capital gerechnet

Ein paar Gewinne kämen der Bank wie ihren Konkurrenten sehr gelegen. Leider werden die Steuerzahler nicht sonderlich viel davon zu sehen bekommen, bedeuten doch die Steuervorteile der Institute einen Steuernachteil des Staates. Vielleicht sollte sich mal jemand darüber Gedanken machen, warum die Banken trotz Staatsrettung die Vorteile der zukünftigen Steuerschrumpfung in vollem Ausmaße genießen sollten. Ein Einschnitt hier würde die Banken zu einer weiteren Aufnahmen von echtem Eigenkapital zwingen (Recht so!) und die etwaigen Wahlen geschuldete Bonusdiskussion ein bisschen in den Hintergrund rücken. Nicht, dass die Forderung einer Steuer auf Boni nicht vollkommen verständlich wäre. Sie ist nur mit zwei Federstrichen umgangen. Fixgehalt hoch, Bonus runter und dann ein bisschen in die Kamera schreien, damit die Menschen denken, man hätte tatsächlich Einbußen zu verzeichen. Das man mit so einer Farce Wahlen gewinnen kann, ist wirklich ebenso seltsam wie eine schulden- und somit steuerfinanzierte Senkung von Steuern.

Das Thema Ausweitung der Kreditvergabe, seitens der Politik entweder in Unkenntnis oder Ignoranz der Eigenkapitalsituation der Banken vehement gefordert, kommt unterdessen nicht so richtig ins Rollen. So bleibt die Ausweitung des Kreditvolumens weiterhin den Staaten überlassen, die sich nicht lange bitten lassen. Von Seiten der Unternehmen und privaten Haushalte ist hier bis dato nichts zu sehen. Das ist wenig verwunderlich, wenn man sich die problematischen Aussichten für den Arbeitsmarkt und die bestehenden industriellen Überkapazitäten vergegenwärtigt. Ein wahrlich traumhaftes Investitionsklima.

Wichtigster Punkt, wenn es um die Fähigkeit zur Kreditvergabe geht, ist nach wie vor aber das Eigenkapital oder der Mangel an Eigenkapital. Das ist nicht die Krankheit, die Zentralbanken heilen können. Im Hause der Fed sprach dies der Fed Gouverneur Willam Poole zeitig aus. Unter seinen Kollegen herumgesprochen hat sich diese Wahrheit anscheinend bisher nicht, daher wollen wir Herrn Poole hier den gebührenden Platz bereitstellen:

The Federal Reserve can deal with liquidity pressures but cannot deal with solvency issues.

Dem stimmen wir seit jeher vollumfänglich zu. Der Zeit kaufende Liquiditätstanz ist insofern gar nicht ungefährlich, da er über die bestehenden Lücken hinwegtäuscht. Eine langfristig heilende Wirkung sollte hier nicht erwartet werden, denn was die Banken brauchen ist Eigenkapital. Viel Eigenkapital.

 

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Staatsquote einmal anders

Die Versicherer, die sonst hauptsächlich ihre Vertriebskräfte ausschwärmen lassen, verlegen den Schwerpunkt ihrer Arbeit derzeit augenscheinlich auf ihre lobbyistischen Bestrebungen. Die Unternehmen, die in der Krise eine unangemessen unauffällige Rolle zu spielen scheinen, sind ein Hauptnerv des Systemvertrauens und damit des Finanzsystems selbst. Das geringe allgemeine Interesse mag an den wenigen Gedanken liegen, die gemeinhin dem Geschäftsmodell von Versicherern gelten. Die Abhängigkeit der Unternehmen vom Kapitalmarkt blieb in den vergangenen Monaten im Vergleich zu den offensichtlicher exponierten Banken eher im Dunkeln. Zudem ist die Branche generell etwas leiser unterwegs als die nicht selten wie von einem Hormonschock getroffen schwadronierenden Subventionsempfänger in den großen Finanzinstituten.

Die bekannten finanziellen Probleme verschiedener Staaten, die durch die kürzlich vollzogenen Aktionen der Ratingagenturen ihren Weg an eine breitere Öffentlichkeit fanden, zeigen sich nun als weiterer Dorn im Pelz der Versicherungskonzerne. Hat man gerade mehr oder weniger die Einschläge bei den Bankanleihen, hier speziell bei den Hybridpapieren, überstanden, die einen deutlichen Anteil an den Portfolios der Firmen ausmachen, regnet es nun in die Abteilung Staatsanleihen hinein. Deren Anteil in den Anlagebüchern ist bei zahlreichen Konzernen nicht minder beeindruckend. Gilt dies schon für die absoluten Beträge, so trifft es um so mehr auf die investierten Summen im Verhältnis zum Eigenkapital zu.

Versicherer Staatsanleihen Investments

Die Aufteilung der Investments in den Berichten der Unternehmen ist oft sehr grob, so dass eine genaue Allokation der Risikoländer nicht möglich ist. Der Anteil an Griechenland Papieren ist aber gemäß Unternehmensverlautbarungen gering, was auch immer „gering“ bedeuten mag. Der Schwerpunkt bei schwächeren europäischen Papieren (außerhalb Osteuropas) liegt in Italien.

Unabhängig von der exakten geographischen Aufteilung macht die Problematik der Ausweitung der Risikoprämien bei Staatsanleihen das Dilemma der Konzerne deutlich. Die Versicherer wissen angesichts eingefahrener Verluste und abschmelzender Renditen der Neuanlagen nicht, wie sie die notwendigen Erträge erzielen sollen. Zum einen ist man sicher hocherfreut über steuerbasierte bail outs von Banken und den Erholungstendenzen der entsprechenden Bankenanleihen (speziell Nachrangpapiere), die einen großen Anteil der Investments ausmachen.

Auch die „Übernahme“ der Dresdner Bank durch die nun teilstaatliche Commerzbank war wohl eher eine Rettungsaktion zu Gunsten der Allianz als zu Gunsten der Dresdner Bank. Eine Systemrelevanz ausgerechnet bei der Dresdner Bank vorzuschieben wäre wohl vermessen. Der Haken an dem ausufernden Wust staatlicher Eingriffe ist die Einengung der Risikoprämien bei privaten Emittenten. Auf einer staatlich garantierten Bankenanleihe steht nun einmal eine niedrigere Rendite. Hier verschwinden Renditepotentiale, die die Versicherer dringend bräuchten.

Der zweite Haken der Rettungsversuche liegt in der Verschiebung der Risiken, diese verschwinden ja bekanntlich nicht. Die Risiken, die den Banken von Staaten abgenommen wurden, liegen nun halt beim Staat. Dieser hat mehr Optionen als ein Unternehmen, denn er bestimmt die Spielregeln. Trotz aller Verrenkungen wandert auch in der Marktsicht das Risiko nun einfach von den Banken zu den Staaten und hier ganz explizit zu den Staatsanleihen. Da die Renditeniveaus der Papiere durch Zentralbankkäufe künstlich gedrückt werden, bieten sich die CDS Spreads auf die einzelnen Staaten als Gradmesser an, reagieren diese doch sehr sensibel und somit zeitnah.

Ein Blick auf den SovX Index, ein gleichgewichteter CDS Index europäischer Staaten (ex Osteuropa), zeigt den Anstieg der Risikoprämien. Lassen Sie sich nicht durch die in absoluten Zahlen recht geringen Schwankungen irritieren, bei den Staatsanleihen macht das Volumen die Musik.

SovX CDS Index

Der wichtige Punkt ist nicht der Indexstand alleine, sondern das Ausfransen des europäischen Gefüges von den Rändern her, das man der Tabelle entnehmen kann. Irland und Griechenland hätten bei einer Fremdwährungsverschuldung aktuellen Ausmaßes in der gegebenen wirtschaftlichen Situation zur Staatspleite keine echte Alternative. So hängt man nun am Tropf der EU, die ihrerseits kein sonderlich großes Interesse an einer unkoordinierten Auflösung der Währungsunion hat.

Sehr interessant ist, wie gut sich die Verschiebung der Risikoeinschätzung von den (mehr oder weniger) privaten Unternehmen hin zu den Staaten an den verschiedenen Indizes ablesen lässt. Die folgende Grafik zeigt, wie hoch der Spread des SovX Index im Verhältnis zum iTraxx Main (CDS Index für Investment Grade Unternehmen) ist.

SovX versus iTraxx

Der Verlauf folgt konsequent der ökonomischen Logik, und bestätigt die beschriebene „Risikowanderung“. Während die Ratio vor den staatlichen Orgien zwischen 10% und 15% lag, beträgt der SovX Spread nun gute 85% des iTraxx Niveaus. Interessanterweise bewegt sich die Kennzahl bereits wieder auf das Allzeithoch aus dem Frühjahr dieses Jahres zu. Neben Griechenland, wo nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre niemand wirklich weiß, ob es nur schlimm oder noch schlimmer ist, gibt es hier noch die gebeutelten Iren. Neben den Damen und Herren von der grünen Insel, die nach dem Kollaps ihrer Wirtschaft so weichgeklopft wurden, dass sie alles unterschrieben haben, was man ihnen vorlegte, gibt es noch eine Reihe weiterer Kandidaten für Downgrades und finanzielle Schwächeanfälle außerhalb der Eurozone. Ein beliebter Tummelplatz sehr weit südlich und sehr weit nördlich liegender Banken lauert in der von IWF Notfallkrediten abhängigen Ukraine und im Baltikum, dass sich mit den bangenden Schweden um die Art und Weise einer Währungsabwertung balgt.

In Osteuropa wissen die Ungarn nicht so recht, wo und wie man sich mit Kapital versorgen soll. Im Westen lauert, wenn auch auf kleinerer Flamme, das britische Empire of Debt. Es gibt hier viel Raum für einige gar nicht so überraschende Überraschungen. Die Entwicklungen werden zeigen, welcher Versicherer sich die falschen Eier ins Nest gelegt hat. In der Breite laden die Unternehmen selbst nicht gerade zum Investieren ein, und das schon seit Jahren. So liegt die Underperformance der Aktien der Versicherer seit 2000 bei etwa 30%.

Versicherungen versus EuroStoxx

Angesichts absehbarer Downgrades bei Unternehmen, Staaten und strukturierten Produkten wird sich dies wohl vorerst nicht ändern. Falls Sie also mal wieder Besuch von ihrem Versicherungsberater bekommen – zum Jahreswechsel auf Grund der zahllosen „nie mehr wiederkehrenden Vorteile bei Abschluss bis zum 31.12.“ sehr beliebt – bitten Sie doch einmal um ein paar Informationen zu den Investments des Konzerns. Wir würden auf folgende Antwort wetten: „Unser Unternehmen investiert nur in werthaltige Papiere höchster Qualität“. Da das in der Regel alle sagen, fragt man sich, wo eigentlich die ganzen Papiere herumschwirren, die nicht in diese Kategorie fallen.

 

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Zeit ist Geld. Manchmal.

Diesen Artikel haben wir im Rahmen unserer Kooperation mit www.cashkurs.com veröffentlicht.

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In einem kürzlich erschienenen Artikel erwähnten wir die Performance, die mit einem langfristigen Investment in Aktien für einen europäischen Anleger zu erzielen gewesen wären. Wir bezogen uns dabei auf die Entwicklung des CDAX Index. Nun hat uns eine in Deutschland erscheinende Tageszeitung mit Finanzeinschlag einen Gefallen getan und ihrerseits einige Berechnungen auf Basis von Aktienfondsdaten nachgereicht. Das Ergebnis ist sogar noch deutlich schlechter als die von uns auf Indexbasis ermittelten Werte. Das liegt zum Teil daran, dass wir als höfliche Menschen Nebenkosten sehr tief ansetzten, was aber das bittere Fazit nicht gänzlich erklären kann.

Die Performance ist schlichtweg unterirdisch. Interessanterweise kommen die Zeitung und die Manager oder Gesamtverantwortlichen der Vehikel zu dem Schluss, dass die langfristige Daueranlage in diese Produkte trotz allem eine gute Sache sei. Das ist überraschend, gingen wir doch bisher davon aus, dass der Grund für ein Investment die erwartete Rendite und das Verhältnis zum dabei eingegangenen Risiko sein sollte. Wir scheinen aber Zeuge der Schaffung einer völlig neuen Weltsicht zu werden, die allein den Besitz eines Aktienfonds schon als Wert an sich betrachtet. Schauen wir uns das Ganze deshalb einmal in Ruhe an.

Die Daten die in der FTD genannt wurden, und die in der unten stehenden Tabelle aus dieser Zeitung zu sehen, sind beziehen sich auf einen Anlagezeitraum, der sich über die vergangenen fünfzehn Jahre erstreckt. Wir wissen nicht, wie es um ihre Geduld steht, aber um die dargestellten Ergebnisse in ihrer Gesamtheit mit dem Attribut attraktiv zu versehen, ist schon eine Art fundamentalistischen Gleichmuts von Nöten.

In die Tabelle scheint sich ein kleiner aber nicht so wichtiger Fehler eingeschlichen zu haben. So muss es wohl in der Überschrift der fünften Spalte „Sep 08“ und nicht „Sep 09“ heißen. Das ist sicher nur ein kleiner Tippfehler, die wichtigen Probleme können Sie in der letzten Zeile, in der die aggregierten Erträge oder Verluste eingetragen sind, und bei den Einzelergebnissen sehen.

FTD Tabelle Fonds langfristig

So, die Attraktivität der langfristigen Fondsinvestments ist Ihnen sicher auch gleich ins Auge gesprungen. Und wenn man etwas ins Auge bekommt, kann das schon ziemlich fies schmerzen.

Wir möchten nun kurz niederschreiben, was wir aus dieser Tabelle entnehmen. Die ausgewählten Fonds schafften in den vergangenen eineinhalb Dekaden im Mittel eine jährliche Performance von 3,2%, wenn man als Ausstiegs- oder Bewertungsstichtag den letzten Tag des Monats September 2009 wählt. Im März des Jahres 2009 lag die Zahl bei minus 0,6%, sieben Monate vorher waren es +4,3% und für den Ausstieg am Ende des Jahres 2007 werden doch respektable 10% p.a. angegeben, das war zum Zeitpunkt des Tops im DAX, als der Index den Marken der Jahrtausendwende einen Freundschaftsbesuch abstattete. Über die Schwankungsbreite des Aktienmarktes müssen wir den Lesern sicher nichts erzählen, sie war schlicht enorm.

Abgesehen von den absoluten Werten, die im Grunde für sich sprechen, beeindruckt uns vor allem die Tatsache, dass die Fonds es geschafft haben, eine Performance von jährlich 10% innerhalb von eineinhalb Jahren komplett in ein Minus zu drehen, eine stramme Leistung.

Weitere Zahlen, die im Artikel genannt werden, stammen unter anderem vom Bundesverband Investment und Asset Management (BVI), der nicht dafür bekannt ist, Marketingstrategien der Branche zu torpedieren. Die Zahlen lassen für Fröhlichkeit allerdings wenig Raum. So errechnete der Verband folgendes: Bei einer monatlichen Sparrate von €100 hätte ein im Jahr 1999 begonnener Fondsparplan auf Basis deutscher Aktien aus der eingezahlten großen Summe von €12.000 den kleinen Betrag von €8670 gemacht. Pro Jahr macht das 6,6%, pardon, minus 6,6%. Bei Europafonds läge der Wert noch tiefer, lässt der BVI verlauten.

Daraus kann man verschiedene Schlüsse ziehen. Einer könnte lauten, Aktien seien generell keine gute Assetklasse. Das ist nicht unsere Auffassung, alles hat seine Zeit. Alternativ könnte man hinterfragen, welchen Mehrwert das so genannte aktive Management gebracht hat, oder ob es überhaupt ein aktives Management gibt. Mit aktiv meinen wir ausdrücklich nicht, dass ein Fonds drei Telekomaktien weniger oder mehr hat, als ein Index dies vorgibt.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass viele Produktverantwortliche aber genau das unter aktiv verstehen und im Grunde mit dem Index steigen oder fallen. Einen Mehrwert können wir hier beim besten Willen nicht erkennen, eine Leistung, für die es angemessen wäre, Gebühren zu verlangen, noch viel weniger. Um so mehr haben uns einige Aussagen der Verantwortlichen in der genannten Zeitung fasziniert.

Der Titel der Tabelle nennt zu Beginn ganz clever die Devise: „Der richtige Ausstiegszeitpunkt ist entscheidend“. Jo, das ist schlau. Vor allem die Freunde der fondsgebundenen Riesterrente oder anderer hundertjähriger Fesselverträge sitzen bekanntlich tagein tagaus vor dem Kursteil der FAZ um den richtigen Zeitpunkt für die Auflösung herauszupicken. Eigentlich dachten wir, dass es gerade die Aufgabe eines Fondsmanager ist, sich um Ein- und Ausstiegspunkte zu kümmern. Aber vielleicht haben wir da auch ein falsches Verständnis. Allerdings hat uns unser Friseur bisher noch nie die Schere in die Hand gedrückt und sich mit dem Satz „der richtige Schnitt ist entscheidend“ und einem Kaffee in der Hand ins Hinterzimmer geschlichen, um schon einmal die Rechnung zu schreiben. Sehen Sie, niemand ist gegen Fehler und Misserfolge gefeit, aber die Verantwortung für solche dann noch auf die Kunden zu schieben, das ist nur mit dem Begriff unwürdig zu beschreiben.

Einer der Befragten bemüßigte sich zu der Aussage, „auf dem Tiefpunkt sollte man die Aktienanlage nicht abschreiben“. Ach so, da war ein Tiefpunkt, schade, kam gar nicht in der Tagesschau. Vielleicht sollte man sich in der Branche nicht nur auf Tief- sondern auch auf Hochpunkte konzentrieren. Da ja der Ausstieg entscheidend ist, wie wir gelernt haben, könnte das die schlauere Variante sein. Oder haben die Gesellschaften den Kunden seinerzeit auch geraten „auf dem Hochpunkt sollte man es mit der Aktienanlage nicht übertreiben“? Vielleicht war das mit dem „Abschreiben“ aber auch ein Ratschlag aus der Bilanzwelt und bezieht sich auf Ihre persönlichen Finanzen? Schreiben Sie die Aktienanlage nicht ab, bei faulen Krediten macht das ja auch niemand.

Es geht noch weiter. Der Vertreter der Gesellschaft des schlechtesten Fonds im kleinen Vergleich der FTD wagt sich auf das dünne Eis des Vergleiches mit einer sicheren Geldanlage, für die die Tagesanleihe des Bundes herhalten darf, eine gut ein Jahr alte Schöpfung der Finanzagentur der BRD.

Falls Sie dieses Produkt nicht kennen, es handelt sich hier um eine Art Tagesgeldanlage mit Zinsen, die sich am EONIA (European Overnight Index Average) Zinssatz orientieren, das ist ein Referenzzinssatz für sehr kurzfristige Geldausleihungen unter Geschäftsbanken in der Eurozone. Die Berechungsregel ist einfach. Je nach aktuellem EONIA Satz liegt die Verzinsung zwischen 0% und dem EONIA Zinssatz abzüglich eines Abschlags.

Da die Zentralbanken sich ja aktuell an der Rettung des Finanzsystems versuchen, sind die Zinsen für sehr kurze Laufzeiten derzeit extrem niedrig. Dementsprechend ist auch die Verzinsung der Tagesanleihe sehr gering und liegt um die 0,20%, also bei fast nichts. Das Ausfallrisiko entspricht dem Ausfallrisiko des Staates. Diese Anlage bringt auf lange Sicht ähnliche Renditen, wie sie viele so genannte Geldmarktfonds erzielen wollten, bis sich deren Manager zur Anlage in ABS Papiere hinreißen ließen und sich die Kurse der Vehikel teils mehr als halbierten. Ein mehr als peinlicher Skandal, um den es angesichts der Dimension erstaunlich ruhig geworden ist. Es handelt sich bei diesen Fonds bekanntermaßen um Produkte, die von Fondsgesellschaften gegen Gebühren verwaltet werden.

Geldmarktfonds Absturz

Der oben zitierte Vertreter einer solchen Gesellschaft versucht nun also die aktuell niedrigen Zinsen der Tagesanleihe zu einem Marketinginstrument für langfristige Investments in Aktienfonds umzubiegen. Dabei lässt er sich mit einer durchaus bemerkenswerten Aussage zitieren: “Bei einer Verzinsung der Tagesanleihe des Bundes von 0,2% kann man sich schnell ausrechnen, wie viel nach 20 Jahren übrig bleibt.“ Ja, richtig, das ist leicht. Noch einfacher allerdings lässt sich ausrechnen, um wie viel schlechter der aktiv verwaltete Aktienfonds seiner Gesellschaft nach 15 Jahren bei einem Ausstieg im vergangenen März gewesen wäre. Bei 0,2% p.a. wäre das in der Tat bescheidene Ergebnis der Tagesanleihe in jedem Jahr um deutliche 0,8 Prozentpunkte besser gewesen als das desjenigen Fonds, dessen Gesellschaft der Mann zu verantworten hat. Ein bisschen Demut wäre hier durchaus angebracht, denn die Tagesanleihe tickert nicht nur jeden Tag nach oben, sie schwankt auch nicht. Zudem ist 0,2% p.a. zwar bitter, aber deutlich besser als ein Geldmarktfonds, für den man Gebühren bezahlt und der sich dann aus lauter Dankbarkeit halbiert.

Besonders ärgerlich und in hohem Maße unseriös ist aber die Suggestion, dass die Verzinsung der Tagesanleihe immer und ewig bei 0,2% stand und stehen wird. Das ist natürlich, und das sollte und wird der Mensch wissen, Blödsinn. Im Mittel lag der entsprechende Zinssatz in den vergangenen zehn Jahren leicht über 3%. Schade, dass derartige Aussagen trotzdem den Weg zur Druckerpresse finden.

Hier wollen wir nun die Gelegenheit nutzen, und kurz aufzeigen, wie sich denn der Aktienfonds des zitierten Verantwortlichen in den letzten 10 Jahren im Vergleich zum DAX Index und zur von ihm arg gescholtenen Tagesanleihe geschlagen hat.

Fonds versus Index

Wir denken, der Begriff Debakel beschreibt die Performance des Fonds ebenso höflich wie treffend. Allein gegenüber dem deutschen Aktienindex ist der Verlust deutlich größer. Zudem ist dem Fonds die Tagesanleihe soweit davongelaufen, dass eine Verdoppelung des Fonds nicht einmal ausreichen würde, um diese einzuholen. Genauer gesagt müsste der Fonds um rund 150% zulegen. Da wünschen wir ein glücklicheres Händchen als in der letzten Dekade. Die Statistiken zu den Mittelab- und zuflüssen in deutsche Investmentfonds (zu finden unter www.bvi.de) zeigen übrigens eindeutig, dass die Anleger die Leistung ähnlich beurteilen und einigen Gesellschaften das Vertrauen stärker entziehen als anderen.

Verstehen Sie uns nicht falsch, dies soll kein Ratschlag sein, nie wieder in Aktien zu investieren, oder sich gar lebenslang an Tagesgeld zu binden. Jede Anlageklasse hat ihre Zeit. Vielmehr geht es uns in diesem Artikel darum, zu zeigen, dass ein bloßes Festhalten an Produkten nicht zwangsläufig zum Erfolg führt, was gerade in Zeiten der langjährigen Knebelverträge für die Rente von Bedeutung ist. Die Argumente derjenigen, die diese Produkte verkaufen, sind oft, die Beispiele zeigen dies, nicht stimmig.

Es gibt zudem keinen Grund, Gebühren für nachweislich nicht erbrachte oder indiskutable Leistungen zu bezahlen. Wer Asset Management nicht aktiv betreibt oder sich gar erdreistet die Fehler in der Vermögensverwaltung im Nachhinein seinen Kunden aufzubürden, der darf sich über anhaltende Mittelabflüsse und steigendes Desinteresse der Kunden nicht wundern. Halten Sie die Augen offen, und werden Sie selbst aktiv. Es ist Ihr Geld.

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Revisionitis

Die Daten zum US Arbeitsmarkt sind oft Auslöser von Diskussionen. Dabei geht es oft nicht um die Werte selbst, sondern um oft nicht gerade intuitiv verständliche Entwicklungen.

Intro Statistik

In der Regel liegen die Ursachen bestimmter Abweichungen verschiedener Statistiken in Änderungen der Struktur der Arbeitslosigkeit, da ja in den Staaten wie auch in Deutschland jemand zwar arbeitslos sein kann, aber trotzdem nicht als Arbeitsloser in den Statistiken auftaucht. Das kann verschiedene Gründe haben, auf die wir hier nicht im Einzelnen eingehen wollen. Es genügt die Feststellung, das derartige Statistiken in der Regel die Zahlen nicht zu negativ darstellen. Das ist kaum verwunderlich, wenn man sich vor Augen hält, wer diese Daten der Öffentlichkeit präsentieren darf.

In den Staaten nahm im November die Zahl der „Civilian Labor Force“ um 291.000 Personen ab. Dies hat Auswirkungen auf die Bezugsgröße der Arbeitslosenquote.

BLS Daten US Arbeitsmarkt

Die Grafik zeigt einen Auszug aus dem aktuellen BLS Report. Wie kommt es nun zu einem Absinken der Civilian Labor Force? Die Begründung liegt in der Art der Datenerhebung, die auf Umfragen basiert. Menschen werden befragt, ob Sie einen Job haben, einen solchen wollen und eine Stelle gesucht haben. Wer sich beispielsweise dazu entschließt, lieber noch einmal zur Uni zu gehen (angesichts der wegen der desolaten Finanzlage vieler Universitäten drastischen Anhebung der Studiengebühren um teils mehr als ein Drittel sicher besonders für Arbeitslose interessant…) fällt aus der Civilian Labor Force heraus. Das ist kein spezifisches Problem amerikanischer Statistiken, auch in Europa ist dies gang und gäbe. Addiert man die Menschen, die nicht in der Labor Force sind, zu denen, die dazugehören, und ermittelt die Quote der Arbeitslosen zu dieser Gesamtzahl so steigt der Wert kontinuierlich an.

Das soll kein Vorschlag sein, die Arbeitslosenquote auf diese Art und Weise zu ermitteln. Es kann allerdings nicht schaden, die Schwächen des aktuellen Modells zu kennen. Den Gedanken, dass die Zahl der Menschen, die wegen mangelnder Perspektiven und ohne Job aus der Gesamtmenge ausscheiden größer ist als die der Lottogewinner und Börsenprivatiers, können wir leider nicht ganz verdrängen.

Da sich nie genug Leute finden, die sich auf diesem Weg aus der Statistik schleichen, ist das Bureau of Labor Statistics vor langer Zeit dazu übergegangen, das Aufpolieren der Daten zu institutionalisieren. Zu diesem Zweck wurde das sogenannte Birth/Death (B/D) Modell geschaffen. Vereinfacht gesagt handelt es sich hierbei um ein Konstrukt, das Werte ausgibt, die die jeweils in einer Periode geschaffenen oder gestrichenen Stellen durch Firmenschließungen und Neugründungen darstellen sollen. In der Regel werden natürlich Jobs geschaffen, wen wundert’s, american flexibility, you know. Damit kommt man in ökonomisch besseren Zeiten halbwegs durch, gilt doch hier wie in der Politik im Allgemeinen der gängige Satz „wer fragt den Sieger nach der Wahrheit“. Fällt eine Volkswirtschaft in eine Rezession oder Depression offenbart der Modellansatz allerdings eklatante strukturelle Schwächen.

So weist das B/D Modell in der stärksten Wirtschaftskrise der Vereinigten Staaten der letzten Dekaden munter weiter neu geschaffene Stellen aus und sorgt so für kontinuierlich zu gut ausgewiesene Arbeitsmarktdaten.

US Birth/Death Model

Besonders interessant ist die beeindruckende Zahl von vermeintlich neuen Stellen im Baugewerbe, ist dies doch nicht der Sektor, der von einer veritablen Baukrise profitiert, vor allem dann nicht, wenn die Neubauzahlen auf einem Rekordtief dahinvegetieren. Sie verweisen auf die Infrastrukturprogramme? Ein interessanter Punkt, leider ist jedoch die Lage nicht nur im Hochbau schlecht, auch der Tiefbau muss sich die Straße zu den blühenden Landschaften erst noch bauen. So taucht der Gesamtsektor regelmäßig als eines der großen Sorgenkinder bei den Entlassungsstatistiken der Bundesstaaten auf.

US Job losses construction sector

Die Tabelle zeigt einen üblichen Wochenreport der Staaten, es liegt hier weder ein sonderlich guter noch ein außergewöhnlich schlechter Zeitraum vor.

Da man beim BLS vielleicht dreist aber nicht unbedingt dumm ist, hat man rechtzeitig einen Passus von der hauseigenen Webseite gelöscht. Diese Zeile stammt aus dem Disclaimer des Modells und ist ein Hinweis auf ein strukturelles Problem:

“The most significant drawback to this or any model-based approach is that time series modelling [...] is likely to have some difficulty producing reliable estimates at economic turning points…”

Das ist eine ehrliche und korrekte Aussage. Leider hat man diesen Passus von der Website des BLS gelöscht. Das geschah nicht gestern, sondern zu Beginn des Jahres 2008, also in einer Phase, die sich durchaus mit dem Begriff “economic turning point” bezeichnen ließe. Es gilt wohl auch für die Aufrichtigkeit: Alles zu seiner Zeit. Das Modell scheint übrigens über alle Maßen träge zu sein, denn der ökonomische Wendepunkt liegt nun schon ein Weilchen hinter uns. Vielleicht hat man ja die Modellierer der Ratingagentur Fitch eingestellt. Diese hatten, ein unvergessenes Highlight der Krise, zur Bewertung von Immobilienkrediten ein Modell konstruiert, das nur mit Hauspreissteigerungen arbeiten konnte. Mit sinkenden Preisen konnte es nicht umgehen. Das hat in der Folge prima funktioniert, wie Sie sich sicher denken können.

Neben den normal arbeitslos gemeldeten Personen gibt es noch diejenigen, die aus der staatlichen Hilfe und oft auch aus den Statistiken herausgefallenen Menschen. Diese können einen Antrag auf eine amerikanische Form der Sozialhilfe stellen, die Emergency Unemployment Compensation (ECU), die in der Verantwortung der einzelnen Bundesstaaten liegt.

Diese meldeten die erschreckende Zahl von 3.859.553 Menschen, die nach dem Auslaufen der normalen Unterstützung ECU beantragt haben. Immerhin sind dies gut 2,5% der gesamten US amerikanischen erwerbsfähigen Bevölkerung, womit die Zahl in etwa auf einem Niveau mit der Bevölkerungszahl des Bundesstaates Oregon liegt. Falls ihnen Oregon nicht viel sagt, dort wohnen mehr Menschen als in Nevada, Arkansas, Nevada, New Mexiko oder vielen anderen Staaten. Die Zunahme der Anträge auf derartige Hilfszahlungen ist nicht minder beeindruckend, lag der Wert vor einem Jahr doch bei 777.393. Innerhalb eines Jahres ist die Menschenschlange vor den Ämtern auf gut das Fünffache angestiegen. Laut der kürzlich gemeldeten Zahl für die Woche zum 14. November 2009 erreichten allein in dieser Woche mehr als eine Viertelmillion neuer Anträge die Behörden. Woher auch immer die Floskeln von einer Stabilisierung der Lage oder gar einer Wende hin zum Besseren ihre Berechtigung beziehen sollen, die Realität kann diese nicht liefern.

Im Hinblick auf die Situation bei der NASA, die gerade dabei ist, die verbliebenen Raumfähren soweit zusammenzuflicken, dass sie noch ein paar Mal um die Erde kreisen können, bevor auf russische Transporter zurückgegriffen muss, kann man wohl sagen, mit einem Mondflug wird es vorerst nichts werden. Das macht aber auch nichts, fände man auf dem Erdtrabanten wohl nur die eigenen Zahlen zur Arbeitslosigkeit und den Firmeninsolvenzen. Diese machen sich gerade auf den Weg, die Umlaufbahn des Planeten mit Schwung zu verlassen.

 

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Das Ungeheuer von Loch Bless

Unsere Staatsbetriebe teilen sich in drei Lager. Die einen sind in Staatsbesitz und bleiben auch dort, allem Privatisierungsstreben zum Trotz. Bei anderen laufen die Versuche einer Privatisierung mehr oder weniger erfolgreich. In die interessanteste Kategorie gehören aber zweifellos die ehemals privaten Firmen, die sich in die warme Staatsschote zurückziehen. Zu dieser erlesenen Spezies gehört bekanntermaßen die Commerzbank.

Loch Bless

Die Bank, die sich mit der Integration der maroden Dresdner Bank herumschlägt, ist im Rahmen dieses Prozesses bisher scheinbar über die Einführung eines bahnbrechenden neuen Logos nicht wesentlich hinausgekommen. So gab man in Frankfurt in der vergangenen Woche bekannt, man habe sich bei der Planung der Kosten für die Integration ein wenig verkalkuliert, genauer gesagt um ca. 25%. Nun rechnet man mit Belastungen von €2,5 Mrd. um die beiden Institute unter einen Hut zu bringen. Damit die Nachricht nicht so schlimm klingt, gab man zu, sich auch bei den positiven Synergieeffekten durch den Zusammenschluss geirrt zu haben. So sollen diese nun nicht bei €1,9 Mrd. sondern bei €2,4 Mrd. liegen. Aha, die geschätzten Integrationskosten steigen um €500 Mio., die Synergieeffekte ebenfalls. Dann ist ja alles in bester Ordnung. Wobei der geneigte Leser sich anhand dieser Zahlen schon einmal fragen darf, warum man einen Konzern integriert, dafür €2,5 Mrd. an Kosten in Kauf nimmt und mit €2,4 Mrd. an Synergien rechnet. Besonders rührend ist aber, wie man mit der gut gemeinten Hochsetzung der positiven Effekte zugibt, weder auf der Kostenseite noch bei der Ermittlung der positiven Auswirkungen in der Lage war, halbwegs korrekt zu projizieren.

Angesichts der Zahlen, die von der Commerzbank in den letzen Jahren so vorgelegt wurden, bringt man das Institut generell nicht mit sonderlich ausgeprägten Rechen- und Planungsfähigkeiten in Verbindung. Stolz wies Konzernchef Blessing nun darauf hin, die über die €1,9 Mrd. hinausgehenden Belastungen fielen zumindest nicht mehr in diesem Jahr an. Das ist schön, genügen den Anteilseignern sicher die allein in den ersten drei Quartalen erwirtschafteten Verluste von €2,7 Mrd. Mit den nun im kommenden Jahr wohl anfallenden negativen Zahlen kommt der Anleger auf diese Weise nicht in die Verlegenheit, plötzlich von guten Werten überrascht zu werden. Für langfristig mit dem Unternehmen verbundene Investoren kämen positive Ergebnisse fast einem Schock gleich, diese Vermutung legt zumindest der historische Kursverlauf der Aktie nahe.

Commerzbank Aktie langfristig

Für das Jahr 2011 wünscht man sich in Frankfurt am Main wieder Gewinne, spätestens in 2012 möchte man dann „Staatshilfen“ zurückzahlen. Staatshilfen, so nennt man das heute, wenn der Bund sich direkt am Eigenkapital einer Firma beteiligt. Bei der Commerzbank liegt der Anteil des Bundes bei immerhin 25% und einer Aktie, für das Paket legte man damals €10 Mrd. auf den Tisch. Zu diesem Stapel legte man noch zusätzliches Kapital in Höhe von €8,2 Mrd. (hierzu seinerzeit unser Beitrag aus dem Januar).

Ab 2012 möchte man also beginnen, die Staatshilfen zurückzuzahlen, zielt also auf deutliche Gewinne ab. Zweifel an diesem wohlfeilen Ziel sollten aus verschiedenen Gründen erlaubt sein. Zunächst ist die Fähigkeit der Bank, ein nachhaltiges Geschäftsmodell auf die Beine zu stellen, anhand der Vergangenheit nicht zu erkennen. Die Bank ist in der aktuellen Krise nicht ohne Grund in die nur durch Staatsgelder zu verschiebende Pleitegefahr geschlittert. Die Übernahme der Dresdner ist eine Katastrophe, vielleicht musste man sich aber auch entscheiden ob man den Vorbesitzer Allianz oder die Commerzbank opfert. Angesichts der Symbolträchtigkeit des Versicherungskonzerns, der ja unlängst das Siegel “systemrelevant” erhielt, fiel die Wahl dann sicher nicht schwer.

Kürzlich waren Klagen zu vernehmen, die Entscheidung aus Brüssel, man müsse sich von der angeschlagenen Eurohypo trennen, würde für zusätzliche Belastungen sorgen. Das ist ein interessanter Punkt, liegt doch der Fehler sicher nicht im Verkauf der Eurohypo (an wen und zu welchem Preis auch immer), sondern im Kauf des Institutes, der im November 2005 besiegelt wurde. Im Jahre 2002 war die Eurohypo aus der Zusammenlegung der Hypothekenbanktöchter der Deutschen Bank und Dresdner Bank sowie der Commerzbank entstanden. Durch die Übernahme der Eurohypo stieg die Commerzbank dann in den laut eigenen Aussagen „Branchenprimus im europäischen Verbriefungsgeschäft sowie im Bereich Syndicated Loans“ ein. Klar, muss man haben. Hätten Sie statt „Verbriefung“ noch das englische „Securitization“ benutzt, wäre sicher noch eine Milliarde mehr drin gewesen.

Noch im Jahr 2007, als die Probleme nicht nur für Insider mehr als offensichtlich waren, rühmte sich selbiger Großverbriefer mit der Aussage „die Eurohypo steigerte im 1. Halbjahr 2007 ihr Neugeschäft in der gewerblichen Immobilienfinanzierung um fast 30 Prozent auf 22,5 Milliarden Euro. Die Eigenkapitalrendite befindet sich auf Zielkurs von 15 Prozent.(…) Das innovative Geschäftsmodell liefert die erwünschten Resultate.“

Mit dieser Aussage dürfte man ganz ordentlich das Top am Gewerbeimmobilenmarkt markiert haben. Zum „innovativen“ Geschäftsmodell passt derzeit eher die Bezeichnung „destruktiv“. Es wäre sehr interessant zu wissen, was allein die gefeierten €22,5 Mrd. Neugeschäft aus dem genannten Zeitraum denn bis heute so eingefahren haben.

Der Blick auf die Verschuldungsstruktur der Commerzbank soll diese nun ins Verhältnis zu den aktuell insgesamt €18,2 Mrd. an Staatsgeldern setzen.

Commerzbank Schulden

Ach, €590 Mrd., das ist ja nur etwa ein Viertel des deutschen BIP. Zur Einordnung, diese Summe ist deutlich größer als das Bruttoinlandsprodukt von bekannten und beliebten Ländern wie der Schweiz, Norwegen, Schweden oder auch Saudi Arabien. Das BIP der Vereinigten Arabischen Emirate, hier mal aus aktuellem Anlass genannt, ist nicht einmal halb so groß.

Die Aktiva des Instituts insgesamt liegen laut Bloomberg bei €892 Mrd., das Eigenkapital bei nicht ganz so satten €28,5 Mrd. Kein Wunder, dass man auf jeden Vorschlag zur Änderung der Regeln zur Risikogewichtung von Assets äußerst sensibel reagiert. Die Eigenkapitalrendite lag zuletzt bei minus 16,55%, ordentlich, bis auf das Vorzeichen. Alles in allem sehen diese Werte nicht nach Kennzahlen aus, die in Bälde signifikante Zahlungen an den Staat erwarten lassen, es ist eher wahrscheinlich, dass neue Zahlungsströme vom Bund an die Bank fließen müssen.

Als kleines Schmankerl hier noch ein kurzer Auszug aus dem letzten Zwischenbericht der Commerzbank.

Commerzbank Highlights

Nach den Erfahrungen der Vergangenheit wäre es in der Tat erstaunlich, wenn die Commerzbank diesmal mit ihren Einschätzungen und Projektionen richtig läge. Dagegen spricht zum einen das nicht nur Sportlern gut bekannte Gesetz der Serie, und zum anderen, etwas fundamentaler, die Gesamtsituation der Bank. Keine wirkliche Ertragskraft, eine deutliche Unterkapitalisierung und eine ökonomische Entwicklung, die es zu einer sehr schwierigen Aufgabe machen dürfte, Investoren zu finden, die freiwillig privates Kapital bereitstellen, mit dem zumindest der Eigenkapitalanteil des Bundes reduziert werden könnte.

Augenblicklich sieht es auch im Hinblick auf die Situation der Realwirtschaft, die das Kreditbuch der Bank noch lange unter Druck setzten wird, eher nach einer Erhöhung des staatlichen Eigenkapitalanteils aus. Wie wäre es mit einem ersten Schritt in Richtung 50% plus eine Aktie? Oder doch lieber 50% minus eine Aktie, damit es zumindest noch ein bisschen marktwirtschaftlich ausschaut und die Dienststellenleiter sich nicht mit dem Bundesangestelltentarif begnügen müssen? Das wäre sicher ganz schlimm, würde das Haus ja dann die am besten qualifizierten Entscheidungsträger verlieren. Nicht auszudenken, wenn gerade diejenigen Menschen gingen, die das Bankhaus so sicher durch die letzten Jahre gesteuert haben. Nicht dass man am Ende noch ein paar profitable Übernahmen verpasst.

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