Verstockt

Wir wollen heute einige bescheidene Anmerkungen zum Aktienmarkt verlesen. Das leidige Thema „Jahresendrallye ja oder nein“ begleitet uns ja von Börsenjahr zu Börsenjahr. Tja, man weiß es nicht, der Markt wird uns den Weg zeigen. Trotzdem kann es nicht schaden, sich ein paar Dinge zu vergegenwärtigen, wenn die Euphorie allzu hohe Wellen schlägt. Aktuell hat der DAX auf Jahressicht gut 20% gewonnen, schön. Der allgemeinen Stimmung und den Artikeln in den Gazetten nach hat man allerdings eher das Gefühl, der Index hätte sich verdoppelt. Da der tägliche Trend seit dem März nach oben zeigt, als übergeordnete Struktur aber nach wie vor ein Bärenmarkt vorliegt, heute einmal ein Blick auf einige Indikationen, die man zumindest im Hinterkopf haben sollte.

Zunächst ein Blick auf die Advance/Decline Linie (A/D Linie: Anzahl gestiegener Aktien dividiert durch die Anzahl gefallener Aktien) bei der Nasdaq, dem Sensibelchen der amerikanischen Indizes. Hier zeigt sich eine massive Divergenz zwischen dem Index und der A/D Linie. Das bedeutet nicht, dass die Kurse morgen fallen müssen, aber es ist ein Warnsignal, welches eine fehlende Marktbreite ungewöhnlich deutlich anzeigt. Definitiv ein Grund die Augen offen zu halten, vor allem angesichts des Ausmaßes.

Nasdaq AD Line Divergenz

Die letzen Hochs an der Nasdaq wurden von der A/D Linie nicht in Ansätzen bestätigt, nachdem sich für einige Monate ein doch sehr ordentlicher Gleichlauf ausgebildet hatte.

Kommen wir zum amerikanischen Optionsmarkt. Der Chart bildet die implizite Optionsvola an der Börse CBOE ab, den VXO Index. Hier befinden wir uns wieder unter dem langjährigen Mittel (grüne Linie), das zugegebenermaßen bei der sehr volatilen Datenreihe als Wert an sich nur eine marginale Aussagekraft hat. Wir sehen aber sehr wohl, dass wir uns nicht in einer Phase hoher impliziter Volatilitäten befinden. Angesichts der nicht auszublendenden Übernacht-, oder besser Überwochendendrisiken ist am Optionsmarkt ein bemerkenswerter Gleichmut zu beobachten. Vola erscheint uns vor diesem Hintergrund auf dem aktuellen Niveau günstig.

CBOE VXO Volatilität

Eine Volatilität von unter 20% lädt jedenfalls nicht zum Verkaufen von Volatilität ein.

Auch Standard & Poors hat noch ein Schmankerl beizutragen. So erreicht das Index KGV des S&P 500 täglich neue Rekorde, Kurse steigen, Gewinne fallen, nur so geht’s. Zur Veröffentlichung der letzten Zahlen (die Veröffentlichungen erfolgen im Turnus der Quartalszahlen) lag das KGV auf Basis der berichteten Gewinne auf dem absoluten Rekordniveau von über 120. Selbst im Zuge der Baisse nach dem Höhepunkt der cash-burn-rate Ära im Jahre 2002 stieg dieser Wert auf eigentlich schon beeindruckende 46 Zähler. Dieses KGV ist deshalb von Bedeutung, weil es auf gemeldeten Zahlen und nicht auf Schätzungen für die kommenden Jahre basiert.

S&P 500 KGV, echt

Diese Marke wurde durch die schlechten Zahlen des Jahres 2009 nahezu pulverisiert. Immerhin, wenn man schon streng riecht, dann kann man auch gleich Weltmeister in dieser Disziplin werden, man muss sich Ziele setzen. Der Russel 2000 Index der Nebenwerte macht Nägel mit Köpfen und hat gleich ein negatives KGV, eigentlich also ein KVV.

Des Weiteren gibt es wichtige Anzeichen von Erschöpfung in anderen Märkten:

FX

Erschöpfungstendenzen bei einigen interessanten Währungspaaren, hier sei vor allem das Cross AUDUSD genannt.

Credit

Die Credit Spread Märkte stehen im Begrifff eine Bodenbildungsphase abzuschließen (iTraxx & CDX, Main/Crossover)

Große Einzelrisiken im Bankensektor finden am Markt wieder eine Reaktion, wie aktuell das fortgesetzte WestLB Desaster mit Spreadausweitungen bei den CDS auf etwa 145 (mid price, senior) respektive 320 Basispunkte (mid price, sub). Vor vier Tagen lagen die Werte bei 95 und 185. Hier darf man nicht vergessen, sollte es zu einer Restrukturierung der ausstehenden Schulden in Höhe von immerhin €145 Mrd. kommen, wäre dies ein Credit Event mit den üblichen Folgen am Credit Markt. Interessant wird vor allem die Entwicklung bei den Nachrangpapieren (sub), die ja ein Herzstück der Investments deutscher Versicherer sind.

Die finanziellen Probleme des Emirats Dubai (siehe hierzu auch unseren Artikel „Arabische Nächte“) haben nun auch den CDS Markt erreicht. Die Credit Spreads liegen heute bei 575 Basispunkten (mid price, senior debt). Vor etwa zehn Tagen lag der Wert dieses Risikogradmessers ungefähr halb so hoch.

Renditen kurzlaufender Staatspapiere

Die Renditen auf kurzlaufende Staatspapiere in den USA (T-Bills) sind in einigen Fällen wieder in den negativen Bereich gerutscht. Wenn das Schatzamt es in Zukunft hinbekommt, die Papiere gleich mit einem negativen Satz zu emittieren, dann geben die Investoren dem Staat gleich das nötige Geld über negative Zinsen (eine Art Parkgebühren), das er sonst über Steuern umständlich eintreiben müsste. Ein eindeutiger Effizienzgewinn.

Entwicklungen an verschiedenen anderen Aktienbörsen

Teils sehr schwache Märkte in Asien, siehe die anhaltende relative und absolute Schwäche des Nikkei und die oft bitteren Ergebnisse der kleineren Märkte in Südostasien, wie der Kollaps des vietnamesischen Ho Chi Minh Index zeigt.

Erste Probleme bei Public Offerings, wie der schwache Start des chinesischen Lenders Minsheng Banking in Hong Kong am Donnerstag zeigt.

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Wie gesagt, es handelt sich um Daten für den Hinterkopf. Dass man nicht blind in einen Trend hineinshorten sollte, hat sich sicherlich schon herumgesprochen. Denken Sie aber daran, es gibt am Markt drei Positionierungen: Long, short und flat. Auch die Entscheidung flat zu sein, ist eine aktive Entscheidung, für die Sie sich bei niemandem entschuldigen müssen.

Viel Vergnügen.

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Kein Vau am Bau

Der finanzielle Regenmacher Ben Bernanke stellte unlängst fest, die Krise sei nun wohl überwunden. Das ist über alle Maßen erstaunlich, denn kommen sehen hat der Mann die Krise seinerzeit nicht, aber das sind ja zwei paar Schuhe. Jetzt aber würden die Wirtschaftsdaten nahelegen, dass es geschafft sei. Das ist prima und ein rauschendes Fest wird folgen. Auch die FTD feiert heute bereits auf ihrer Titelseite den Aufschwung in 2010, der „nicht mehr aufzuhalten sei“. Nicht aufzuhalten ist wohl eher, dass im kommenden Jahr noch mehr Menschen mehr Zeit zum Lesen finden werden, ob Sie allerdings Lust dazu haben, steht auf einem anderen Blatt. Selten hatten doch so viele amerikanische Bürger so viel Zeit zum Feiern wie jetzt. Und Bernanke heizt den Partygästen so richtig ein. Vor allem aus dem Immobilienbereich kämen „gute Signale“, lediglich der Arbeitsmarkt mache noch Sorgen. Auch der an Sorgenfalten nicht arme Finanzminister Geithner schaut, wenn er über den Arbeitsmarkt redet, immer besonders betroffen. Nicht zu unrecht, wenn die offizielle Arbeitslosenquote selbst in ihrer engsten Fassung über 10,2% liegt und die umfassende, ebenfalls vom Bureau of Labor Statistics veröffentlichte Quote U.6 bei 17,5% liegt, also auf dem Niveau des wirtschaftlich kollabierten Baltikums und in etwa in der Nähe des spanischen Wertes.

Aber wollen wir uns einmal auf die Suche nach den guten Zeichen machen, die den Zentralbankchef so umtreiben, auf zum Bau! Zu Beginn werfen wir einen Blick auf die Neubauten.

USA Hausneubauten

Im Gegensatz zur Wahrnehmung der Auguren lässt sich der Datenreihe nicht einmal ein leises Zucken nach oben entnehmen. Warum auch? Häuser sind reichlich auf dem Markt, die Banken halten massive Bestände auf den Bilanzen und sogar die FDIC hat mittlerweile über $1,5 Mrd. an Immobilien aus den Beständen der insolventen Banken, die die Behörde abwickeln soll. Die aktuelle Zahl der Neubauten stellt ein Rekordtief seit Beginn der Datenerhebung dar, und das trotz wachsender Bevölkerung.

Angesichts der Dimension des kreditfinanzierten Immobilienbooms, schafft es die Nachfrage weiterhin nicht, sich gegen das Überangebot zur Wehr zu setzen. Es kommt, wie es kommen sollte, die Anpassung erfolgt über den Preis. Bisher lag die Anpassung der Verkaufspreise bei Neubauten im Bereich von etwa 25%, angesichts der künstlichen Stützung, die den gesamten Prozess der Adjustierung bremst. Mit weiteren Rückgängen von 20% und mehr ist sowohl bei bestehenden als auch bei neu gebauten Häusern durchaus zu rechnen. Das legt zumindest die historische Berechung aus dem Hause Case-Shiller nahe, die auf einer immerhin 120 Jahre umfassenden Datenreihe basiert.

Der Knackpunkt bei bestehenden finanzierten Häusern liegt in der Schmerzgrenze der Besitzer, die wiederum abhängig ist vom Eigenkapital der Häuslebauer. Der ist in vielen Fällen so gering, dass die Rückzahlung eines Kredites ökonomisch unsinnig ist.
Bei Neubauten kommt zusätzlich der zu erwartende Überlebenskampf der Bauunternehmen in den kommenden Jahren ins Spiel. Immerhin hat die wirtschaftliche Lage allein seit 2006 mittlerweile mehr als 80 große und über 50 kleinere Firmen auf den Weg in die Insolvenz geschickt. Der Preiskampf sollte bei einer weiteren Verschärfung der Lage deutlich zunehmen, auch weil der Kredithahn der Banken sicher nicht weiter aufgedreht werden wird, schon gar nicht für Unternehmen aus derart exponierten Branchen wie dem privaten Bausektor.

Ein Blick auf die Entwicklungen bei den Zwangsvollstreckungen und dem Median der Hauspreise für Neubauten.

USA Zwangsvollstreckungen

Das vermittelte Bild ist mitnichten eine Einladung zum Jubeln. Besonders eindrucksvoll ist aber die Tatsache, dass sich das Segment trotz massivster Staats- und Zentralbankhilfen und unfreiwilliger Unterstützung der Banken im Rahmen von Versteigerungen nicht in Ansätzen berappeln kann.

Wir erinnern uns. Zunächst gab es Steuervergünstigungen für Hauskäufer, dann gab es die „Rettung“ der Hypothekenpleitiers von Freddie Mac und Fannie Mae, die der Staat sich allein bis heute einen dreistelligen Milliardenbetrag kosten ließ. Es folgten direkte Zentralbankkäufe von Hypothekenpapieren, womit ähnlich wie bei Staatsanleihen das Zinsniveau – also die Hypothekenrate – künstlich niedrig gehalten wurde und nach wie vor wird. Diese Käufe haben mittlerweile allein in 2009 ein Niveau erreicht, dass das gesamte Emissionsvolumen dieses Jahres überschreitet.

Fed MBS Käufe

Schlappe $846 Mrd. hat die Fed alleine an Hypothekenverbriefungen (mortgage backed securities) in 2009 erworben. Es wäre schon interessant wie stark die Renditen auf diese Papiere gestiegen wären, wenn Onkel Sam nicht die Taschen aufgehalten hätte. Steigende Hypothekenzinsen hätten einem noch größeren Teil potentieller Häuslebauer die Suppe versalzen. Ein Investment in ein Haus wäre im Vergleich zur gemieteten Behausung auf Grund der steigenden Finanzierungskosten noch deutlich unattraktiver geworden, vor allem in einem Umfeld stark sinkender Mieten.

Lassen wir uns also überraschen, was dabei herauskommt, wenn ein Notenbanker sagt, die Krise sei überstanden. Wir freuen uns schon darauf, zu erfahren aus welcher Branche der Aufschwung denn kommt, den die FTD bereits heute feiert. Aus der Baubranche wohl nicht, der Konsum wird es auch nicht sein, der Agrasektor kann sicherlich ein wenig positiv überraschen, aber ansonsten fällt uns in den Staaten nur der Rüstungssektor ein. Leider werden die dort produzierten Gerätschaften ja nicht nur hergestellt sondern gerne (außer Landes) selbst eingesetzt. Auch eine Art Export. Nebenbei bemerkt, der Sektor ist ohnehin seit Jahren der einzige, der den Bereich langlebige (je nach Gefechtslage…) Wirtschaftsgüter über Wasser hält. Wir bringen hier noch einmal eine Grafik, die wir unseren Lesern bereits vor einiger Zeit zeigten.

US dauerhafte Wirtschaftsgüter Militär und Privat

Die USA sind also auf dem Weg zu einer zunehmend staatsgesteuerten Wirtschaft, die mit Märkten nicht mehr viel zu tun hat. Große Teile der Finanzmärkte werden staatlich gestützt und beeinflusst. Gleichzeitig baut die Produktionswirtschaft in wachsendem Ausmaß auf den Absatz militärischer Güter. Der Staat finanziert sich über Anleihenkäufe der Zentralbank, das Sozialgefüge zerfleddert offensichtlich und der Präsident schwadroniert über ein neues Gesundheitssystem, während bereits heute gut 50% der Steuereinnahmen für die Programme Medicare und Medicaid ausgegeben werden. Viel Spaß bei der Party.

Es gilt das, was auch für Bankbilanzen gilt. Liquidität kauft Zeit. Nicht weniger aber auch nicht mehr. Darauf können Sie bauen – wenn Sie möchten.

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Der Balken im eigenen Auge

Wer Probleme hat, beginnt diese zu lösen oder zeigt mit dem Finger auf andere, um ein wenig abzulenken. Die US Bundesstaaten sind vor allem dann sehr rege, wenn es darum geht, jemanden zu finden, um den es wirtschaftlich vermeintlich ebenfalls nicht gut bestellt ist. Vor einigen Monaten waren dies die osteuropäischen Staaten, in den vergangenen Wochen war die Sau, die man durchs Dorf trieb, mal wieder Japan. Ganz überraschend stellte die vereingte amerikanische Presse fest, das Land der aufgehenden Sonne hätte ja einen enormen Schuldenstand. Ach? Ganz lustige sprachen auch vom Land der untergehenden Sonne. Ein prima Witz, sicher ein echter Partykracher. Den Humor können Sie ja einmal versuchsweise mit japanischen Aktienhändlern teilen, die sich seit über 20 Jahren in einer Neumondphase befinden. Viel Spaß.

In God we trust

Die Lage in Japan ist sicherlich weder gut noch beneidenswert, aber abgesehen davon, dass die Verschuldungsrate in Japan nicht über nacht angestiegen ist, finden wir das dauernde Ablenken von Ländern wie den USA oder Großbritannien, die sich nur mit dem Drucken von Geld über Wasser halten können, sehr befremdlich. Einen Blick in die ganz tiefen Ebenen der US Kommunen ermöglichten uns die Insolvenzen der Städte Prichard und Vallejo. Heute wollen wir einmal auf die Lage der US Bundesstaaten blicken, die selbst ein höflicher Mensch nur als desolat bezeichnen kann.

Die Haushaltssituation erreicht in vielen bedeutenden Staaten der USA Stadien, die der von nicht entwickelten Ökonomien auf frappierende Weise ähneln. Ein Blick auf die folgende Tabelle zeigt unter anderem die Veränderung der Steuereinnahmen auf Jahresbasis und die aktuellen Haushaltsdefizite einiger stark betroffener Bundesstaaten. Zur Erinnerung, Kalifornien als bevölkerungsreichster Staat ist alleine die achtgrößte Volkswirtschaft der Erde. Das im Grunde überfällige Eingeständnis der Pleite des Sonnenstaates wäre aus ökonomischer Sicht somit durchaus als historisches Ereignis einzustufen.

US Bundesstaaten Haushalt

Ja, man muss tatsächlich zweimal hinschauen, aber es sind tatsächlich die Haushaltsdefizite der dargestellten Staaten, selbst der Begriff grauenhaft ist noch von britischem Understatement geprägt. So kann Kalifornien nur gut die Hälfte der Ausgaben durch Einnahmen decken, und das bei einem Einnahmenrückgang von etwa 16%. Gute 50% der Zahlungen stammt aus neuen Schulden, die der Staat leider nicht einfach so aufnehmen konnte weshalb man erneut beherzt auf die guten alten Schuldscheine (IOU) zurückgriff, mit denen man die Menschen abspeiste. So viel zum Thema „In God we trust – all others pay cash!“. Wen wundert’s, einem solchen Staat leiht man nicht unbedingt sein Geld. Vor allem nicht zu den absurd niedrigen Fantasiezinsen, die den Landesvätern vorschweben, und an die sich alle an der Greenspangrippe erkrankten über Dekaden gewöhnt haben. Was müsste Ihnen ein solches finanzielles Entwicklungsland an Zinsen zahlen? 15%, 17,5% oder vielleicht 20%? Man weiß es nicht, aber irgendwie wird man das Gefühl nicht los, es könnte eine gute Idee sein, die Moneten lieber im Tschad zu investieren. Auch das mittlere Haushaltsloch aller Bundesstaaten ist mit über 17% nicht gerade ein Aushängeschild für die immer noch gefühlten Marktwirtschaftler in Übersee.

Der Staat Nevada schafft ein weiteres Kunststück und zaubert trotz marginal steigender Einnahmen ein saftiges Haushaltsloch von 37,8% auf das grüne Filztuch. Nichts geht mehr, hört man den Staatscroupier rufen. Nevada wäre aber nicht Nevada wenn es nicht noch eine weitere Karo drei im Ärmel hätte. Sagenhaft, wie der Wüstenstaat eine neue Definition des Baubooms geschaffen hat. Die Zahl der Zwangsvollstreckungen hat mittlerweile die Zahl der Neubauten überholt. Immerhin, wenn man die Preisrückgänge dann irgendwann einmal zulässt, wird sich irgendwann auch wieder ein Käufer für die Häuser und Casinos finden. Vorher müsste allerdings der Weg der USA zur staatlich finanzierten Hypothekenkolchose verlassen werden. Das wäre allerdings nicht sonderlich gut für die Banken, mit dem Abschreiben hat man es ja in der Branche nicht so.

Pensionen und Zwangsvollstreckungen

Ein weiterer Klotz am Bein der in wachsenden Finanzierungslöchern ertrinkenden Staaten ist durch das Schicksal vieler Kommunen bereits bekannt. Die steigenden Pensionslasten haben bereits einige Städte wie Prichard oder Vallejo zum Konkursrichter getrieben. Bei den Bundesstaaten ist die Lage genauso schlecht, nur die Dimension ist größer.

So hat etwa Illinois nicht viele Bereiche, in denen man von Wachstum sprechen kann, und wenn, dann sind es die falschen, wie die ungedeckten Pensionsverpflichtungen. Von einer Deckung derselben spricht man in den USA ohnehin nicht mehr, man begnügt sich ganz bodenständig mit der Verwaltung der Unterdeckung, die sich allein in Illinois auf ca. $55 Mrd. beläuft. Aus so etwas wächst man nicht heraus, nicht im Aufschwung und schon gar nicht in einem Umfeld, wie wir es aktuell betrachten dürfen. Aus so einer Situation kommt man nur durch eine Insolvenz heraus. Schlecht für die Pensionäre, schlecht für den Konsum und sicher nicht stabilisierend für das angespannte soziale Gefüge. Die nur dumm zu nennenden Aussagen selbsternannter Götterboten aus dem Kreise der Investmentbanken, die insgesamt eine Summe von $30 Mrd. an Sonderzahlungen ausschütten, weil Sie sich erfolgreich vom Staat haben retten lassen, wirken sicher nicht besänftigend für die Volksseele. Vielleicht missverstehen wir aber auch die Motive derartiger Äußerungen, und es ist dem ein oder anderen ein Herzenswunsch von einem wütenden Mob aus seiner Villa gezerrt zu werden. Sollte das der Fall sein, dann wäre man vermutlich auf dem richtigen Weg.

Historisch betrachtet haben Staaten übrigens ihre härteste Zeit immer dann, wenn eine Rezession technisch als beendet betrachtet wird. Das liegt daran, dass dieses Signal oft durch eine erste Gegenreaktion des Wachstums ausgelöst wird, die in ihrer Stärke von dem vorherigen Wachstumseinbruch abhängt. Geht es schnell bergab dann folgt, wie aktuell gut zu sehen, eine schnelle Gegenreaktion auf Grund des Basiseffekts. Die Arbeitslosigkeit steigt oft weiter an, was für die öffentliche Hand weitere Ausgabensteigerungen bei gleichzeitig anhaltend sinkenden Einnahmen bedeutet.

In normalen Zyklen, die man schon seit dem Ende der 80er Jahre durch die Politik des billigen Geldes, also durch unangemessen niedrige Zinsen und stetiges Schuldenmachen, künstlich zu vermeiden suchte, lief dieser Prozess nach dem immer gleichen Muster ab. Abschwächung der Wirtschaft, Senken der Zinsen am kurzen Ende und Subventionierung des Finanzsektors durch Deregulierung und deutliche Anreize zur Kapitalfehlallokation. Das Ergebnis sind eine stetig steigende Verschuldung und mehr oder weniger große, durch künstliche Stimuli befeuerte nominale Preissteigerungen bei verschiedenen Assetklassen. Der schöne Schein wurde erkauft durch eine schleichende Zersetzung der Kaufkraft und der finanziellen Gesamtsituation des Staates und seiner Teilstaaten.

Der Vorteil für die Verantwortlichen ist die schnell sichtbare nominale Erholung einiger Finanzmärkte. Der Nachteil, bzw. die Kosten des Vergnügens werden für die Allgemeinheit in der Regel erst dann sichtbar, wenn die (Un-)Verantwortlichen nicht mehr aus dem Amt gejagt werden können, weil sie bereits mit dem Lorbeerkranz des Retters gekrönt in einem Aufsichtsgremium hocken und Vernunft und Bescheidenheit predigen. In den Staaten gibt es für diesen Vorgang, sich als Politiker auf Kosten folgender Generationen mit Hilfe von Schulden aus einem Dilemma zu befreien, die schöne Bezeichung „taxation without representation“. Heute Schulden aufnehmen und die Anhebung der Steuern dem nächsten überlassen. Von Verantwortung kann folglich keine Rede sein. Aber wahrscheinlich hat gerade deshalb dieses System so viele Freunde auf dem Globus gefunden. Im Gegensatz zu amerikanischen Autos ein echter Exportschlager.

Die Frage, ob es sich bei der aktuellen Krise um einen normalen zyklischen Abschwung handelt, ist eher rhetorischer Natur. Wenn die Methodik des künstlichen Glättens von Konjunkturzyklen nach drei Dekaden mit Pauken und Trompeten scheitert, ist der Begriff des Strukturbruches wohl angemessener.

Gut zu beobachten ist dies an der weiterhin schwer fassbaren Dimension des finanziellen Elends. Allein die oben genannten Zahlen zu den Budgetdefiziten zeigen das eindrucksvoll. Die Märkte beurteilen die Zahlungsfähigkeit der Staaten übrigens bislang noch mit einer gewissen Gelassenheit, so liegt der Spread der Credit Default Swaps (CDS) als Gradmesser für die Einschätzung der Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz der angeschlagenen Bundesstaaten ungefähr auf dem Niveau besserer osteuropäischer Emittenten. Der Chart zeigt die Entwicklung des CDS Spread auf den Bundesstaat Kalifornien mit einer Laufzeit von 5 Jahren.

CDS Spread Kalifornien

Der in der Grafik dargestellte Wert bedeutet, die Versicherung einer Summe von $1 Million gegen einen Kreditausfall Kaliforniens kostet derzeit etwa $14.000 pro Jahr. Die Frage, was denn eine solche Versicherung wert ist, wenn der Fall der Fälle eintritt, lassen wir einmal dahingestellt, das Stichwort Counterpart Risiko ist eine eigene Baustelle.

Vielleicht möchte sich auch niemand die Frage stellen, wer denn als Retter noch bleibt, wenn der Retter nicht mehr da ist. Diese Antwort kann wohl nur die NASA klären, gehen doch die Möglichkeiten einer geordneten finanziellen Rettung irdischen Ursprungs so langsam aus.

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Rückblende

Der vielzitierte Aufschwung ist abseits der Aktienkurse leider weiterhin nicht erkennbar. Das bisschen Glanz, dass derzeit freudetaumelnd von den Gazetten mit Wunderkerzen begrüßt wird, bezieht sich auf monatliche Veränderungsraten ökonomischer Kennzahlen oder, immer gerne genommen, gleich auf Schätzwerte zur aktuellen Lage.

Fangen wir einmal mit den in der so genannten Fachpresse gefeierten Zahlen unseres bundesdeutschen Lieblingsversicherers an, der Allianz. Abgesehen von den dauerhaften Problemen im Versicherungsgeschäft und der Frage woher die passenden Renditen aus der Kapitalanlage zukünftig kommen sollen, läuft es dem Vernehmen nach super. Der Gewinn sprudelt fast so, wie im vergangenen Jahr die Verluste, und die Finanzleiche Dresdner Bank hat man über den Umweg Commerzbank gleich einmal teilverstaatlicht. Diese Entscheidung wurde übrigens gefühlte sieben Mal so laut gefeiert, wie der damalige Entschluss dieses desolate Bankhaus zu kaufen rückwirkend gegeißelt wurde. Nachdem man im Jahre 2001 die Dresdner Bank für €23 Mrd. gekauft hatte, verkaufte man sie dann im Jahre 2008 für €9,8 Mrd. Euro an die Commerzbank. Womit das Ende des einen Fehlers gleichzeitig den nächsten Fehler einläutete. Zwischen Kauf und Verkauf liegen satte €13.200 Millionen Euro, exklusive Gehältern und den sonstigen Kosten des Debakels. Die aktuelle Marktkapitalisierung des Versicherungskonzerns liegt derzeit, nebenbei bemerkt, bei etwa €38 Mrd.

Kurzfristige Sicht:

Jubelarie Allianz

Zu besagten Freudensprüngen fällt uns nur das gute alte Sätzchen vom Reh ein, in etwas abgewandelter Form. Der Dax springt hoch, der Dax springt weit, warum auch nicht, er hat ja Zeit. Ein Blick aufs große Bild zeigt, dass zumindest die Allianz das Gazellenkostüm noch ein Weilchen tragen muss, um wieder aus dem Dickicht zu kommen.

Langfristige Sicht:

Allianz langfristig

Ach, ein Einzelwert, was solls. Schauen wir uns deshalb mal eine wichtige Kennzahl der Eurozone an, die Industrieproduktion. Auch hier dominiert eine Freude, die mit der Erleichterung zu vergleichen ist, die sich einstellt, wenn sonntags die Kopfschmerztabletten endlich zu wirken beginnen und der Eindruck entsteht, man sei topfit. Nur nicht die Augen aufmachen.

Industrieproduktion Jubelarie

So so…

Industrieproduktion Veränderung

Wir befinden uns also bei etwa 90% des Niveaus von vor 5 Jahren, Hut ab, da wird sich die Industrie sicher hurtig in neue Investitionen stürzen um der Auftragsflut Herr zu werden. Wer es genau wissen will, die Industrieproduktion in der Eurozone liegt auf dem Niveau von 1998, dumerweise aber mit den Kapazitäten von 2009. Nur für den Fall, dass jemand mit neuen Jobs oder Kapazitätsausweitungen rechnet. Die Auslastung der letzteren liegt derzeit bei etwa 70%, gute 12 Prozentpunkte unter dem Mittel der Jahre 1985 bis 2008. In Deutschland liegt die Kapazitätsauslastung zwei Punkte höher, der Mittelwert allerdings ebenfalls. Für die Republik ist dies der geringste Wert seit ewigen Zeiten, selbst in der Ökrise hat man es nur knapp unter die Marke von 75 Zählern gebracht. Bei all den monatlichen Jubelarien sollte man das im Hinterkopf behalten. Auch ein toter Fisch springt hoch, wenn man ihn nur aus ausreichender Höhe abwirft. Quicklebendig wird er davon aber nicht.

Manchmal fragt man sich, warum solche Nachrichten derart gefeiert werden, obwohl die Langfristperspektive jedem offen steht, der sich dafür interessiert. Ein Grund ist sicherlich in der Abhängigkeit zahlreicher Medien, vor allem der Tageswirtschaftspresse, von den Werbegeldern der großen Finanzinstitute und der Fondsgesellschaften zu sehen. Diese sind wiederum auf einen stetigen Zufluss von Kundengeldern angewiesen, der sich je nach Nachrichtenlage besser oder schlechter bewerkstelligen lässt. So liest man viel zu oft von erfolgreichem Management, wenn ein Aktienfonds nach 30 Jahren vor Gebühren um 0,3% besser abgeschnitten hat als ein Vergleichsindex. Das dann „Alpha“ zu nennen ist natürlich sachlich falsch und sicher oft als Witz gemeint. Selten so gelacht.
Nach Gebühren wird es dann oft ganz besonders traurig. Ein Blick auf den CDAX, der alle deutschen im Prime und General Standard gelisteteten Aktien umfasst, entlarvt das angeblich dauerattraktive Investment nach dem buy and hold Ansatz. Seit 1970 erzielte der Index eine hypothetische Rendite von 5,96% p.a. Zieht man einmal höflich 1,5% p.a. für die bei einem Anlagevehikel anfallenden Gebühren und die Ertragsbeteiligung ab, so verbleiben knappe 4,5% jährliche Rendite. Depotkosten, Ordergebühren, anachronistische Ausgabeaufschläge und eventuelle Umschichtungen einmal außen vor gelassen, hätte ein solches Aktieninvestment in den vergangenen 40 Jahren also nicht die gerne in unseriösen Modellrechungen vieler Institute verwendeten Kennzahlen erreicht. Hier ist oft von 6% (selten) bis hin zu absurden 8% (oft) pro Jahr die Rede. Vergessen Sie es, das ist Marketing. Das heißt nicht, dass es nicht auch gute Anlageberater und Vermögensverwalter gibt. Das heißt aber sehr wohl, dass diese sehr rar sind. Meistens sind dies nicht die lautesten Vertreter der Zunft und selten legen sie übermäßigen Wert auf Optik und Beschaffenheit von Manschettenknöpfen. Jeder hat halt sein Spezialgebiet.

Aber Schluss mit der ganzen Zurückblickerei! Wie sagte noch ein Bankchef aus dem Norden kürzlich? Er wolle nicht mehr über die Vergangenheit reden. Und außerdem, wer sich Anfang der 90er wohlgefühlt hat, dem müsste es rein ökonomisch betrachtet doch derzeit ganz heimelig erscheinen. Vielleicht gibt es ja in der Retro-Realität demnächst noch etwas für die Fans der Ölkrise! Wir werden uns dies alles in Demut anschauen, denn wie es ja ein bodenständiger Vorstand einer Investmentbank kürzlich lehrte: Wir sind alle nur kleine Arbeiter im Weinberg des Herrn.

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I want my money back!

Diesen Artikel haben wir im Rahmen unserer Kooperation mit Cashkurs veröffentlicht.

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Unvergessen wie Lee Marvin in einem Filmklassiker diesen Satz in die Welt schleudert. Viele Kunden insolventer Banken treffen leider oft niemanden mehr an, den sie mit diesem Satz adressieren können. Selbst wenn es allenthalben verbale Versicherungen gibt, das Einlagensystem sei sicher, so zeigt das Verhalten von Kunden bei aktuellen Bank Runs für wie glaubwürdig diese Aussagen allgemein gehalten werden.

Als Bank Run wird ein rapider Abzug von Bankeinlagen durch deren Besitzer, die Kunden eines Instituts, bezeichnet. In der Regel zeigt ein solches Vorgehen schlicht das nicht mehr vorhandene Vertrauen der Bankkunden in die Solvenz des Instituts. Die plötzlich fehlenden Einlagen führen dann direkt zum Zusammenbruch der so genannten Fundingbasis, das bedeutet, die Fähigkeit zur laufenden Finanzierung ist schlagartig nicht mehr vorhanden, die Bank ist insolvent.

Von vielen Bank Runs hört man daher, um eine grassierende Vertrauenskrise zu umschiffen, auch nur das, was sich nicht unbedingt verschweigen lässt. Trotzdem ist es erstaunlich mit anzusehen, wie viel Platz der Berichterstattung zu den teils nur durch absurde Bilanzierungserleichterungen ausgewiesenen Gewinnen einiger Banken eingeräumt wird, und wie dünn die Nachrichtenlage zu Kundenanstürmen auf Banken ist. Sicher ist es nicht sonderlich schlau, Panik zu schüren. Wohin uns aber das nach unserer Ansicht ebenfalls nicht sonderlich verantwortungsvolle Schüren nicht begründeter Euphorie geführt hat, sehen wir jeden Tag.

Es ist offensichtlich, wie sehr man darum bemüht ist, einen größeren Ansturm auf Finanzinstitute zu verhindern, was ja im Interesse der Aufrechterhaltung des Finanzsystems ein dankenswerter Vorsatz ist. Leider können wir für diese Bemühungen keinen Orden verleihen, denn diese Krise ist nicht nur eine technische Krise des Finanz- und Geldsystems, wir haben es mit einer veritablen Vertrauenskrise zu tun, die sich nicht nur auf die Politik und Teile der Wirtschaft erstreckt. Dummerweise basiert das Finanzsystem auf Vertrauen, „in god we trust“ steht auch auf einigen Geldscheinen. Gott sollte man das Elend aber nicht in die Schuhe schieben, das Unvermögen ist wohl eher irdischen Ursprungs.

Bank Runs

Nach den landesweiten Runs auf die Filialen von Northern Rock in Großbritannien, Indymac in den USA, der Bank of East Asia in Hong Kong und weiteren Instituten, unter anderem in Osteuropa, hat kürzlich die Pleite der niederländischen DSB Bank erneut eines gezeigt: Die Insolvenz einer Bank auf Grund von schnellen, massiven Abzügen von Kundengeldern ist kein Relikt der Vergangenheit sondern auch heutzutage nicht nur möglich sondern Realität.

Angesichts der Möglichkeit, Einlagen elektronisch in Windeseile von Banken abzuziehen, wächst hier zusätzlich die Bedrohung digitaler Bank Runs. Geldmarktfonds in den USA haben diese Erfahrung bereits im vergangenen Jahr gemacht, als dreistellige Milliardensummen aus den Vehikeln digital abflossen und eine (ungedeckte) staatliche Stützungsaktion einen direkten Kollaps verhinderte. Ursache war das sogenannte „breaking the buck“ einiger Fonds. Die Formulierung beschreibt das Sinken des Fondswertes unter die Marke von einem Dollar pro Anteil, der Trennlinie zwischen Gewinn und Verlust. Ein Unterschreiten der Marke von einem Dollar bedeutet, das Produkt liegt im Minus, was bei einem Geldmarktfonds natürlich zumindest laut Prospekt nicht möglich sein sollte. Geschafft wurde dieses Wunder diesseits und jenseits des Atlantiks durch Investments in „geldmarktnahe Instrumente“, die sich dann leider oft als ABS Produkte auf Basis von Hypotheken- und Konsumentenkrediten herausstellten. Die Abflüsse erfolgten über elektronische Orders und am Ende des Tages hätte es ohne Stützung geheißen: Fonds kaputt.

Auch in Deutschland gibt es solche „Geldmarktprodukte“. Die zur Beruhigung der Kunden bezogen auf diese Fonds ausgesprochenen Garantien auf die Rückzahlung eines bestimmten Wertes müssen noch zeigen, was sie wert sind. So wäre es durchaus interessant einmal zu sehen, wie denn diese Garantien eigentlich bei den Instituten bilanziert werden. Da mit einer Rückkehr zum Nominalwert bei zahlreichen Investments nicht zu rechnen ist, dürften viele Garantien früher oder später einmal gezogen werden und bei den Gesellschaften entsprechende Verluste anfallen. Ob die Institute bilanziell entsprechend vorgesorgt haben? Wir würden nicht darauf wetten.

Prinzipiell ist ein derartiger elektronischer Mittelabfluss auch bei normalen Einlagen möglich, allerdings sollte die Entschlossenheit des Staates hier nicht unterschätzt werden, einige „Notfallpläne“ in Kraft zu setzen, und solche Prozesse nach Warnung der entsprechenden Institute zu stoppen. Klingt nett, bedeutet aber, dass irgendjemand davon abgehalten wird sein eigenes Geld abzuheben. Zur Beruhigung trägt das sicher nicht halb soviel bei, wie zum kurzfristigen Durchatmen. In Worte gefasst hieße ein solches Vorgehen ja: “Um Ihr Geld zu retten können wir es Ihnen gerade leider nicht geben“.

Der Fall Washington Mutual (WaMu), einem Institut, das sich von der größten Sparkasse der USA zur seinerzeit größten US-amerikanischen Sparkassenpleite aller Zeiten entwickelte, wurde kürzlich zumindest teilweise aufgearbeitet. Anhand der Daten lässt sich ablesen, wie die Abzüge der Kundengelder abliefen. Die Dimensionen sind beeindruckend. Jedem Banker, der weiß, wie unser System aufgesetzt ist, läuft bei solchen Werten der kalte Schauer der Vergangenheit über den Rücken. Zu beachten ist, das offizielle Daten teils noch schlimmer aussehen, was zum Großteil daran liegt, dass auch nichtbare Abzüge (z.B. Überweisungen) in diesen enthalten sind. Der Chart unten zeigt allein die klassischen Abzüge von Geldern während der beiden Runs auf die Schalter und Automaten von Washington Mutual. Hier dreht es sich nur um eines: Cash.

Washington Mutual Bank Runs

Insgesamt sind WaMu auf diese Weise beim ersten Run, der durch die Insolvenz der ebenfalls nicht kleinen Indymac Bank ausgelöst wurde, gut $9 Mrd. abhanden gekommen. Der zweite Run ist der Vorlauf zur de facto Insolvenz des Instituts, der zur wohl angeordneten Übernahme durch JP Morgan führte. Diesmal flossen in der gleichen Zeit satte $15 Mrd. ab, wohlgemerkt, nur an Schaltern und Bankomaten, das sind $1,25 Mrd. am Tag. Kurz zur Einordnung: Bei der DSB Bank, die zugegebenermaßen ein Zwerg im Vergleich zu Washington Mutal war, hatte man es mit Abzügen von rund €600 Mio. (ca. $880 Mio.) binnen zwölf Tagen zu tun, das sind €50 Mio. pro Tag ($73,5 Mio.). Die zweite Zahlenreihe erblickte übrigens erst das Tageslicht, als die Übernahme abgeschlossen war.

Eine kleine Anekdote noch zur Übernahme. Während JP Morgan sich die Einlagen des Instituts einverleiben durfte und auf diesem Wege ohne eigene Anstrengungen an eine enorme Ausweitung der günstigen Fundingbasis gelangte, verblieben die größten Risiken bei der Einlagensicherungsbehörde FDIC respektive bei den Gläubigern des insolventen Instituts. Ein klassischer Fall von moderner angelsächsisch geprägter „Marktwirtschaft“.

Sehr interessant wäre es, auch von anderen Instituten Daten zu erhalten. Es ist schwer vorstellbar, dass ausgerechnet WaMu am stärksten von den Abzügen betroffen war, denn viele andere Institute dürften ein wesentlich höheres direktes Risiko auf Grund einer löchrigen Bilanz aufzuweisen gehabt haben. Auch andere Vertreter der Branche werden häufiger als sonst üblich nach den Bargeldtransportern gerufen haben. Teilweise wurden Auszahlungshöhen begrenzt, so dass an vielen Automaten nur eingeschränkte Summen abgehoben werden konnten. Leider sind noch lebende Banken nicht sonderlich an einer diesbezüglichen Offenlegung interessiert, was nicht weiter verwundern sollte.

Die zahlreichen Pleiten in den USA haben nicht nur zu einer offensichtlich staatlich gewünschten Konzentration von Risiken geführt. Auch die Einlagenverteilung ist drastisch gekippt, allein der Anteil der vier Institute Citibank, Bank of Amerika, JP Morgan und Wells Fargo ist seit dem Jahr 2000 um mehr als 16 Prozentpunkte angestiegen und bewegt sich auf die Marke von 80% zu. Auf Grund der politischen Vernetzung dieser Institute darf man sicherlich von fortgesetzter Subventionierung und verbaler und monetärer Stützung ausgehen. Ein Run, der diese Institute in Bedrängnis bringen könnte, käme wohl abrupt und simultan über die Realwelt und über die elektronischen Systeme.

Im Augenblick bereiten zumindest den genannten Instituten aber sicher ihre Bilanzen mehr Sorgen als ihre Kunden. Nach dem ersten Teil der Krise, der vielerorts für deutliche Marktwertschwankungen sorgte, aber noch von vergleichsweise geringen Ausfallraten geprägt war, kommt nun die Fortsetzung. Und die wird, kurz gesagt, nicht nur Marktwertänderungen sondern sehr reale Verluste durch Ausfälle mit sich bringen. Da wird es dann eng mit der Bilanzgymnastik.

Einige Banken gehen übrigens mit dem Begriff Bank Run recht ungezwungen um. So lädt ein Institut aus dem Norden seit Jahren direkt mit folgender Anzeige ein.

HSH Nordbank Run

Falls Sie es also dieses Jahr nicht geschafft haben sollten, im kommenden Jahr gibt es vielleicht wieder die Gelegenheit an einem Bank Run teilzunehmen. Eine wirklich bemerkenswert unsensible Namensgebung.

Zum Film Point Blank sagt das Lexikon des internationalen Films übrigens, es sei ein meisterhaft und mit eisiger Kälte inszenierter Thriller von konsequent pessimistischer Grundhaltung. Etwaige Ähnlichkeiten mit der Realität sind rein zufälliger Natur.

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Einmal ist keinmal

Die Stadt Prichard in den Vereinigten Staaten kann sich außerhalb des eigenen Landes nicht gerade großer Berühmtheit erfreuen. Wir wissen nicht, ob das daheim in den USA anders ist, handelt es sich doch um eine kleine Stadt mit etwas weniger als 30.000 Einwohnern im Südwesten Alabamas. Laut offizieller Website sieht sich die Stadt als stolze Kommune mit einer reichen und großartigen Geschichte. Der Reichtum ist offensichtlich aufs kulturelle beschränkt, hat das Städtchen doch gerade die Insolvenz nach Chapter 9 beantragt.

Umgehauen hat die angeschlagenen Stadtfinanzen ein nicht mehr zu bändigendes Defizit im Pensionsfonds. Bitter für die Pensionäre, die Schecks für den Oktober wurden nicht mehr ausgehändigt, mit Zahlungen für den November – in welcher Höhe auch immer – sollte laut Aussagen eines Anwalts der Pensionäre wenig überraschend auch niemand rechnen.

Siegel Insolvenz US Kommune

Insolvenzen von Städten sind eine recht seltene Angelegenheit. Den Orden der ersten Pleite darf sich Cleveland ans Revers heften, das vor gut 30 Jahren keinen finanziellen Ausweg mehr sah. Für Wirbel sorgte 2008 der Ort Vallejo in Kalifornien, eine Stadt mit immerhin mehr als 100.000 Einwohnern, als der dortige Rat die Zahlungsunfähigkeit meldete. Die Probleme der amerikanischen Städte sind nicht allein in der allgemeinen wirtschaftlichen Lage zu sehen, oft sind hausgemachte Probleme ein großer Teil des Übels. In der aktuellen Krise der Realwirtschaft werden aber nicht nur der Staat sondern auch die Bundesstaaten und Städte außerordentlich hart getroffen. Der Faktor, der oft über die Zahlungsfähigkeit entscheidet, sind die Pensionslasten, die sich die Gemeinden aufgebürdet haben. Die ungedeckten Lasten hängen am Tropf der stetigen Refinanzierung am Kapitalmarkt, für schwächere Vertreter ein wachsendes Problem. Der kapitalgedeckte Teil der Einlagen, der investiert wurde, macht ebenfalls selten Freude. An den Aktienmärkten ist schon über eine Dekade hin netto nichts mehr zu verdienen gewesen, die Anleiherenditen sind ebenfalls dürftig und was bei ach so schlauen Investments in vollkommen illiquide Assets wie etwa Holz, Kunst oder Andy Warhol Brillensammlungen herauskommt, kann man an den desolaten Ergebnissen der hauseigenen Finanzverwalter der selbsternannten „Elite“-Hochschulen ablesen. Auch dort zeigte sich, dass das ein oder andere vermeintlich generierte Alpha nur ein gehebeltes Beta war, das gefügig mit der Marktrichtung das Vorzeichen wechselte. Das Geld ist weg, aber der ein oder andere Nobelpreis darf natürlich im Regal bleiben.

Auch die Pleite der Stadt Vallejo hatte nebenbei bemerkt ihre Ursache in einem Defizit des Pensionsfonds. Unerwartete Pensionierungen hätten offiziellen Stellen zu Folge zu ebenso unerwarteten Ausgaben geführt (Im Orignal liest sich das wie folgt: „unexpected police and fire department retirements led to an unexpected obligation to pay unbudgeted employee payouts”).
Ein Blick auf die Zahlen aus den offiziellen Projektionen zeigt, dass sich dass Defizit des besagten Fonds allein im Zeitraum vom Sommer 2008 bis ins Fiskaljahr 2009 hinein vervierfacht hätte. Entweder es gab eine überaus beeindruckende Menge an Pensionierungen in Vallejo, oder die Pensionssätze in diesem kalifornischen Ort waren äußerst üppig. Schade, dass sie niemand mehr bekommt.

Die Lage in Prichard war auch vor der Pleite nicht immer lustig, zumindest aus finanzieller Sicht. So wird die auch im Vergleich zum mittleren Niveau der Gemeinden im Bundesstaat Alabama (gutes US Mittelfeld) geringe Wirtschaftsleistung, eine hohe Arbeitslosigkeit, und ein schwaches Ausbildungsniveau beklagt. Interessant im Hinblick auf den weiterhin in arger Schieflage befindlichen Immobilienmarkt in den Staaten, verblüfft ein Blick auf die Entwicklung der Haushaltseinkommen und der Immobilienpreise in der Stadt.

Prichard, Überblick

Während das Haushaltseinkommen (betrachtet wird der Median) zwischen 2000 und 2007 um etwa 11% zulegte, entwickelten sich die Hauspreise um gute 50% gen Norden. Da hat sich bis zum Ende der ewig steigenden Immobilienpreise sicherlich eine Menge gefühlter Wohlstand breitgemacht. Auf die Veröffentlichung der offiziellen Daten zu den vergangenen beiden Jahren möchte man lieber gar nicht erst warten. Der Einbruch der Hauspreise, die Jobverluste, die bei einigen Unternehmen zu den gefeierten Kostensenkungsgewinnen geführt haben, dürften hier ein finanzielles Fiasko ausgelöst haben.

Prichard, Bevölkerung

Trotz einer abnehmenden Bevölkerung, die sich seit den 60er Jahren mehr als halbiert hat, steigt die Arbeitslosenquote weiter an. Die Menschen können augenscheinlich gar nicht so schnell wegziehen, wie sich die Arbeitsplätze in Rauch auflösen. Trotz einer schrumpfenden Bevölkerung ist übrigens dank der abstrusen Finanzierungsmodelle munter weiter gebaut worden. Trotz der nicht gerade dauerhaften amerikanischen Bauweise, hat sich hier wie im ganzen Land ein ordentliches Überangebot aufgebaut. Die Damen und Herren, die der Stadt den Rücken zuwendeten, haben in der Regel sicher nicht noch schnell zum Abschied ein Haus gekauft. Keine sonderlich positiven Aussichten für die Stadt und ihre Bewohner.

Uns ist natürlich bewusst, dass Prichard nicht die USA ist. Natürlich ist die Pleite der Kleinstadt kein Schuss ins Knie der US amerikanischen Volkswirtschaft. Dennoch sollte man im Auge behalten, was ein Land ausmacht. Es sind nicht die touristisch vermarkteten Glasfassaden und Hochhäuser. Ein großer Teil der Basis eines Landes besteht in den USA wie auf dem ganzen Globus aus kleinen Orten. Auch wenn nicht so viele Orte zum Konkursrichter schreiten wie das bei den Banken der Fall ist, mit einem Zuckerschlecken ist die finanzielle Lage der meisten Gemeinden schon lange nicht mehr zu vergleichen. Die Pleiten von Gemeinden oder öffentlichen Projekten, werden auch für den Municipality Markt noch einiges an Ungemach bereithalten. Bei diesen Anleihen der öffentlichen Hand kommt es schon jetzt öfter zu Zahlungsverzügen und Ausfällen. An diesem Markt kann man auch gut sehen, was dabei herauskommt, wenn man viele kleine Teile zusammenfügt. Die ausstehenden Summe aller Municipal Bond beträgt derzeit satte $2,7 Billionen (ja, europäische Billionen, trillion, 10 hoch 12). Emittiert wurde diese gewaltige Summe von 50.000 verschiedenen Emittenten.

Wir wollen nun mit den Worten des Bürgermeisters von Prichard, Herrn Davis, schließen. Mögen uns diese kurzen Zeilen helfen, die politischen Dauervisionen im deutschsprachigen Raum zu verinnerlichen. Das mit der sicheren Rente zum Beispiel, das wäre doch mal ein Anfang.

Prichard is on the move! We invite you to catch the vision and become a part of the important changes and expansion the city is experiencing. As stated from the onset of this Administration, we are dedicated to “Achieving the Unachievable!”
Ron Davis, Mayor, City of Prichard

Im Falle Prichard lässt sich abschließend nur noch anmerken, wie gut sich die Zahlungsunfähigkeit in die großartige Geschichte der Stadt einfügt. Bereits im Jahre 1999 beschritt die Gemeinde schon einmal den Gang zum Konkursrichter. Es war der Gemeinde nicht möglich, Pensionsgelder zu zahlen.

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