Es ist serviert

Was dem in der Regel wohlgenährten Durchschnittsmenschen seit den Fünzigern erspart bleibt, ist das Ausschneiden von Lebensmittelmarken. Im Jahre 1950 wurden die Lebensmittelmarken in Deutschland (West) abgeschafft, in der DDR wurden Marken noch bis 1958 ausgegeben, nachdem Bezugsscheine für Lebensmittel, Sprit und Kleidung teils bereits vor Kriegsbeginn ausgegeben wurden.

Jenseits des Atlantiks hat man auf Grund der starken Nachfrage nach „Food Stamps“ nun auch die Notwendigkeit einer neuen Marketingstrategie entdeckt. Nach der deutlichen Zunahme der Anzahl hilfsbedürftiger Menschen änderte man nun den Namen des Programmes zur Vergabe von Lebensmittelmarken von „Food Stamp Program“ (anscheinend zu trivial) in „Supplemental Nutrition Assistance Program“ (SNAP) (beeindruckend). Übersetzt heißt das in etwa „Nahrungsergänzungs-Hilfsprogramm“. Das klingt tatsächlich gleich viel wissenschaftlicher und macht die USA als Verteiler von Speiseempfangsberechtigungszetteln fast schon zur globalen Speerspitze der Wohlfahrtsstaaten. Der Leser kann sich den Programmnamen auf der Zunge zergehen lassen, und den Skandinaviern zittern sicher schon die Knie wegen des baldigen Verlustes des Sozialthrons.

Zur Begründung der Namensänderung gibt es auf den Seiten des Agrarministeriums folgendes zu lesen:

Q. Why was the name of the Program changed?
A. The new name reflects our focus on nutrition and putting healthy food within reach for low income households.

Q. What does the name change mean for me – a food stamp recipient?
A. Only the name of the Food Stamp Program is changing. SNAP is not a new Program.

Pragmatisch ins deutsche übertragen heißt das also: Alter Wein in neuen Schläuchen.

Food Stamps Intro

Eins ist aber sicher, die Anzahl der Hilfsempfänger steigt stetig an und hat mit aktuell 34 Millionen Menschen in den USA ein neues Hoch erreicht. Ein trauriges Gipfelfest. Bei der USDA, dem US Agrarministerium tut man sich bei der Preisung dieser bizarren Wachstumsstory keinen Zwang an und vermeldet offenherzig die folgenden Zahlen:

The Supplemental Nutrition Assistance Program – SNAP (fomer Food Stamp Program)
served an average of 2.9 million people per month in 1969. Forty years later in April 2009, FNS estimates SNAP participation at over 33.7 million.

Um die beiden Werte ins rechte Licht zu rücken, wollen wir kurz erwähnen, wie sich diese als prozentuale Anteile an der jeweiligen Gesamtbevölkerungszahl darstellen. Anno 1969 zählten 1,4% der US Bevölkerung zu den Betroffenen. Zum Zeitpunkt der Publikation des oben stehenden Zitats, April 2009, hatte die Zahl den ebenso erstaunlichen wie erschreckenden Wert von 10,6% aller US Bürger erreicht. Mehr als jeder zehnte US Amerikaner ist somit in den Kreis der Empfänger von Lebensmittelmarken eingetreten – Die Zahl hat sich in den letzten vier Dekaden mehr als versiebenfacht und die Tendenz bleibt stark steigend. Seit April ist die Quote bereits weiter gestiegen und liegt aktuell bei 11,2%.

Lebensmittelmarken in den USA

Angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit, die umfassende Quote U.6 liegt aktuell immerhin bei über 16%, ist der angestiegene Bedarf an Zuschüssen für Nahrungsmittel nicht wirklich überraschend, das generelle Niveau von über 11% wirkt allerdings angesichts der anhaltenden, arg unkritischen Selbstdarstellung der US Ökonomie durch ihre blassen Vertreter nicht wirklich passend. Hinter den gläsernen Fassaden lauert halt nicht landesweit der reich gedeckte Esstisch aus Mahagoni.

Das zeigt sich auch an der Einkommensverteilung, ein Problem, dass es natürlich ebenso wie generelle Armut nicht nur in den Staaten gibt. Das Auseinanderklaffen der Einkommensschere ist jedenfalls ungebremst, trotz zahlreicher in der Krise verdampfter Großvermögen.

Vermögensverteilung in den USA

Die Daten sind eindeutig und stammen aus den letzten in der Gesamtheit vom US Census Bureau veröffentlichten Werten. Aktuelle Daten zu Teilsegmenten zeigen, dass sich die Entwicklung in den vergangenen Jahren noch verschärft hat.
Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt 34% der Vermögenswerte. Die 80% der Menschen mit dem geringsten Besitz kommen gemeinsam auf lediglich 15%. Bezogen auf das reine Geldvermögen sieht die Lage noch deutlicher aus, hier verbleiben für die wenig begüterten 80% der Bürger nur dünne 7% des gesamten finanziellen Besitzes. Nimmt man die „obersten“ 10% unter die Lupe, so besitzen diese 81% des finanziellen Reichtums, die breite Masse von 90%, die den viel umworbenen Mittelstand mit einschließt, darf sich um die verbleibenden 19% streiten.

Der gerne von den Empfängern übermäßiger Einkommen – auch in Deutschland – verbreitete Eindruck, diese ließen sich mit den entsprechenden Leistungen begründen, sollte doch spätestens seit dieser Krise zu 100% wiederlegt worden sein. Wem das nicht genügt, der möge sich erinnern, etwa an das nun schon Dekaden dauernde Elend im Hause Daimler, dass von Edzard Reuter über Schrempp bis zum Chrysler-„Sanierer“ (heute ja bekanntermaßen bankrott) Zetsche reicht. BMW hat sich ja auch schon einmal fast zu Tode expandiert, die Auslandsabenteuer deutscher Großfirmen wie etwa der Deutschen Post in den USA sind ebenfalls noch bestens in Erinnerung. Über Banken müssen wir nicht gesondert sprechen, das Elend ist ja bekannt. Allerdings wird von vielen Verantwortlichen der Bezug von den Verlusten zur eigenen strategischen Fehlleistung nicht gezogen, man verweist schlicht auf die „außergewöhnliche Krise“ (jaja, Lehman, siehe dazu: http://blog.bankhaus-rott.de/#post1) und verdrängt, dass es keinen Großverdiener braucht, um in einem ewigen Bullenmarkt Geld zu verdienen. Aber wer es schon für eine Einschränkung hält, für eine schlappe halbe Million im Jahr morgens aufzustehen, dem ist ohnehin nicht zu helfen. Macht im Monat gute €41.600, selbst bei 365 Arbeitstagen im Jahr käme man noch auf ein Tageseinkommen von €1.369. Immerhin, das ist 3,8 mal der Hartz 4 Regelsatz – wie gesagt, pro Tag. Da befindet sich der betroffene Manager allerdings wirklich in einer offensichtlich prekären Notsitutation. Unser Vorschlag entspricht dem, den viele Angestellte derzeit von ihren Personalabteilungen zu hören bekommen – „Wenn Ihnen das nicht reicht, suchen Sie sich doch etwas anderes.“ Bei den ja immer im Zusammenhang mit den großen Schlachtenlenkern genannten Fähigkeiten dürfte das ja kein Problem sein.

Für ein auch zukünftig friedliches Zusammenleben dürfte nun auch die ein oder andere kleine Einschränkung nicht mehr ausreichen, dafür sind die Unterschiede und die Dynamik des Auseinanderdriftens zu stark. Da es an strukturellen Merkmalen krankt, wird es auch struktureller Änderungen bedürfen. Das hat mit der Abschaffung der Marktwirtschaft nichts zu tun, ganz im Gegenteil, sind doch die extremen Gehaltsunterschiede im Allgemeinen nicht Ausdruck von Marktkräften sondern von Lobbyismus, Vetternwirtschaft und seltsamen Entscheidungsprozessen, bei denen ein Zweigestirn aus „Führungskräften“ und externen Beratern für stetig anziehende und von der Realität vollkommen entkoppelte Bezahlung sorgt. Diese Welt der Gefälligkeiten, die sich nach außen hin den Anstrich einer leistungsorientierten Gesellschaft gibt, ist keine soziale Marktwirtschaft sondern gefährdet diese und stellt somit ein Grund legendes Problem dar. Es sei denn, man hält die Ausgabe von Lebensmittelmarken für ein wünschenswertes Modell.

Das haben wir uns verdient

So, nachdem die Berichtssaison sich dem Ende nähert und eine Menge Sektkelche geleert wurden, ist es Zeit nachzusehen, was unter dem Strich bleibt, wenn der Staub sich gelegt hat. Von positiven Überraschungen war die Rede und von um drastische Raten eingebrochenen Erträgen und erstmaligen Verlusten und Kapitalerhöhungen. Klingt nicht so, als würde das alles zusammenpassen. Der Einfachheit und der verfügbaren Daten halber schauen wir uns das Spektakel einmal bezogen auf die Mitglieder des S&P 500 Index an.

Zunächst wollen wir uns vergewissern, was es denn eigentlich zu feiern gab. Bekanntermaßen war ein Auslöser des Jubels das regelmäßige Übertreffen der Erwartungen (wessen auch immer). Die Verteilung in der folgenden Grafik zeigt, dass es bezogen auf diese Schätzungen kaum negative Überraschungen gab. Die Vermutung liegt nahe, es hier nicht unbedingt mit guten Erträgen sondern vielmehr mit schlechten Schätzungen zu tun zu haben.

Aktien Earnings Überraschungen

Ein Blick auf die Verteilung der Ertragszuwächse verdeutlicht dies in der Tat. Genauso wenig, wie es viele negative Überraschungen gab, sah man auch wenig gute earnings. Auf eine handvoll Unternehmen mit Ertragszuwächsen kommt eine massive Zahl an Firmen mit nahezu kollabierten Erträgen. Ein Minus (Plus) von über 100% kommt zustande, wenn die Erträge von der Gewinnzone in die Verlustzone (bzw. umgekehrt) wandern.

Gut zu sehen ist, das zahlreiche Unternehmen einen Gewinneinbruch von mehr als 50% hinnehmen mussten, trotz aller Bilanzgymnastik und Intransparenzen.

Es sind übrigens nicht die Banken, die in dieser Statistik den Ton angeben, diese „überraschten“ eher posititv, was zum Großteil auf ein erhöhtes Risiko und die neue bilanziere-es-wie-es-Dir-am-besten-passt Regulierung zurückzuführen ist. Besonders hart erwischt hat es Energieunternehmen und allgemein den Grundstoffsektor.

Ertragsveränderung Aktienunternehmen

Aber es zählt ja das morgen, nicht das heute, wie wir spätestens seit 2007 wissen. Das war das Jahr, als Ben „Prognostix“ Bernanke seine famose Schätzung für die gesamten Kreditverluste mit „etwa 50-100 Mrd USD“ bezifferte und das Wörtchen „contained“ Eingang in die Alltagsliteratur fand. Die Verluste belaufen sich bisher auf etwas mehr als 1500 Milliarden Dollar, naja, was solls, bitte unter Datenrauschen verbuchen. Andere haben so oft nach hinten geschaut und die Krise nicht sehen können, dass sie ganz überrascht waren, sie vor sich wieder zu finden. Aber das ist Vergangenheit und die Zukunft zählt.

Alle Großschätzer und Zahlenauguren haben also nocheinmal die Würfel gewetzt und sich an die Arbeit gemacht. Das Ergebnis ist eigentlich wie es in trüben Zeiten immer ist. Es kann noch ein bisschen bergab gehen, aber dann geht es steil bergauf. Ja, so ist es. Und das schon seit 2007, wir erinnern uns.

Für das vierte Quartal 2009 ergibt die Konsenssoße bezogen auf alle Aktien einen Anstieg des Gewinns pro Aktie um über 80% im Vergleich zum Vorquartal. Rechnet man seit dem Beginn des Gewinnverfalls im vierten Quartal 2007 die aggregierten Rückgänge aus, so sind die Gewinne seither um mehr als 90% rückläufig. Wohlgemerkt: Bezogen auf alle Unternehmen im S&P 500. Bei einem Anstieg von 80%, wenn er denn einträte, lägen dann die Gewinne pro Aktie auf einem Level, das etwa 18% des Vorkrisenniveaus beträgt. Respekt, da darf der gemeine Investor ja gespannt sein, wie hoch denn der warme Dividendenregen im kommenden Jahr ausfallen wird. Vielleicht gibt es ja anstelle von albernen Dividenden ein Vorrecht für die Teilnahme an Kapitalerhöhungen, damit der große Stimmrechtsanteil des Privatinvestors nicht allzu arg verwässert wird.

Seltsame Ertragsprognosen

Ohnehin bleibt abzuwarten, ob die Schätzungen realistisch sind. Selbst bei einer temporären Stabilisierung bleibt der Margendruck vorhanden, kurzfristige operative Maßnahmen verlieren ihre Wirkung und die Möglichkeit, einmalige positive Effekte beim Gewinnausweis einzubringen, sind weitestgehend erschöpft. Zudem gesellen sich höhere Finanzierungskosten zum Problemreigen, und Kapitalerhöhungen mit Verwässerungsefffekten sorgen für anhaltenden Druck auf die Erträge pro Unternehmensanteil.

Nach dem alten Aktion-Reaktion Schema ist eine Gegenbewegung allein auf Grund der verringerten Basis, ähnlich wie bei vielen volkswirtschaftlichen Daten, möglich. Auch bei absolut nur sehr geringen Veränderungen, fällt diese dann prozentual nach einer langen Durstrecke auch gerne einmal heftig aus. Trotz allem missfällt uns die immer wieder gleiche Annnahme, nach diesem „Befreiungsschlag“ würden die Unternehmen zu einem stabilen „Wachstumspfad“ (ein fürchterliches Wort) zurückkehren. Diese Annahme sollte sich eher als Holzweg entpuppen. Aber, wie die aktuelle Berichtssaison gezeigt hat, genügt es manchmal, die Schätzungen nur regelmäßig nach unten anzupassen, um am Ende ein buntes Bild malen zu können. Nur bei Verlusten wird es dann ein bisschen eng. Aber für diesen Fall gibt es ja noch die gute alte cash-burn rate.