The next level. Mal wieder.

Die so genannten Level 3 Assets geistern seit einiger Zeit immer wieder in den Diskussionen über die Qualität der Bankbilanzen herum. Da sie ein Muster der Intransparenz darstellen, und sich alle vermeintlichen Entscheidungsträger ja neuerdings der Transparenz verpflichtet fühlen, wollen wir heute einmal schauen, wie es denn in dieser gar nicht so kleinen Nische der Bankbücher aussschaut.

Im Grunde sind Level 3 Assets Papiere, für die kein Markt und folglich keine beobachtbaren Preise existieren. Das gilt etwa für große Teile des Billionen Dollar schweren Segmentes verbriefter Kreditforderungen. Für eine Schätzung des Preises – ehrlicherweise kann in diesem Zusammenhang von „Bewertung“ keine Rede sein – greift man daher auf Annahmen des Managements des jeweiligen Halters der Papiere zurück. Das können Sie sich, wenn Sie mit Bilanzen nicht so viel am Hut haben, ungefähr so vorstellen. Sie werden im Rahmen einer Verkehrskontrolle angehalten und sollen sich einem Alkoholtest unterziehen. Leider gibt es kein Messgerät. Erstaunlicherweise wird jetzt keine offizielle Stelle, wie etwa der Beamte zu Rate gezogen, vielmehr dürfen sie selbst ran und schätzen nun ihre Fahrtauglichkeit ein. „Ikannofaaahrn“, wäre in diesem Falle wohl eine typische Einschätzung. Mit dieser Level 3 Fahrtauglichkeit könnten sie Sie sich dann wieder auf den Weg machen.

Zunächst einmal die detaillierte Formulierung, wie sich die Herleitung der Bewertung dieser Assets darstellt. Wer die Muße hat, kann ein bisschen in den Veröffentlichungen des FASB, des Financial Accounting Standards Board, blättern (FASB , zur so genannten Fair Value Bewertung: Statement No. 157).

FASB Bilanzregel Auszug

So ist das also. Der Input für die Bewertung der Level 3 Assets besteht aus Annahmen darüber, welche Annahmen Marktteilnehmer für das Pricing und die Risikoeinschätzug verwenden würden. Ein interessanter Gedankengang, vor allem wenn man bedenkt, dass diese Bewertungsrichtlinie für ein Segment gilt, in dem es keine Marktteilnehmer gibt. Deshalb gibt es ja auch keine beobachtbaren Marktpreise. Im Grunde weiß man nicht mehr, über welche Beliebigkeiten man sich mehr aufregen soll, die der Ratingagenturen (siehe CMBS Rating Farce von S&P) oder die der Bilanzgymnasten.

Die Bedeutung dieser laxen, im englischen nicht zu unrecht auch mark-to-myth Bewertung bezeichneten Herangehensweise, dringt so richtig ins Bewusstsein vor, wenn man sich die Dimension der Level 3 Assets in den Bankbilanzen vor Augen hält. Auf Grund des nahen Wochenendes wollen wir uns den Schmerz ersparen, den die Einbeziehung der Versicherer verursachen würde.

Nimmt man die bedeutendsten 350 Finanzinstitute, die der entsprechenden Bilanzierungsregulierung unterliegen, so ergibt sich eine Gesamtsumme aller Assets von etwas über €23,3 Billonen Euro. Zur besseren Einordnung, das ist fast zehnmal das Bruttoinlandsprodukt der BRD. Das gesamte Eigenkapital der Institute liegt bei €1,16 Billionen. Erschreckend kommt nun die Summe der Level 3 Assets auf den Bilanzen der Institute daher, sie liegt bei €847 Mrd. Damit türmen sich in den Büchern der Banken Papiere einer fragwürdigen Bewertungskategorie, die in der Summe 73% des gesamten Eigenkapitals der Banken ausmachen.

Um einen Überblick zu bekommen, wer sich diese Kategorie besonders zu Nutze macht, hier ein Ausschnitt mit einigen an der Bilanz gemessen größeren Vertretern der Branche (Quelle: Bloomberg).

Level 3 Assets der Banken

Jeder mag sich hier selbst ein Bild machen, ob öffentliches Auftreten und Qualität der Bilanz gewisser Institute so recht zusammenpassen. Beruhigend sind die Relationen jedenfalls nicht (markiert sind alle Werte, bei denen das Verhältnis von Level 3 zu Eigenkapital über 75% liegt).

Die Möglichkeit eines Ausweises als Level 3 bedeutet natürlich nicht, dass es allein diese Papiere sind, die mit zu hohen Werten in den Büchern lauern können. Es gibt natürlich zudem massive Bestände an Assets, die auf Grund ihrer Charakterisierung nicht zum Marktwert bilanziert werden müssen. Des Weiteren gibt es hilfreiche Umwege, wie etwa das Einfrieren von Bewertungen, wenn man halbwegs plausibel darlegen kann, dass man es mit einer Marktverwerfung zu tun hat (Beispiel Gebrüder Lehman).

Ist es nicht herrlich? Lauthals wird nach mehr Transparenz gerufen, an allerlei Produkten wird herumgekrittelt – teils zu recht, teils vollkommen ahnungslos – und gleichzeitig bleiben das Maß aller Intransparenz die Bilanzen derjenigen Branche, die man freimütig zu mehr Kreditvergabe, mehr Transparenz, gleichzeitig zu höherem Hebel (siehe neue EK Vorschläge) und zum Enthebeln der Bilanz auffordert. Irrsinn im Quadrat. Wenn jemand Transparenz will, sollte er bei den Bankbilanzen anfangen. Wenn er dort allerdings nicht viel mehr als Löcher findet, aus denen heiße Luft strömt, sollte er sich nicht allzusehr wundern.

Es bleibt dabei. Der unehrliche und intransparente Weg wird derzeit verfolgt. Die Vermeidung von Abschreibungen durch Verschleierung von Verlusten, die auf diese Weise nicht verschwinden sondern einfach in die nächsten Jahre verschoben werden, steht offensichtlich im Mittelpunkt. Gleichzeitig führt jede Lockerung der Eigenkapitalrichtlinien nicht zu einem geringeren sondern zu einem erhöhten Risiko und ist keine Basis für eine Stabilisierung des Systems. Nach dem alten politischen Muster wird bis zuletzt an gescheiterten Projekten wie Basel II und der unseligen Risikogewichtung nach Maßgabe von Ratings (lächerlich) und bankinternen Risikomodellen (…den Bock zum Gärtner machen) festgehalten.

Der ehrliche Weg zur Konsolidierung, wenn diese überhaupt angestrebt wird, führt nur über massive Eigenkapitalinjektionen in die Banken, entweder privat oder staatlich, letzteres nur über Beteiligung des Staates und nicht im Geschenkkarton. Der nötige Bedarf an Eigenkapital dürfte allerdings derart hoch sein, dass der Anteil des Staates wohl näher an 100% als an 25% liegen dürfte. Ob die Führung dieser Institute in die öffentliche Hand soll, ist eine andere Frage. Der Hinweis auf die desolate Lage zahlreicher öffentlicher Häuser, der gerne aus dem privaten Sektor angeführt wird, ist auch nur ein Teil der Wahrheit. Mit Ruhm bekleckert hat sich, jedenfalls unter den größeren Instituten in diesem Sektor, wohl niemand, weder öffentlich, noch privat. So hätte man die in der Vergangenheit abgelieferten Leistungen sicherlich auch für geringere Gehälter bekommen können.

Ob eine Konsolidierung überhaupt gelingen kann oder nicht, das wird sich zeigen. Der Zeithorizont jedoch, um den es geht, sollte nicht unterschätzt werden. Eine vollkommen aus dem Ruder gelaufene Kreditentwicklung, die sich über Dekaden aufgebaut hat, ist nicht in zwei oder drei Jahren zu beheben.

Irland geht voran

Hallo,

wie Sie vielleicht schon gesehen haben, kooperiert das Bankhaus Rott mittlerweile mit der Seite Cashkurs. Damit Sie auch auf diese Artikel per e-mail hingewiesen werden, haben wir auf unserer Seite die neue Kategorie “Bankhaus Rott extern” geschaffen, in der Sie den Link zum jeweiligen Artikel finden.

Schauen Sie doch mal auf www.cashkurs.com vorbei und stöbern Sie in den zahlreichen interessanten Artikel der Kollegen!

*****************************************************************

zum Artikel:

Irland geht voran

Eines der westlichen EU-Länder mit der derzeit größten akuten Schieflage ist Irland. Durch die de facto Pleite seines Bankensystems und den Einbruch der Nachfrage nach den von den Bewohnern der grünen Insel feilgebotenen Diensten hat das Land gerade mächtig mit dem ökonomischen Wellengang zu kämpfen. Während in Deutschland aktuell viele politische Versprechungen oder hoffnungsfrohe Wunschvorstellungen eher an das erinnern, was bei einer ordentlichen Seekrankheit üblicherweise herauskommt, kommen die Iren nun “zu Potte”. Damit gibt uns die irische Politik – ob nun freiwillig oder nicht – einen Blick in eine mögliche Zukunft im Nachwahldeutschland.

In Irland prallen die sich langsam aber stetig in der Realwirtschaft festsetzende Krise und die daraus resultierenden schrumpfenden Steuereinnahmen auf ein nach wie vor von Unterkapitalisierung geprägtes Bankensystem. Gerade die sinkenden Staatseinnahmen erhöhen den Druck auf die Regierung enorm. Es wird ernst, und so werden nun weitere Vorschläge gemacht, wie die nötigen Einsparungen erreicht werden können. Natürlich spart man nicht wirklich, es wird schlicht versucht, die Neuschuldenaufnahme zu bändigen.

So musste der Premier kürzlich bereits zwei Notfallbudgets verabschieden um ein Defizit von über 15% des Bruttoinlandsproduktes zu verhindern. Wohlgemerkt, wir sprechen hier vom aktuellen Haushaltsloch für lediglich ein Jahr. Aktuell soll ein Defizit von etwas über 11% herauskommen, die EU Obergrenze von 3% (Stichwort Maastricht) lässt herzlich grüßen. Mit Keynes hat diese Experimentalökonomie auf dem jetzt erreichten Niveau wohl nur noch herzlich wenig zu tun, statt mit dem oft und gerne zitierten „deficit spending“ hat man es in diesem Falle wohl eher mit „deficit panicking“ zu tun.

Die stärksten negativen Einflussfaktoren waren neben den erhöhten Sozialtransfers durch die gestiegene Arbeitslosigkeit und dem Einbruch der Steuereinnahmen die gestiegene Zinslast durch die Schuldenaufnahme, die immerhin schon auf Platz drei rangiert. Allein mit der Festschreibung der öffentlichen Ausgaben auf dem aktuellen Niveau wird es somit nicht getan sein. So schlug folgerichtig unlängst eine in 2008 geschaffene Kommission weiter reichende Einschnitte vor.

Zunächst einmal sollen mehr als 17.000 staatliche Angestellte ihre Jobs verlieren. Interessanterweise sind die Einschnitte im Sozialbereich, dem Gesundheitswesen und der Bildung am stärksten, in diesen Bereichen sollen satte 77% aller Streichungen stattfinden. Der Bereich Verteidigung bleibt mit einem Stellenabbau von bescheidenen 3% gut getarnt in Deckung. Vielleicht wird Dublin auch am Hindukusch verteidigt, wer weiß. Insgesamt wird sich, sollten die Maßnahmen durchgesetzt werden, weiterer Aufwärtsdruck auf die Arbeitslosenquote ergeben, die derzeit bei etwa 12% liegt. Für das kommende Jahr geht man auch ohne die genannten Einschnitte von einer Steigerung auf 16% aus. Bezieht man übrigens die Zahl von 17.000 Entlassungen auf die gesamte irische Bevölkerung und vergleicht den Anteil mit Deutschland, so kommt man auf die Entlassung von gut 320.000 öffentlichen Angestellten in diesem unserem Lande.

Als ergänzender Schritt wurden Gehaltskürzungen für die Verbliebenen im öffentlichen Sektor vorgeschlagen, auch Pensionskürzungen sind kein Tabu mehr. Zudem wird es für alle länger bis zur Pension dauern, soll doch das Renteneintrittsalter deutlich heraufgesetzt werden. Die Beiträge zur Pensionskasse sollen zum Dank stark ansteigen, und die Pensionen sollen gänzlich anders berechnet werden. Anstelle des Einkommens der letzten Arbeitsjahre geht man für die Ermittlung der Ansprüche zu einem Durchschnitt der Zahlungen über die ganze Lebensarbeitszeit über („carreer averaging“). So viel zum Thema Inflationsausgleich. Im Grunde kann man sich die Rechenkünstler im Rentenamt auch gleich sparen und spendiert jedem Pensionär eine Grundversorgung – mehr wird ohnehin bei dem neuen Modell nicht bleiben. Aber in die passende Formel gegossen kann auch die kleinste Zahl noch ganz attraktiv aussehen.

Neben dem vorgeschlagenen Abbau von Arbeitsplätzen selbst legt der Plan nahe, auch allgemeine Leistungen und Zahlungen zu kürzen oder ganz zu streichen. So wird bei den Sozialleistungen mit Einsparungen von 5%, bei den kinderbezogenen Familienleistungen sogar mit einem Minus von 20% gerechnet. Auch die Polizei bekommt ihren Teil abgezogen und darf sich mit erhofften Einsparungen von gut 7% auseinander setzen. Ihre Uniformen sollen die Sicherheitskräfte demnächst eventuell selbst kaufen – vielleicht ergibt sich dadurch ja eine Option für H&M in Irland.

Schaut man sich die Maßnahmen im Überblick an, fragt man sich zum einen, ob sie ausreichen. Zum anderen fällt nicht wirklich ins Auge, wie man die vielzitierte Zukunftsfähigkeit sichern will. Gerade die deutlichen Streichungen im Bildungssektor wirken diesbezüglich befremdlich.

Für Zentraleuropäer, insbesondere für Deutsche im Vorwahlkampf, ist das alles sehr interessant. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir zahlreiche Vorschläge der Iren über kurz oder lang bei uns wiederfinden. Spätestens wenn der neue Bundestag sich erst einmal konstituiert hat, und die Stühle im Kabinett verteilt sind, sollten wir die Ohren spitzen. Steuersenkungen können wir vergessen, so viel steht bereits jetzt fest. Die meisten Bürger nehmen die Steuersenkungsträume ohnehin nur noch als running gag der Bundespolitik wahr, sicher nicht zu unrecht. Genau so sind die Rentengarantie und die peinlicherweise in die Verfassung gedrückte “Schuldenbremse” im dicken Ordner mit den Wahlkampfmythen abzulegen. Was kommen wird, sind hingegen die Versuche, staatliche Kosten zu senken und Einnahmen zu steigern. Da die Einnahmen des Staates im Allgemeinen aus Steuern und Abgaben stammen, und zumindest Teile der Ausgaben dem Bürger direkt oder indirekt zu Gute kommen, heißt die einfache Formel für die kommenden Jahre: “Mehr zahlen, weniger bekommen”.

Die Kostensenkungen sind vor allem bei den Sozialversicherungen zu erwarten. Bei der Gesundheitsvorsorge und -behandlung findet sich sicher noch mehr Raum, um die Kosten auf die “Versicherten” zu verschieben bzw. diese dazu zu zwingen, sich mangels Geld gar nicht mehr behandeln zu lassen. Wer sich nicht behandeln lässt, spart sich auch gleich die Praxisgebühr! Das ist politischer Zynismus in Höchstform, der uns in den kommenden Jahren leider häufiger begegnen wird. Ebenso lauert hinter der schönen Bezeichnung Einnahmensteigerung die Erhöhung von Steuern und Abgaben. Aus praktischen Gründen bietet sich hier, wie allseits bekannt, die Mehrwertsteuer an. Eine Anhebung derselben lässt sich dann auch noch unter dem Siegel der Harmonisierung der Steuersätze in der EU vermarkten. Den Satz “wir haben in den Deutschland den niedrigsten XY Steuersatz”", kennt man ja zu genüge. Bei der Mehrwertsteuer ist dies zwar nicht der Fall, aber wenn man den deutschen Satz mit dem Dänemarks vergleicht, ist noch reichlich Luft.

Während eine Steuererhöhung für die Regierung immer etwas Unbequemes hat, bietet eine Krise immer eine ausgezeichnete Gelegenheit, das ein oder andere ältere Versprechen zu brechen. Prima bietet sich die Rezession beispielsweise an, um endlich eine Ausrede für den Start der PKW Maut zu bekommen. Auch diese wird kommen, allerdings fragen wir uns, für wen dann noch die Autobahnen ausgebaut werden. Bei einer kommenden Maut für Personenfahrzeuge könnte man doch alternativ die Bundesstraßen sechsspurig ausbauen. Oder wollen Sie Steuern für den Ausbau der A1 bezahlen, für deren Benutzung Sie dann, wenn sie denn mal fertig ist, auch noch Maut bezahlen müssen? Man könnte sich auch gleich ein Haus bauen und dann trotzdem Miete bezahlen. Sie sehen, es ergeben sich völlig neue Perspektiven!

Angesichts der kommenden drastischen Einschnitte, die lediglich dazu dienen, ein auf Dauer ohnehin nicht haltbares System aufrecht zu erhalten, und anderweitiger, teils bizarr anmutender Ausschüttungen im Finanzsektor, muss die Frage erlaubt sein, wie lange es eigentlich noch so ruhig bleiben kann, wie es gerade ist.

Einkauf oder kein Kauf?

„Der Konsum, der Konsum, der hat immer Recht“, so könnte eine angelsächsische Hymne der vergangenen Dekaden gelautet haben. Hätte ein solches Liedchen existiert, so würde es sicher derzeit nicht allzu laut in den Fluren der Marketingabteilungen von Wall Street gepfiffen werden. Sollte der Konsum nämlich derzeit Recht haben – wovon durchaus auszugehen ist – dann ist es um die US Wirtschaft und diejenigen, die über Exporte am Wohl und Wehe derselben hängen, schlecht bestellt. Das ist nicht sonderlich überraschend, sorgen doch Job- und Vermögensverluste nicht für ein überschäumendes Konsumklima. Dass ein paar Goldmänner nun, nach staatlich subventionierter Risikoausweitung ihres Arbeitgebers, wieder ein paar Münzen mehr in die hingehaltenen Hüte an den Straßenecken werfen können, macht den Kohl auch nicht fett. Die de facto Pleite des Bundesstaates Kalifornien, der derzeit durch die Beurlaubung von Staatsangestellten und die Ausgabe von IOUs (Schuldscheine als Geldersatz), von sich reden macht, trägt ihren Teil zur mauen Kauflaune bei.

Spannend ist nicht der allgemeine Konsumrückgang, das ist in einer Reaktion auf eine Wirtschaftskrise nicht ungewöhnlich. Beeindruckend ist vielmehr das schiere Ausmaß der Konsumverweigerung (siehe Grafik).

USA Konsumausgaben

Während allenthalben von nötigem Optimismus und den bekanntermaßen schon zu Beginn welken „green shoots“, also den vermeintlichen ersten Anzeichen einer konjunkturellen Stabilisierung, schwadroniert wurde, zeichnet die Realität ein anderes Bild. Obwohl der Konsum durchaus schwankungsfreudig ist, wie man der oben stehenden Grafik entnehmen kann, ist die aktuelle Situation bezogen auf die vergangenen 50 Jahre eine völlig neue. Selbst in den Krisen der 70er und 80er Jahre stiegen die nominalen Konsumausgaben der US Bürger immer an. Das war auch in der uns allen bekannten Zeit der geplatzten Tech-Blase der Fall.

Mal stiegen sie stärker, ein anderes Mal stiegen sie langsamer, aber stets wurde unter dem Strich auf Jahresbasis mehr Geld verkonsumiert. Diese sehr lange Entwicklung hat nun ein drastisches Ende genommen, liegt doch der Wert für das Wachstum der Konsumausgaben deutlich unter der Nulllinie.

Aktuell verstärkt sich in diesem Segment die Abwärtsdynamik weiter, wie der Tabelle mit den wöchentlichen und monatlichen Daten zu entnehmen ist.

US Konsum

Ohne erneute Steuergeschenke, die aber ohne zusätzliche Schulden nicht möglich sind, wird sich an der tristen Lage nichts ändern. Mit Steuergeschenken mag eine kurzfristige Stabilisierung eintreten, die aber strukturell nichts zu bedeuten hätte. Ohnehin scheinen einige US Bürger ihre Lektion aus dem aktuellen Elend schneller zu ziehen, als ihre so genannten Repräsentanten. Nach einer Umfrage des bekannten Unternehmens Gallup (gallup.com) sagen mittlerweile 23% der US Bürger, sie würden weniger ausgeben, davon planen 27%, dieses tiefere Ausgabenniveau auch nicht wieder anheben zu wollen. Sehr interessant auch die Erkenntnis von 47% der Konsumenten, die in der Tat aussagten, sie hätten bereits alles was sie bräuchten“. Da kann der Einzelhandel nur noch auf die mangelnde Haltbarkeit der bereits verkauften Produkte hoffen, ein Hoch auf die Sollbruchstelle.

Besonders hart trifft dies die Einzelhandelsketten in den Staaten, weil diese sich bis vor gar nicht so langer Zeit in einem immerwährenden Aufschwung wähnten. Es wurden neue Geschäfte geöffnet, neue Verkaufsflächen auf-, und bestehende ausgebaut. Die Mieten für Einzelhandelsobjekte stiegen.

Jetzt versiegt die Nachfrage, niemand benötigt die neu errichten Konsumtempel. Die Preise fallen und allein in 2009 sind bereits über $100 Mrd. Dollar an Krediten für Gewerbeimmobilien in Verzug. Eine enorme Summe und ein Wert, der bereits jetzt gut doppelt so hoch liegt wie der Vergleichswert aus dem gesamten Jahr 2008. Auch die Goldmänner haben bei den Gewerbeimmobilien allein im zweiten Quartal einen Verlust von $700 Mio. hinnehmen müssen.

Faszinierend ist vor allem, wie unbedarft die großen der Einzelhandelsbranche im Expansionswahn mit anscheinend verbundenen Augen in die Krise geschlittert sind. Ähnlichkeiten zur Finanzbranche sind sicher rein zufällig. Ein Blick auf die eindeutige Tendenz des Umsatzwachstums der Top 10 der US Einzelhändler offenbart eine erstaunliche Klarheit schon lange vor dem aktuellen Kollaps.

Umsatz der Top Einzelhändler in den USA

Welcher Berater auf die schlaue Idee gekommen ist, dem stetig sinkenden Umsatzwachstum mit deutlich mehr Fläche zu begegnen, ist unbekannt. Jedenfalls muss es sich um ein hochbezahltes Genie handeln, ein Normalbürger mit gesundem Menschenverstand wäre auf einen derartigen Unsinn sicherlich nicht gekommen. Vielleicht ist es derselbe Berater, der aktuell dazu rät, eine zu hohe Verschuldung mit höheren Schulden zu bekämpfen.

Drücken wir uns die Daumen, dass es nicht so ist.

Rendite war gestern

In der alemannischen Dauer-Telenovela „Bankenrettung“ dreht sich in der aktuellen Folge alles um das alte Streitthema Eigenkapital. Derweil scheint es, als habe noch kein Mitglied des bundesdeutschen Bankenrettungskommitees den Gedanken gehabt, es könne zwischen Liquidität und Kapital ein Unterschied bestehen. Munter werden vom Fiskus mit dem großem Brauseaufsatz Brände in den Bilanzen angeblich systemrelevanter (und nicht angeblich nachhaltig unprofitabler) Institute notdürftig gelöscht, während die Zentralbanken das Liquiditätsangebot hochschrauben.

Die Politik ergeht sich als trauriger und fast schon Mitleid erregender Hintergrundchor, die sich der bekannten Mischung aus Vorwahlpolemik und teil erschreckend augenscheinlicher sachlicher Unkenntnis hingibt. Wer es tatsächlich schafft, die Banken gleichzeitig zum Enthebeln UND zu einer erweiterten Kreditvergabe aufzufordern, sollte zur Vermeidung größeren Schadens lieber erst einmal seinen Urlaub abbummeln und sich von Mikrofonen und parlamentarischen Abstimmungen fernhalten.

Dazu passt eigentlich wunderbar ein Satz aus der guten alten Zeit: “Bevor Sie etwas falsch machen, schauen Sie lieber mal eine Stunde aus dem Fenster“. Leider ist die Unruhe in der Herde vielleicht auch wegen des schwülen Wetters erheblich und führt zu anhaltendem Aktionismus hüben und vorschnellen Beurteilungen drüben. So titelte heute die FTD, die Politik erhöhe das EK der Banken. Na, da würde man doch zunächst an neues Eigenkapital denken, was sicher einigen Instituten gut zu Gesicht stehen würde, aber weit gefehlt.

FTD Header Eigenkapital der Banken

Nachdem man in 72er Schrift von der Erhöhung des EK spricht, stellt sich schon im einleitenden Absatz heraus, es geht schlicht um bilanzielle Erleichterungen, die zu einer Entlastung des EK führen. Eine interessante Verdrehung der Tatsachen, man könnte auch Fehldarstellung sagen, aber das Wort würden wir hier natürlich niemals nennen.

Im Kern geht es um die Änderung der Bilanzierung der so genannten Neubewertungsrücklage. Vereinfacht gesagt – wir wollen unsere Leser nicht unnötig mit Dingen belasten, die sich derzeit ohnehin ganz nach Gusto im Wochentakt ändern können – ermöglicht die vorgeschlagene Änderung das Verstecken von Marktwertverlusten auf Wertpapieren in bestimmten Bilanzkategorien. Die negativen Wertänderungen sollen künftig nicht mehr gegen das Eigenkapital gerechnet werden, was natürlich nicht heißt, dass sich an der Situation oder der Qualität der Assets irgendetwas verbessert hätte. An der Eigenkapitalausstattung übrigens auch nicht.

Man verdeckt die Einschusslöcher halt mit einem Mäntelchen. Begründet wird das vielfach mit der Hoffnung auf eine Wertaufholung bestimmter Papiere. In einigen Fällen ist dies begründet, in vielen aber nicht. Eine generelle Änderung dieser Richtlinie und der daraus folgenden vollkommenen Nichtbeachtung dieser Verluste ist schlichtweg abenteuerlich und zeigt nur, wie sehr das gesamte Bankensystem weiterhin vor sich hintrudelt.

Ein Blick auf die Daten, um ein Gefühl für die Größenordnung zu bekommen, über die wir hier sprechen. Da wir viel davon halten, auch vor der eigenen Tür zu kehren, konzentrieren wir uns der Einfachheit halber auf unsere heimischen Institute. Zu kehren gibt es dort genug.

Deutschland Banken Eigenkapital und BIP

Insgesamt liegen auf den Bilanzen der genannten deutschen Banken grob €5,2 Billionen an Assets, also ein bisschen mehr als das Doppelte des deutschen Bruttoinlandsproduktes. Es gibt bessere Beruhigungsmittel als diese Grafik. Besonders angestrengt hat sich der selbsternannte Branchenprimus Deutsche Bank, dessen Bilanz es fast im Alleingang mit der Größenordnung unseres BIP aufnehmen kann.

Wen das noch nicht beeindruckt, große Zahlen ist man schließlich gewohnt, den wollen wir mit einigen Ergänzungen zur Qualität der Assets einen Schritt weiterbringen.

Der Anteil der non-performing loans beträgt bei der…

  • Deutschen Bank: 1.7%
  • Commerzbank: 4.3%
  • Postbank: 0.9%
  • Dresdner: 3.2%
  • Eurohypo: 4.4%
  • BayLaBa & WestLB 1.3%
  • HSH Nordbank: 7.5%
  • HVB Group: 3.4%

Das mag dem ein oder anderen Leser etwas kryptisch vorkommen, ist aber im Kern ganz einfach. Deshalb zum besseren Verständnis ein Blick auf die aktuelle echte Eigenkapitalausstattung der Institute. Interessant ist in diesem Zusammenhang das Verhältnis von Eigenkapital zu den gesamten Assets. Diese können wir der unten stehenden Tabelle entnehmen.

Europa Banken Eigenkapital Kennzahlen

Na, prima. Im Mittel liegen für jeden Hunderter an Assets satte €1,41 an Eigenkapital bereit. Die Deutsche Bank liegt grob auf diesem Wert, bei der Dresdner hingegen hat man sich in den Pfennigbereich hereingetastet. Auf einer höheren Bewusstseinsebene befindet man sich bereits in der Küstenregion und probiert es dort forsch gleich mit einer negativen Ratio. Ob dieses Reetdach gegen Kometeneinschläge hilft, darf allerdings bezweifelt werden. Alles in allem ist die Eigenkapitalausstattung arg dünn, besonders im Hinblick auf die aktuellen, oben genannten Werte der non-performing loans. Nehmen wir mal die Dresdner. Über 3% der Kredite sind nicht in Ordnung, aber bezogen auf die gesamten Assets hält man lediglich ein paar Brosamen bereit.

Um eines noch zu erwähnen, das ja während die Osteuropa-Sau durchs Dorf getrieben wurde, etwas in Vergessenheit geriet. Die Banken unserer Österreichischen Nachbarn sind bezogen auf die genannten Kennzahlen doppelt so gut, bzw. bei der Equity/Total Assets Ratio sogar gut 4 mal so gut ausgestattet. Falls in der hiesigen Finanzwelt noch jemand auf dem hohen Ross sitzen sollte, könnte es eine gute Idee sein, jetzt abzusitzen.

Nun, es sieht so aus, als brauche man sich über die mangelnde Bereitschaft von Finanzinstituten zur Kreditvergabe gar keine Gedanken machen, sind diese doch aus Eigenkapitalgründen gar nicht ernsthaft dazu in der Lage. Treffen die Kreditausfälle erst einmal ein, hilft auch das Verstecken von Marktwertverlusten nicht mehr. Hier hilft nur frisches Eigenkapital, und das dürfte es in der nötigen Größenordnung nur beim Staat geben. Als Minimum ergibt sich allein auf Basis der aktuellen Zahlen ein Bedarf von €60 Mrd. um das Eigenkapital im Schnitt bei 0 zu halten. Will man eine wirklich adäquate Kapitalausstattung vorweisen, dann reden wir hier über mehrere hundert Milliarden Euro Kapital allein für die deutschen Banken. Liquidität hilft hier nicht. Als Investor sollte man diese Kapitalsammlungen jedenfalls tunlichst vermeiden, hier gibt es auf lange Sicht nichts zu holen – außer Verlustvorträgen natürlich, aber die gehören derzeit ja nicht zu den knappen Gütern.

Es bleibt dabei: Trauen Sie einer Bankbilanz nur soweit, wie sie einen Elefanten werfen können.