Wachstumssegmente

Wenn schon nichts mehr so richtig wachsen will, muss man den Fokus herumschwenken bis man unter der Lupe ein Segment aufspürt, das in harten Zeiten aufblüht. Nach kurzem Nachdenken fiel uns der Bereich der Rekordinsolvenzen ein, und siehe da, dort wächst es!

Wenig überraschend legen vor allem die Finanztitel ein forsches Tempo vor, gab es doch in 2008 mit IndyMac Bancorp, Washington Mutual und den Gebrüdern Lehman gleich drei nennenswerte Pleiten, die es allesamt in die Top 20 der größten Pleiten aller Zeiten schafften.

Insolvenzen

Interessant ist die Tatsache, dass im vergangenen Jahr noch kein sehr großes Industrieunternehmen Eingang in die Liste fand, genauer gesagt war dies seit 2005 nicht mehr der Fall gewesen, das Jahr in dem Delta und Northwest Airlines sowie der Automobilzulieferer Delphi vom Kurszettel verschwanden. In 2009 hat sich der Kollaps der Realwirtschaft bei simultanen Finanzierungsproblemen nun aber erwartungsgemäß deutlich bemerkbar gemacht. Unter die Räder kamen Chrysler, Lyondell Basell (Chemie), General Growth (Gewerbeimmobilien REIT) sowie Charter Communications (Breitbandanbieter). Schon jetzt ist es für die Corporates bezüglich der Rekordpleiten das zweitschlechteste Jahr der Geschichte, dabei ist noch nicht mal Sommer.

Es fällt zudem die um einige Dimensionen angestiegene Größe der Rekordpleiten auf, eine der Auswirkungen des starken Trends hin zur Zentralisierung und den kreditfinanzierten Fusionen und Buy-outs. „Private Equity – Public Problems“ würde man heute wohl sagen.

Ein Blick auf die Häufigkeit derartiger Mega-Pleiten zeigt in aller Deutlichkeit die fehlende Phase der Ruhe zwischen dem Bärenmarkt der Jahrtausendwende und der aktuellen Misere.

Top 20 Insolvenzen

Ein weiteres Indiz für die Vermutung, in den Jahren von 2003 bis 2007 einen Scheinaufschwung als letzte Phase einer Dekaden andauernden Kreditaufblähung gesehen zu haben. Das bekannte Bild der amerikanischen Aktienindizes in Euro stärkt diesen Eindruck ebenso wie das Dow/Gold Ratio (siehe hierzu folgenden Artikel).

www.bankhaus-rott.de

In diesem Zusammenhang ist es schon erstaunlich, wie sehr die US Administration für den Bankensektor das Heil im Ausbau der Zentralisierung sieht. Dabei erscheint es uns doch eher so, als ob es gerade diese großen Institute waren und nach wie vor sind, die das Finanzsystem in Richtung Klippe geschoben haben. Die Lösung sollte daher vielmehr in einer Gesundung des gesamten Sektors und nicht in der Steuersubventionierung von Großinstituten bei gleichzeitiger Befreiung derselben von jeglicher auch nur halbwegs seriöser Bilanzierung liegen. Seisdrum, der von der Administration eingeschlagene Pfad scheint fortgesetzt zu werden. Bei den Derivaten machen diese auch schon prima mit, da SIND die Institute schon fast der Markt.

Banken und Derivate

Die Top 5 Institute (nicht nach Können, sondern nach Größe) stellen fast den ganzen Derivatemarkt dar. Das könnte ein Grund dafür sein, warum man nach wie vor mit Klauen und Zähnen zu verhindern versucht, dass eines der Top 5 Institute zu einer der Top 20 Pleiten wird. Bis zu einem Zentralkomitee für Derivate scheint es jedenfalls nicht mehr weit zu sein. Aber vor der Pleite der FDIC werden sie es wohl nicht mehr schaffen, aber das ist ein Thema für einen anderen Tag.

Cash (out)flow

Haben Sie auch schon davon gehört, dass die Unternehmen die ökonomischen Verwerfungen der Gegenwart viel besser als in früheren Dekaden überstehen? Erstens, so sagt man, sei heute ja nicht gestern. Das ist richtig, allerdings gehört die Aussage nach dem Motto „Regen im Mai, April vorbei“ nicht in die Kategorie umwerfender Neuigkeiten. Aber zweitens wird die „viel bessere Bilanzqualität“ der Unternehmen hervorgehoben.

Cashleck

Wen auch immer die Auguren hier mit besseren Bilanzen ausgemacht haben, die Institute der Finanzbranche werden wohl kaum gemeint sein. Die Aussagekraft der entsprechenden Bilanzen ist für den Analysten ungefähr so hoch wie eine in Dzongkha, der Amtssprache des Himalayastaates Bhutan verfasste Wochenzeitung für den normalen Zeitungsleser.

Schaut man sich die Bilanzen zahlreicher Unternehmen an, sollte sich angesichts der Dynamik der vergangenen Monate zumindest die eine oder andere Denkfalte zeigen. Eine Bilanz mag auf den ersten Blick einen guten Eindruck machen, aber sie ist nur eine Momentaufnahme und in der Regel durch allerlei Rechnungslegungsgymnastik deutlich verzerrt. Viel wichtiger für die weitere Entwicklung der Unternehmen ist derzeit die Unabhängigkeit von kurzfristigen Refinanzierungen sowie die Fähigkeit Verluste zu vermeiden um das finanzielle Gefüge beisammen zu halten.

Ein Blick auf die Cashflows der US Unternehmen soll uns zeigen, wie gut die Fähigkeit der Ertragsgenerierung der US Unternehmen im historischen Vergleich ist.

Cash flow der US Unternehmen 2009

Interessant ist zum einen das Ausmaß des Rückgangs. Er beträgt über 25% und entspricht damit ungefähr dem realen Vermögensverlust der US Haushalte. Geteiltes Leid….

Während das schiere Ausmaß nicht gerade den Eindruck einer beginnenden Stabilisierung macht sondern eher das Gegenteil impliziert, stimmt vor allem die Betrachtung der Vergangenheit seit den 50er Jahren äußerst nachdenklich. Beachtenswert ist auch die Entwicklung in den Jahren 2000-2002, die sich erstaunlicherweise als ein non-event präsentiert. In der aktuellen Form hat es einen derartigen Kollaps noch nicht gegeben, das zeigt auch der Verlauf der quartalsweisen Veränderungen.

US Firmen Cash Flows

Die üblen Zahlen kommen nicht von ungefähr. Sind die Einzelhandelsumsätze ein Seismograph für die Entwicklung im wichtigsten US Sektor, dem Konsum, so zeigt die industrielle Auslastung, wie es um das Wert schöpfende Gewerbe steht. Gleichzeitig ist der Wert ein Indikator für die zukünftigen Ausrüstungsinvestitionen, um die es allem Anschein nach nicht gut bestellt ist. Wenn ein knappes Drittel der Produktionskapazitäten aktuell nicht genutzt werden, sollte sich der Bau von neuen Kapazitäten in den engen Grenzen des absolut notwendigen halten. Mit einem Bauboom bei industriellen Anlagen ist wohl genau so wenig zu rechnen wie mit dem Beginn eines neuen Aufschwungs bei Büro- und Einzelhandelsflächen. Die Kapazitätsauslastung ist übrigens auf einem historischen Tief angelangt.

Kapazitätsauslastung USA

Alles Reden von „green shoots“ und sonstigen Hoffnungsschimmern mag helfen, die Stimmung aufzuhellen, die Fakten ändert es leider nicht und die deuten auf eine lange anhaltende, hochvolatile wirtschaftliche Periode hin. Eine Unterstützung von Unternehmen, wie das in Deutschland beispielsweise über die Kurzarbeitsmodelle und allerlei steuerliche Schmankerl geschieht, hat den gleichen Einfluss, den auch Garantien und bilanzielle Auslagerungen bei den Banken haben. Man verringert die Amplitude der Ausschläge bei gleichzeitiger Verlängerung der Dauer.

Immerhin gewinnt man so die Erkenntnis, es mit Wetten auf den Aufschwung nicht überstürzen zu müssen. Die so gewonnene Zeit kann man dann nutzen, um sich mit der Frage zu beschäftigen, woher eigentlich zukünftig die Staatseinnahmen herkommen sollen, da ja an Unternehmenssteuern nicht viel übrig bleiben wird. Vielleicht lässt man sich ja die schon vor dem Einbau legendäre „Schuldenbremse“ patentieren (gebaut von Magna?) und verkauft sie weiter, die Interessenten sollten jedenfalls Schlange stehen. Allerdings ist eine abschließende Frage ungeklärt: Warum sollte es einem Land, dass seit Ewigkeiten und mit beeindruckender Unabhängigkeit von Ab- oder Aufschwüngen einen steigenden Schuldenberg auftürmt, ausgerechnet in einer Zeit weg brechender Steuern, steigender Sozialausgaben und einer auch nicht im Ansatz gelösten demographischen Problematik gelingen, die Schuldensituation zu verbessern?

Aber wissen Sie was? Wir lassen einfach ein paar green shoots über die Sache wachsen, dann merkt es schon keiner.

Tag, Herr Kaiser. Heute mal wieder nichts an?

Frohe Kunde und Wehmut liegen oft nah beieinander. Nein, wir beziehen uns hier nicht auf den vergangenen Spieltag in der Bundesliga sondern auf die profane Wirtschaft. Heute wagen wir mal wieder einen Blick ins betriebswirtschaftliche Programm. An Insolvenzgefahren aus der Bankbranche hat sich der allgemeine Marktteilnehmer ja mittlerweile derart gewöhnt, dass sogar eine Commerzbank vom ein oder anderen wieder als attraktiv angesehen wird. Das ist über alle Maßen erstaunlich, kündigte man doch wenig überraschend an, in den kommenden Jahren wohl nicht mit Gewinnen und schon gar nicht mit Dividenden zu rechnen. Allem Anschein nach ist die Definition von „Value“ mittlerweile mutiert und man freut sich einfach darüber, neben dem Staat Teilhaber eines schwach kapitalisierten Finanzinstituts zu sein. Vielleicht darf man ja irgendwann seine Anteile komplett an den Bund übertragen, die Transaktionskosten kann man dann sicher von der Steuer absetzen.

Ein Blick in die Verschuldungsdaten kann auch noch einmal frischen Wind in das Bild der Bank werfen. Unten stehend die Fälligkeitsstruktur der Anleihen und Kredite samt fälliger Kuponzahlungen. Gelbe Gefahr neu definiert.

Schulden Commerzbank

Fälligkeiten Commerzbank

Insgesamt ausstehend sind €272 Mrd,. wohlgemerkt, allein für die Commerzbank, nicht für die gesamten DAX Unternehmen. Allein bis Dezember 2010 sind €100 Mrd. an Fälligkeiten zu verdauen. Nur zur Erinnerung, das Bruttoinlandsprodukt der BRD beträgt 2.492 Milliarden, die CoBa Verschuldung liegt also bei gut 11% des deutschen BIP. Hut ab. Ein sehr interessantes Experiment, dem wir da also beiwohnen können.

Eine Bank rollt eine Viertelbillion Euro Schulden vor sich her, ist durch eine Staatsbeteiligung (sehr fragwürdig, siehe unseren Artikel) vorerst vor einem Zusammenbruch bewahrt worden und plant erst einmal nicht mit positiven Erträgen. Das langfristige Ziel ist aber laut Konzernchef Blessing DANN wieder (warum eigentlich wieder?) eine Eigenkapitalrendite von 30% zu erreichen. Man muss sich schließlich von der Deutschen Bank absetzen, zumindest bei den Planzahlen. Was genau war eigentlich noch mal die Definition von „Blue Chip“?

Irrsinn im Quadrat, aber wie gesagt, die Bankenkrise ist nicht mehr im Fokus, aktuell kommen die Verlustmeldungen vermehrt aus der Versicherungsbranche. Das verhältnismäßig geringe mediale Echo auf den kürzlich erfolgten staatlichen Bailout von sechs US Versicherern ist nicht verwunderlich, ist doch die Versicherungsbranche ein vermeintlicher Hort der Stabilität und so soll es zumindest in der Außenwirkung auch bleiben. Dass die inneren Werte eher auf eine notwendige Therapie als auf einen übermäßigen Vertrauensvorschuss drängen, ist offensichtlich.

Schauen wir doch einmal nach, wer denn da in Übersee soeben gerettet wurde. Da wären Allstate Corp (bekannt in Deutschland durch die direct line Direktversichung), Hartford Financial Services, Principal Financial, Ameriprise, Lincoln National und – man höre und staune – Prudential (in Deutschland mit Pramerica und dem pma Finanz- und Versicherungsmakler vertreten). Ein gar nicht einmal so unbekanntes Starterfeld, dass da ohne großes Medienbohei ins Rennen um den großen Staatstopf ging.

Gut dass es AIG gibt mag man sagen, denn in deren Schatten fällt ein fauler Apfel kaum noch auf, so dunkel ist es dort. Aber es kann nicht schaden, trotzdem einmal genauer hinzuschauen.

Eigenkapital Versicherungen

Im Schnitt haben die Damen und Herren im ersten Quartal des Jahres schon wieder Kreditabschreibungen in Höhe von etwa einem Zehntel ihres Eigenkapitals vorzuweisen. Das ist in der Tat beunruhigend, wenn man sich einmal die Größenordnungen vor Augen hält. Die Gruppe bringt insgesamt ein Eigenkapital auf die Waage, das um gute 40% größer ist als das des europäischen Granden Allianz. Es handelt sich also nicht um ein paar lokale Dorfversicherer. Leider sind auch die Verluste der Größe angemessen, besonders bei Principal und Prudential hat man diesbezüglich doch so einiges vorzuweisen.

Da die Versicherungen in den Staaten besonders in den Bereichen Lebensversicherung und Altersversorgung arbeiten, kann man sich vorstellen, was eine öffentlich aufgearbeitete Pleite eines der Versicherer haben würde. Dazu kommt das alte Leiden des drohenden Asset-Abbaus. Man fragt sich ohnehin schon, wer denn seine Bilanz ausbauen will, damit alle die es ankündigen überhaupt ihre Bilanzen abbauen können. Lassen wir das mal dahingestellt, der „Lender of last resort“, die Fed hat sicherlich noch einige Schlupfwinkel auf der Bilanz, das vor sich hin faulende „Maiden Lane“ Portfolio, das infolge der Insolvenz von Bear Stearns auf die Bücher nahm, schafft ohnehin alleine durch Ausfälle stetig Platz.

Versicherungen gegen S&P 500

Ein Blick auf den obigen Chart, der die Verläufe der großen Versicherer in Relation zum S&P 500 zeigt, offenbart den traurigen Fakt. Die Versicherer haben es bereits seit Herbst 2007 geschafft, den nicht gerade vor Stärke strotzenden Gesamtmarkt noch einmal deutlich zu unterbieten. Angesichts der traurigen Zahlen und der sicherlich nicht annähernd bereinigten Bilanzen sollte sich daran auch wenig ändern. Nach den Airlines, Autobauern und Banken sind nun auch die Versicherer im Schatten von AIG auf dem besten Wege in die wachsende Armada volkseigener Betriebe.

Allerdings wird es auch für die europäische Konkurrenz wohl noch des Öfteren heißen: „Herr Kaiser, Sie haben ja gar nichts an!“.

The mother of dilutions

Wenn man aus Wasser Wein macht, kann man darauf hoffen, dass auch ein guter Tropfen dabei herauskommt. Gießt man allerdings Wasser in den Wein, kommt selten etwas Verträgliches dabei heraus. Nun gibt es Verwässerungseffekte nicht nur in der Getränkeszene. Auch in anderen Branchen werden in kreativen Laboratorien bereits neue Tropfen für die alten Schläuchen angerührt.

Rettungsteam

Ein mögliches Ergebnis der Experimentalfinanzen bahnt sich beim dritten der ehemaligen „Big Three“ der US Automobilbranche an, General Motors. Während in Turin bereits die Tranchierschere nervös zu schnippeln beginnt, bemüht sich die US Treasury um eine schnelle de-facto Enteignung der verbliebenen Anteilseigner. Sicherlich gibt es schon eine „Task Force“ (Können Sie den Begriff auch nicht mehr hören?)

Aktuell existieren ca. 610 Millionen Stücke, was eine Marktkapitalisierung von ungefähr $980 Mrd. ausmacht. Das ist ungefähr soviel wie Bijou Brigitte oder entspricht, um zumindest im Groben in der Fahrzeugbranche zu bleiben, in etwa 17% des Marktwertes des Matchbox Fabrikanten Mattel.

Nicht nur bei der Unternehmensgröße haben die Spielzeugverkäufer die Nase vorn. Ein Blick auf die Erträge spricht Bände.

Ertrag Mattel

Ertrag GM

GMs Earnings Verlauf zeigt doch eine gefährliche Asymmetrie der positiven und der negativen Werte. So bekommt man auf diesem Wege einmal ein anschauliches Beispiel dafür, was „fat tails“ sind.

Angesichts der wieder einmal vor der Tür stehenden Insolvenz rüstet das Finanzministerium also zu einem umfassenden Schlag. Der kurze Auszug aus dem SEC Filing http://edgar.sec.gov/Archives/edgar/data/40730/000119312509100053/dpre14c.htm zeigt, wo es langgehen soll (Hervorhebungen durch uns).

If the U.S. Treasury Debt Conversion is consummated, the U.S. Treasury (or its designee) would own at least 50% of the aggregate amount of pro forma outstanding GM common stock. This notice and the accompanying Information Statement are being furnished to our stockholders with respect to action that may be taken in connection with this restructuring by the U.S. Treasury (or its designee), as holder of a majority of the issued and outstanding shares of GM common stock as of the record date described in the accompanying Information Statement, approving, by written consent (in lieu of a meeting of our stockholders), amendments to our restated certificate of incorporation that would:

  • increase the number of authorized shares of GM common stock to 62 billion shares;
  • reduce the par value of GM common stock from $1 2/3 per share to $0.01 per share; and
  • effect a 1-for-100 reverse stock split of GM common stock, whereby each 100 shares of GM common stock registered in the name of a stockholder at the effective time of the reverse stock split will be converted into one share of GM common stock.

If the restructuring as currently contemplated occurs, there will be very substantial dilution to existing holders of GM common stock. After the restructuring, as currently contemplated (assuming full participation in the exchange offers described in the accompanying Information Statement), existing holders of GM common stock would hold approximately 1% of the outstanding GM common stock.

Soweit der Auszug. Fassen wir einmal zusammen, was auf der anderen Seite des Atlantiks mal wieder an Marktpragmatismus an den Tag gelegt wird. Man plant schlicht eine Kapitalerhöhung, in deren Zuge die Anzahl der Aktien auf sagenhafte 62 Milliarden angehoben werden soll. Das ist eine Steigerung der Anteilszahl auf das Einhundertfache. Demzufolge kommt man in dem Dokument zu dem richtigen Schluss, dass die ursprünglichen Eigner auf dem Anteil sitzen bleiben, den ihre 610 Millionen Aktien noch darstellen: 1%. Da kann man sich die Anfahrt zur Hauptversammlung natürlich sparen.

Danach wird ein so genannter Reverse Split vorgenommen, infolge dessen die Zusammenlegung von 100 alten Aktien zu einer neuen erfolgt. Das sieht dann auch vom Kurs besser aus, man möchte schließlich zumindest gefühlt aus dem Börsenkeller herauskommen. Toll – „Börse ist Psychologie“ hört man schon die Rufe, aber ein Psychologe dürfte hier nur noch wenig ausrichten können. Ein Psychiater wäre angebrachter, aber man sollte sich einen möglichst abgebrühten aussuchen.

Der Witz an der Sache ist, dass man wieder einmal versucht, mittels der Kreativabteilung der Administration einem insolventen Unternehmen mit Staatsgeldern auf die Krücken zu helfen. Man könnte das Ganze auch schlicht eine Enteignung nennen, aber so etwas gibt es ja im Kapitalismus nicht. Irgendwie passt der Begriff auch nicht wirklich, denn der Laden ist ja ohnehin bankrott. Ohne die staatlich unterstützten commercial paper Käufe ist GM genauso wenig lebensfähig wie die desolate HRX in Deutschland es ohne staatliche Garantien ist.

Also fassen wir die Zukunft der Autohersteller im Autoland zusammen. Chrysler ist insolvent, GM und Ford wären es ohne staatliche Hilfe ebenfalls. Nun gehört infolge der Insolvenz Chrysler dem ehemals größten Gläubiger, dem Gesundheitsfonds der Autogewerkschaft, und Ford versucht sich weiter in Selbstmedikation. General Motors möchte sein Europageschäft verkaufen, hat wichtige Patente aber bereits verpfändet und soll durch die Mutter aller Verwässerung mehrheitlich in Staatsbesitz übertragen werden. Prima, da liegen zumindest die Firma und ihre Patente wieder beim gleichen Eigner.

Wir lassen uns davon überraschen, was aus einer teil-gewerkschaftlich, teil-staatlich geführten und mit brachialen Überkapazitäten und Pensionsverpflichtungen (derzeit bei über sagenhaften $1000 pro Neuwagen) beladenen Firma wird. Bei der Eignerstruktur würde eine Übernahme durch Lada nicht mehr wirklich überraschen.

Wir werden unsere Unterstützung der US Autohersteller wohl auf den Besuch von „Gran Torino“ beschränken. Nachschussverpflichtung ausgeschlossen.

Den der Blitz beim Merger trifft

Selbst für professionelle Stoiker waren die letzten Wochen schwierig. An den Märkten läuft die Erholung, und so kommt es, dass wenige große Neuigkeiten durch den Äther dringen. Macht ja nichts! Denn es bietet sich an, in nachrichtenarmen Zeiten alte Nachrichten wiederzukäuen. Beispiellos ist in diesem Zusammenhang das unselige Gezurre um Fiat und Opel. Ist doch toll, wenn der Vertreter des bayerischen Landadels in unserem Bundeskabinett sein Schloss verlassen hat, um der Welt tagein tagaus mitzuteilen wie prima er sie findet, die “Grobkonzepte”. Was genau sich hinter einem solchen verbirgt bleibt offen. Vielleicht könnte man die Ansätze auch “fixe Ideen” nennen, das klingt aber nach weniger Präsentationsfolien und der beflissene alte Mann der Beratergilde, Herr Berger, hätte weniger zu erzählen. Gut für ihn, dass viele ihm den Erfolgreichen immer noch abnehmen. A Aber man muss neidlos anerkennen wie so mancher es schafft, seine nicht besonders erfolgreichen Mandate (z.B. Holzmann) unter den Teppich zu kehren. Naja, nehmen wir den guten alten Münzwurf und gestehen wir den Beratern eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 50%. Aber zurück zu Opel.

Opel Delle

Also, kurz zur fixen Idee, wie sie sich darstellt: Der italienische Autohersteller, der sich ja nachweislich mit Überschuldung auskennt, möchte gerne Opel übernehmen, einen Hersteller der lediglich medial mit einem Lamettafaden des Erfolgs behängt wurde. In der Praxis verkauft Opel regelmäßig weniger Autos und – seien wir doch mal ehrlich – es stört eigentlich niemanden. Das Ganze sieht also nach einer Paarung des Lahmen und des Blinden aus, wäre da nicht noch der dritte im Bunde: Der von Dieter Zetsche aber so etwas von nachhaltig kernsanierte und deshalb nun nachhaltig insolvente amerikanische Herrsteller Chrysler, der auf Grund der Insolvenz nun mehrheitlich den Gläubigern gehört. Der größte Gläubiger und Hauptanteilseigner ist nun der Gesundheitsfonds der Automobilgewerkschaft UAW. Da ein Gesundheitsfonds ja für Krankheiten zuständig ist, lassen wir es mal offen ob Chrysler unter dem neuen Eigner gesundet. Schaut man sich einmal laienhaft deren Fahrzeuge an, überkommt einen zumindest der kleine Anflug einer Ahnung davon, was mit dem Wort “Grobkonzept” ursprünglich gemeint war.

Es tun sich also heldenhaft drei nachweislich professionell geführte Unternehmen zusammen und bringen als Hauptcharakterzüge die Überschuldung, die Jammerei und die Insolvenzerfahrung mit. Gerade letztere kann angesichts der Automobilkonjunktur auch in der Zukunft noch von großem Wert sein. Eine besondere Aufwärtsdynamik ist in den globalen Autoabsatzzahlen jedenfalls nicht zu erkennen, China hin China her. Zu beachten ist auch die wesentlich günstigere und qualitativ schnell aufholende Konkurrenz der asiatischen Hersteller (siehe Tatas Nano als preisliches Extrembeispiel.

Autoabsätze global

Die neue Firma wäre in der Folge eines Zusammenschlusses zumindest kurzfristig gemessen an den Absatzzahlen ein sichtbarer Konkurrent von VW und Toyota. Stückzahlen rechnen sich aber nur, wenn man pro gefertigtem Wagen auch etwas verdient, andererseits schlägt das Pendel schnell in die falsche Richtung.

Fragt sich also, wer denn so eine himmlische Hochzeit finanzieren soll. Was sagt das Konzept des Herrn aus Turin also im Groben?

Guttenberg – Fiat plant Opel-Übernahme ohne eigene Schulden

Reuters Montag, 4. Mai 2009, 15:18 Uhr

Aus dem Munde des Handelsreisenden erfahren wir frohe Kunde. Keine eigenen Schulden! Die Idee ist so gut, dass sie sich je nach Umsetzung wirklich äußerst positiv für Fiat darstellen könnte.

Eine eigene Gesellschaft, für diesen Zweck gegründet, übernimmt mit Krediten, die vom Bund besichert werden, den Kern des Rüsselsheimer Autobauers. Wie marktfern und somit derzeit günstig staatsgarantierte Finanzierungen sind, kann man an den absurd niedrigen Renditen derartiger Bankanleihen sehen. Ein klassischer Fall von Fehlallokation, aber was solls, der Teufel ist im Raum, da muss der Beelzebub nun einmal ran! Gleichzeitig versichert Herr Guttenberg treuherzig, dem deutschen Steuerzahler solle kein Schaden entstehen.

Wir fassen zusammen:

1. Gesellschaft A wird gegründet

2. A begibt staatlich garantierte Anleihen über €5 – €7 Mrd.

3. A übernimmt Opel

Nehmen wir einmal an, alles läuft gut. Gut für Fiat, gut für den Staat, sprich für den Steuerzahler. Allerdings nur insofern er keine Belohung erwartet.

Nehmen wir dann – ganz defätistisch – an, alles läuft nicht so gut. Schade für Fiat (mehr aber auch nicht), schlecht für den Staat, sprich für den Steuerzahler.

Fiat wäre in diesem Modell im Grunde, einmal abgesehen vom Reputationsrisiko, fein raus. Das Risiko einer Insolvenz trägt der staatliche Garantor. Zusätzlich zu den Kosten einer heute stattfindenden Insolvenz kämen die €5 bis €7 Mrd. hinzu. Mindestens, die Summe erscheint doch ziemlich knapp bemessen. Vielleicht kommt einfach alles so wie in der Vergangenheit. Schon da war Fiat ja fast schon ein Hort der Stabilität, allerdings mit großer Volatilität. Statistiker würden hier vielleicht von „mean reversion“ sprechen, aber lassen wir den Blödsinn mal beiseite. Kontinuität ist jedenfalls nicht zu erkennen. Immerhin hat man aber so schon den ein oder anderen Konkurrenten überlebt – was kümmern da die Schulden, im Vergleich zu Juventus Turin ist man doch sauber durchfinanziert.

Fiat Aktienkurs

Ach, herrlich, als man sich nur mit den Schwierigkeiten der Großbanken rumschlagen musste. Da gibt es Stresstest ohne Bedeutung, deren worst case Annahmen für 2010 schon vor dem Start der Tests deutlich überboten werden. Es gibt Banken die heute gar kein Kapital und morgen $35 Mrd. brauchen. Und da ist ein Institut, dessen Vorstandsvorsitzender den Aktionären und der allgemeinen Öffentlichkeit wegen eines von den Herren Paulson und Bernanke verhängten Maulkorbs nichts zur wirklichen Lage eines Übernahmeobjekts (Merrill Lynch, wohl seinerzeit schon technisch insolvent) sagen darf.

Was solls, man schickt den IWF über den Globus um von ökonomisch angeschlagenen Nationen die “Öffnung der Wirtschaft” (für wen?) zu fordern und fädelt simultan im Hinterzimmer bei leichten Snacks eine als freiwillige Übernahme getarnte Zwangsehe zweier angeschlagener Institute ein. Ein klarer Fall für die Couch.

Aber auch das kann uns dieser Tage nicht mehr schocken. Denn den vorläufigen Gipfel des Irrsinns hörten wir in den letzten beiden Wochen wiederholt vom ansonsten geschätzten Sender HR Info. Dort gab es allmorgentlich an starken Tagen des US Dollars folgendes Argument zu hören:

“Der Dollar kann heute gegen den Euro zulegen, weil er als sehr liquide Währung gilt”.

Das wiederum, ist auch ein interessantes Grobkonzept des Währungsmarktes.