Grand Reserva 2009

Der Frühling macht sich im Lande breit, und mit der Sonne keimt auch so manch zartes Pflänzchen der Hoffung im Investorenlager. Vor allem die kürzlich vermeldeten Zahlen einiger US Banken wirkten wie Balsam auf die Seelen der geschundenen Anteilseigner, und daher kaufte man ohne sich die Mühe zu machen, einen Blick hinter den Vorhang zu werfen. Wir werden hier nicht auf die zahllosen Bilanzierungswunder hinter den einzelnen Ergebnissen der Goldmänner und Konsorten eingehen, die Schöpfungen der Kreativabteilungen der Institute sollten ja mittlerweile bekannt sein. Wesentlich spannender ist derzeit der Blick auf die Gesamtsituation im US Finanzsektor, der sich aus den kürzlich veröffentlichten aber erstaunlicherweise wenig beachteten Daten ergibt.

Eins vorneweg. Es geht hier nicht um die oft zitierte Schwarzmalerei. Die macht uns erstens keine Freude, da uns ein marodes Finanzsystem ja auch nicht auf Rosen bettet. Zweitens ist Pessimismus gar nicht nötig, es genügt der Blick auf die Realität. Arbeiten wir uns also durch den Grießbreiberg und hoffen, auf der richtigen Seite herauszukommen.

Im Land wo Milch und Honig aber zusehends weniger Kreditmittel fließen war sowohl das erste Quartal des aktuellen Jahres als auch der April keine Seelentröster. Die Anzahl der Bankinsolvenzen liegt mittlerweile für 2009 höher als im gesamten Vorjahr. Damit liegt der Wert auch höher als die Summe aller Bankinsolvenzen in den Jahren 2000 bis 2007. Allein am letzten sonnigen Wochenende erwischte es vier Institute.

FDIC Bankinsolvenzen

Übrigens werden Banken anscheinend immer am Wochenende heimtückisch vom Bankrott überrascht. Das ist sehr praktisch, vermeidet man doch so die unschönen Bilder von echauffierten Bankkunden. Die sitzen nämlich gerade zu Hause und wundern sich schlimmstenfalls warum sie für den Antihaft-Sandwich Toaster bei QVC nicht mehr mit ihrer „Heritage Bank Senator Kundenkarte“ zahlen können. Der Montag bringt dann meist die Auflösung des Rätsels.

Die Entwicklung ist im Grunde nicht sonderlich überraschend. Wie sooft ist allein die Dynamik des Prozesses atemberaubend. So hat die gesamte Branche im vierten Quartal des Jahres 2008 einen Verlust aufs Parkett gelegt und zwar in der beachtenswerten Höhe von $32,1 Mrd. Interessant sind hier auch die Gründe für die Verluste, die sich nur zu einem Teil auf die signifikanten und herausragenden Großverluste einzelner Banken mit ihren Abschreibungsproblemen zurückführen lassen. Besorgnis erregender sind die akuten branchenweiten Defizite im operativen Geschäft trotz relativ stabiler Zinsspanne. Hier zeigen sich bereits die Auswirkungen des sinkenden Kreditvolumens des privaten Sektors (siehe unser vorheriger Post: http://blog.bankhaus-rott.de/#post19).

FDIC Industry loss Banks

Für die kommenden Quartale sollte für Nachschub an schlechten Zahlen gesorgt sein, dies legt auch die Übersicht über die weiter stark sinkende so genannte reserve coverage ratio nahe. Diese Kennzahl sagt aus, wie hoch die Summe der Reserven im Verhältnis zur Summe der in Verzug befindlichen Kredite (noncurrent loans) ist. Diese Kennzahl ist äußerst wichtig und sollte eigentlich stabil sein, das heißt für die Kredite die sich in Verzug befinden werden entsprechende Reserven gebildet um in der Zukunft für Ausfälle gerüstet zu sein.

Nun ist es im amerikanischen Bankensektor seit Ende 2006 zu einer gegenläufigen Bewegung gekommen. Zu Beginn des Jahres 2007 lag dann plötzlich die Summe der noncurrent loans höher als die Reserven. Die coverage ratio lag dementsprechend bei unter 100%.

Loan loss coverage ratio

Im Augenblick liegt die coverage Ratio mit einem Wert von 75% auf dem tiefsten Niveau seit 16 Jahren. Ein klassischer Fall von Unterdeckung, der heute wegen der geringeren Rückstellungen das Ergebnis verschönert morgen aber zu massiven Problemen auf Grund fehlender Rückstellungen führt. Nicht gerade der Inbegriff konservativer Unternehmensführung.

Durch die zahlreichen Pleiten in der Finanzindustrie wurde auch der so genannte DIF Fund, der die Einlagen der Bankkunden in den USA „sichern“ soll (FDIC – Federal Deposit Insurance Corporation), arg in Mitleidenschaft gezogen. Der Fund der FDIC soll derzeit Assets im Wert von $4,736 Billionen sichern. Als Rücklagen verblieben der Gesellschaft nach den vergangen dürren Vierteljahren lediglich $0,018 Billionen, was eine traurige Quote von lediglich gut 0,4% ergibt.

DIF Reserven des Einlagensicherungsfonds

Auch hier erstaunt wieder die Geschwindigkeit des Abschmelzens. Dazu, das taucht in der offiziellen Grafik leider nicht auf, soll eben diese FDIC die Garantien für Geithners „toxic asset plan“ stemmen. Manchmal stellt sich schon die Frage, ob es sich hier nicht schlicht um einen „toxic plan“ handelt. Die Summe, die hier neben dem Eigenkapital dass das Finanzministerium spendiert via Kreditgarantien von der FDIC bereitgestellt werden soll, liegt bei $820 Mrd. Das ist ungefähr das 43-fache der Reserven des Einlagen“sicherungs“fonds. Wir nehmen das zur Kenntnis, fragen uns einen kurzen kritischen Augenblick lang wo das Geld eigentlich herkommt, und freuen uns dann schon auf weitere derart fundierte Pläne zur Restaurierung des Finanzsektors.

Eines steht jedenfalls fest. Einen wie auch immer gearteten Stresstest braucht man zur Beurteilung der Situation der Branche nicht. Der Stress ist schon lange Realität und die Realität ist Stress.

Wie gesagt, Schwarzmalerei ist vollkommen unnötig.

Abnehmende Zunahmen und zunehmende Abnahmen

Das kann ich auch, so lautet der Werbespruch der Kreditbranche. Was der eine sich auf Pump kauft, kauf ich mir auch auf Pump, kein Problem: leinwandgroßer Fernseher, neues Auto, Wackeldackel dazu und dann schnell noch die neue Einbauküche oben drauf. Ein bisschen amerikanischer Traum für den deutschen Michel, so war der Plan. Mittlerweile sind die Kreditaufnahmewellen diesseits und jenseits des Atlantiks dann doch ein bisschen abgeebbt, was zum Teil daran liegen könnte, dass man einen Blick in den Abgrund der „modernen Verschuldungswirtschaft“ werfen durfte.

Wie sooft sind uns die Angelsachsen wenn es um die Turnerei am Abgrund geht mal wieder um einige Schritte voraus. Die haben nämlich nicht nur das Aufblasen hinter sich gelassen sondern sind auch beim Ablassen der heißen Luft ganz weit vorne, wie die folgende Grafik zeigt. Das Schaubild zeigt die gemittelten prozentualen Werte der Schuldenaufnahme der US-Sektoren. Die Mittelwerte wurden aggregiert. Quelle des ganzen ist der aktuelle Flow of Funds Report der Fed.

Schulden Wachstum privat und Unternehmen

Trotz aller Verschuldungsbemühungen der Regierung misslingt es bis dato leider, einen respektablen Ausgleich für den Kollaps der privaten Kreditnachfrage zu schaffen.

Eine relative Entwicklung täuscht aber des Öfteren, und einige Mittelwerte zeigen natürlich nicht wo es hakt. Daher noch der Blick aufs wesentliche, die absoluten Zahlen.

Schulden Veränderung absolut

Das Bild wird leider auch beim Blick auf die Absolutwerte nicht heller. Bisher sieht es danach aus, als ob das näher kommende Licht doch der Zug und nicht das Ende des Tunnels ist. Die Ausweitung der Kreditaufnahme der privaten Haushalte, des Auslands und der Unternehmen ist sprichwörtlich verdampft.

Wer um die Beschaffenheit des kreditbasierten fiat money Systems mit der Schöpfung von Geldbeträgen „out of thin air“ vertraut ist, weiß, dass ein solcher Zustand im vorherrschenden System nicht lange aufrecht zu erhalten ist. Gelingt die Ausweitung der Kredite nicht, wird es ein arges monetäres Problem geben, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Das erklärt auch das vermeintlich willkürliche Verteilen von offensichtlich beliebigen Geldmengen. Wie oft hat man denn vor drei oder vier Jahren das Wort Billion im Zusammenhang mit Geldsummen gehört? Nicht sehr oft, und wenn dann im Zusammenhang mit Ländern in denen bereits die Brachialinflation das Szepter schwang.

Wie außergewöhnlich die Situation ist, zeigt anschaulich der Blick auf die vergangenen Jahrzehnte, wenn man den Fokus auf die Konsumentenausgaben legt, die ja zum großen Teil kreditinduziert sind. Wir haben mal in unserer Schatzkiste nach den Daten seit den 60ern gegraben. Interessiert haben uns hier die Wachstumsraten der Konsumausgaben (personal consumption expenditures).

In den Sechzigern ging es ganz entspannt los, die 70er sahen dann einen schwungvollen Anstieg der zugegebenermaßen inflationär verteuerten Güter und stehen für den stärksten Anstieg der Konsumausgaben im gesamten Beobachtungszeitraum. In der folgenden Dekade folgte eine gewisse Ernüchterung, in den 90ern dann ein ernster Kater. Aber eines ging immer: Man steigerte die Ausgaben, koste es was es wolle. Und wie die Leber mit ihren Aufgaben wächst, so stieg auch das BIP der Konsumnation mit ihren Ausgaben.

Private Konsumausgaben USA

Alles hat ein Ende, so auch diese jahrzehntelange Entwicklung. Seit einigen Quartalen sinken die Konsumausgaben in einem Maß, das es so zumindest seit den 30er Jahren nicht gegeben hat. Eine kleine Delle in einem Chart wirkt oft harmlos, aber eines sollte nicht vergessen werden. Die Maschine braucht Treibstoff, sprich Kredit- und somit Konsumexpansion. Eine Phase der Stagnation ist nicht vorgesehen, es funktioniert schlicht nicht. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist der US Häusermarkt. Es gab auch dort keine lange Phase der Preisstagnation (obwohl oft von einem „Plateau“ stabiler Preise schwadroniert wurde). Die Preise stiegen kreditinduziert, die Hausse nährte in der Folge die Hausse und irgendwann drehte der Wind – der Rest ist bekannt.

Es ist die Frage, inwieweit Treasury und Fed in der Lage sind, den Einbruch der Kreditausweitung in den USA zu kompensieren. Eine Frage, die sich mittlerweile allerdings in vielen Nationen stellt.

Darauf einen Dujardin – ich zahl dann morgen…

Kurz und gut?

Die Bundesagentur für Arbeit hat anscheinend Ihre Marketingbereiche verstärkt. Zumindest könnte man dies denken, wenn man den folgenden Passus zu den aktuellen Zahlen zur Kurzarbeit liest.

Agentur für Arbeit legt neue Zahlen zur Anzeige über Kurzarbeit vor

Presse Info 2009-026 vom 04.03.2009

Die Vereinfachungen und finanziellen Entlastungen durch das zweite Konjunkturpaket haben die Kurzarbeit offenbar für noch mehr Unternehmen attraktiv gemacht.

Wohlan, so kann man es auch ausdrücken. „Die Kurzarbeit war für uns so attraktiv“ klingt auch gleich viel angenehmer als wenn man sagt es brächen einem die Aufträge weg. „Oh, sie sind in den für Ihren Arbeitgeber so attraktiven Zustand der Kurzarbeit eingetreten? Das ist ja prima! Setzen Sie sich. Etwas Tee? Gebäck dazu?“.

Betrachtet man den Anstieg der Kurzarbeit im längerfristigen Zeitverlauf, bleibt allerdings wenig Raum für Humor.

Meldungen zur Kurzarbeit

Abgesehen vom beeindruckenden absoluten Niveau der Neuanzeigen ist der Unterschied zum Zeitraum 2001 bis 2003, einer ökonomisch auch nicht gerade rosigen Periode. Ein Teil der Differenz lässt sich berechtigt mit Änderungen des gesetzlichen Rahmens erklären, der senkrechte Anstieg allerdings verdeutlicht vor allem eines: Die Schwierigkeiten treffen nicht nur einzelne, eventuell schwach aufgestellte Unternehmen, sondern treffen die Wirtschaft in ihrer gesamten Breite.

Was auf die Republik noch zukommt, lässt sich andeutungsweise erkennen, wenn man einen Blick auf die Arbeitslosenzahlen im Verhältnis zur Kurzarbeit wirft. Die vom Herold der schlechten Nachrichten, der Bundesagentur für Arbeit, verkündeten Neumeldungen per März lagen bei 686.700. Die Arbeitslosenzahl liegt derzeit bei 3.401.000. Allein die Neumeldungen im März hat somit ein Level von 20% der gesamten Arbeitslosen erreicht. Im Februar war der Wert noch einen Tick schlechter, in der Tendenz steigen die Meldungen aber spätestens seit Oktober vergangenen Jahres rapide und mit steigender Wucht an.

Anzeigen zur Kurzarbeit

Wem das an Schauerlichkeiten noch nicht genügt, dem sei die folgende Grafik empfohlen. Der Chart zeigt auf vereinfachte Weise, wie sich die Arbeitslosigkeit in Deutschland darstellt, wenn man die kumulierten Meldungen für Kurzarbeit seit Oktober zum gemeldeten Wert addiert.

Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit

Das ist zugegebenermaßen vereinfachend, da ja auch einige Kurzarbeiter wieder in ihren normalen Turnus zurückgekehrt sein mögen. Aber es geht hier ohnehin nicht darum, eine mathematische Scheingenauigkeit an den Tag zu legen. Vielmehr gilt es, aus den offen liegenden Daten mit dem gesunden Menschenverstand das offensichtliche herauszulesen, auch wenn es derzeit oft unerfreulich sein mag. Trotz einfacher Ansätze ist die Wahrscheinlichkeit hier grob falsch zu liegen wohl gering, was auch ein Blick auf die Industrieproduktion in der Eurozone zeigt. Wer ein Fünftel weniger produziert wird nicht besonders viele Stellenanzeigen schalten.

Industrieproduktion Deutschland

Die aggregierte Zahl aus Kurzarbeit und Arbeitslosen ist schlicht gesagt erschreckend und stellt den Blick in die Zukunft dar, wenn sich die Konjunktur nicht relativ schnell fangen sollte. Davon ist leider nicht auszugehen, von daher darf man gespannt sein, ob und wann sich die Koalitionäre dem Thema Kurzarbeit widmen und sich auf Verlängerungen oder sonstiges einigen werden.

Eines ist klar, zumindest vor der Wahl wird man um jeden Preis verhindern, dass ein extremer Anstieg der offiziellen Zahlen in den Fokus der Öffentlichkeit rückt. Welcher Druck innerhalb der Bevölkerung entsteht, wenn die Arbeitslosenzahl derart dramatisch anzieht und gleichzeitig von einer „Schuldenbremse“ schwadroniert wird, überlassen wir Ihrer Fantasie. Ausgelassene Volksfeststimmung wird sich aber bei aller Bescheidenheit nicht einstellen.

Man sollte sich darauf einzustellen, dass die aktuelle Situation auch für gesunde Unternehmen noch sehr ernste Herausforderungen zu bieten haben wird. Für Unternehmen, deren Leistung in der Vergangenheit allein darin bestand, auf der Liquiditäts- und Kreditwelle mitzuschwimmen, wird es allein um die Frage des Überlebens gehen, das sich ohne Kostenreduzierungen und frühzeitig gesicherter Refinanzierungen nicht sichern lassen wird. Kostenreduzierungen sind leider selten mit Einstellungen verbunden.

Tax and the city

Ohjehmineeh.

Keine Ahnung, ob es einen ähnlichen Begriff im angelsächsischen Raum gibt, wenn ja, so wird die den Jungs bei der Treasury jedenfalls durch den Kopf geschossen sein, als die sich die jüngsten Daten anschauten. Auch wenn die Damen und Herren ja einiges gewohnt sein dürften, wird ihnen am Abend ein amerikanisches Dünnbier nicht zum Herunterspülen gereicht haben.

So wie es aussieht ist es angekommen, das lang erwartete und doch natürlich wieder völlig überraschend ins Bild tretende erste Anzeichen des tax shocks. Neben den Staatsausgaben, die mittlerweile ohnehin nur noch an irgendwelche fiktiven Zahlen erinnern, die mit der realen Welt – abgesehen natürlich von einer positiven Auswirkung auf die Konjunktur – vermeintlich nichts zu tun haben kommt nun vom tänzelnden Abschwung die zweite harte Gerade in Richtung US Budget. Da kann man für die US Haushaltsexperten nur hoffen, dass die Konstrukteure der sich angeblich im Bau befindlichen Schuldenbremse nicht aus den Entwicklungsabteilungen der US Autobauer stammen.

Im gerade veröffentlichten monatlichen Report des Congressional Budget Office wabern denn auch gruselige Zahlen.

Das projizierte Budgetdefizit für das erste Halbjahr liegt mit $953 Mrd. knapp unter der 1 Billion Dollar Marke. Da denkt man sehnsüchtig an Fernsehserien wie „Der 6 Millionen Dollar Mann“ zurück. Das Defizit für die Zeit von Januar bis Juni würde also eine Armada von 158.000 „Sechs Millionen Dollar Männern“ abdecken. Respekt, die würden sicher so einiges reißen.

Wer es noch nicht gesehen hat, eine Billion Dollar sieht logistisch ordnungsgemäß gestapelt folgendermaßen aus:

1 Billon Dollar gestapelt

Links unten steht jemand (vielleicht ist es sogar der 6 Millionen Dollar Mann). Es stehen jeweils zwei Standardpaletten aufeinander, die jeweils einen Meter hoch gepackt sind. Ach ja, es sind 100-Dollar Noten, die hier gepackt wurden.

Überraschend an den Zahlen ist weniger das gesamte Defizit. Interessant wird es, wenn man sich ausnahmsweise einmal die Einnahmenseite anschaut. Hier ist ein Rückgang von satten 14% zu verzeichnen.

US Budget

Ein Blick auf die Verteilung der Einnahmenrückgänge zeigt, dass sie bisher zu einem Großteil auf kollabierende Steuerzahlungen der Unternehmen zurückzuführen sind.

Steuereinnahmen USA

Die Prognose des CBO sagt einen annualisierten Rückgang der Unternehmenssteuereinnahmen von mehr als 50% voraus. Gleichzeitig werden alle Schuldengrenzen pulverisiert, die Arbeitseinkommen sinken und von einem neuen Exportwunder dürften die USA noch einige Dekaden entfernt sein. Wir gratulieren, und das ohne Hohn, denn von stabilen Steuereinnahmen zu träumen drängt sich auch in der EU leider nicht auf.

Da es sich bei den Daten um eine Prognose für das Gesamtjahr handelt, muss man ohnehin vorsichtig sein. Denn eines hatten auch die pessimistischen Prognosen gemein – sie waren zu optimistisch.

Gähn 20

So, haben wir das auch hinter uns. Was genau die „Welt verändernden“ Maßnahmen und Beschlüsse des Gipfels waren lassen wir mal offen, da gibt es ja reichlich Interpretationsspielraum.

Eine Frage, die sich uns direkt aufdrängt, ist der Grund, warum derart platt auf eine Regulierung von Hedge Fonds gedrängt wird. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, es gibt vieles die Branche betreffendes, das durchaus einmal diskutiert werden kann. Als Sündenbock für das Debakel taugen die Hedge Fonds aber ebensowenig, wie die Lehman-Insolvenz als Ausrede für völlig verfehltes Management in Banken taugt. Das könnte dem ein oder anderen zwar so passen, und es ist durchaus verständlich, dass Versuche gemacht werden, den Sachverhalt so darzustellen. In der Sache richtig wird er indes auch durch häufiges Wiederholen nicht.

Wir wollen nun einen kurzen Blick auf ein Thema werfen, das im Schatten des Londoner Begrüßungsessens die Runde machte. Die „Bewertung zum fairen Marktwert“, oder angelsächsisch ausgedrückt, die mark-to-market valuation. Gerade wurde ja wenig überraschend verkündet, die fair value Bewertung zu erleichtern. Was das dann noch mit „fair value“ zu tun hat, ließen die Damen und Herren generös offen. Wir wollen nun kurz auf einige Punkte eingehen, die diesbezüglich interessant sind.

Banken Demonstration

Zum einen wurde ja von einigen Bank CEOs, die sich leider in den vergangenen Jahren als wenig prophetisch gezeigt haben, von einem guten Start ins Jahr 2009 gesprochen. Vor Abschreibungen natürlich. Von daher kann die jetzt verabschiedete Verschiebung von notwendigen Abschreibungen, und nichts anderes ermöglicht die Aufweichung der Bewertungspraxis, hilfreich sein, ein bei einigen Instituten vielleicht gar überraschend positives Ergebnis für Q1 vorzuweisen. Strukturell hat dies keine Bedeutung. Angesichts des Hebels den die Banken immer noch aufweisen, wird dem Betrachter weiterhin schwindlig.

Dazu der Beschluss des FASB, wie Bloomberg ihn sah:

The Financial Accounting Standards Board, pressured by U.S. lawmakers and financial companies, voted to relax fair-value rules that Citigroup Inc. and Wells Fargo & Co. say don’t work when markets are inactive. The changes approved today to fair-value, also known as mark-to-market, allow companies to use “significant” judgment in valuing assets to reduce writedowns on certain investments, including mortgage-backed securities. Accounting analysts say the measure, which can be applied to first-quarter results, may boost banks’ net income by 20 percent or more.

So, man erlaubt sich also sein eigenes Urteilsvermögen mit in die Bewertung einfließen zu lassen. Interessant, aber angesichts des kürzlich von Goldman veröffentlichten Berichts, nachdem die entsprechenden Papiere im Mittel zu 95% in den Büchern liegen, kann man einen signifikanten Mangel an Urteilsvermögen durchaus unterstellen. Angesichts der Entscheidung ist wohl nicht damit zu rechnen, dass die Institute bei ihren Bewertungen näher an die Realität heranrücken werden. Man wartet halt bis etwas ausfällt und berichtet es dann. Toll, dass dieselben “Entscheider” in den vergangenen Jahren vor 2007 die positiven Marktwertschwankungen als Beleg ihrer meisterlichen Marktkenntnisse sahen. Klassischer Fall von Bullenmarktalpha, das ja im Grunde nur aus gehebeltem Beta besteht.

Prinzipiell hat sich an der Art und Weise der Bilanzierung nicht viel geändert, ein kleines bisschen Umformulierung hier ein bisschen Gesäusel da. Den Hinweis auf Marktverwerfungen hören wir nun auch schon in der dritten Wiederholung. Das Grundproblem ist nach wie vor, festzulegen welche Papiere sich für die Bewertung nach Gutsherrenart qualifizieren. Vielleicht wollte man einfach guten Willen zeigen und unauffällig darauf hinweisen, man solle bei der Auswahl der Papiere nicht allzu restriktiv sein. Davon ist allerdings auch aktuell nicht auszugehen. Keine der ehemalige Großbanken wird sich wohl die Freiheit herausgenommen haben, mal ein bisschen zu viel abzuschreiben. Bei den üblen Eigenkapitalquoten ist das auch gar nicht möglich, ohne den Laden danach gleich zu schließen.

Bevor der falsche Eindruck entsteht, die Banken hätten auch nur annähernd alle assets zum „fair value“ bilanziert, hier ein kurzer Blick auf die so genannten Level 3 Assets, die ja auch als „mark-to-myth“ Assets bekannt sind. Diese Kategorie (in der Tabelle unter “Marktwert d. Aktiva periodisch”) wird seit Jahren genutzt um Papiere, die man nicht bewerten kann oder will, abzuschieben. Ein Blick auf die Liste zeigt die Dimensionen, die diese Kategorie mittlerweile hat. Auch ein heimischer Kandidat taucht weit vorne in der Liste auf, immerhin fast das dreifache vom Eigenkapital – Hut ab.

Level 3 Assets Eigenkapital

Level 3 muss nicht gleichbedeutend mit Schrott sein. Es sei aber der Phantasie des Lesers überlassen, sich auszumalen, welche Papiere in einer Kreditkrise hier landen, wenn das private Einkommen von Entscheidungsträgern unter Abschreibungen und dem Bettelgang zum Staat zu leiden hätte. Die schiere Größe dieses Segments sollte zu denken geben, vom viel gepriesenen de-leveraging ist hier nichts zu sehen.

Eine Aufweichung der Bilanzierungsregeln führt zu noch mehr Intransparenz und de facto zu einer Ausweitung von Assets, die nach Gusto bewertet werden.

Eine Frage noch, die sich bezüglich der Deutschen stellt. Dieses Institut hat im letzten Jahr regen Gebrauch von der „fair value option“ gemacht, allerdings bei den eigenen Verbindlichkeiten. Im Hinblick auf die Ausweitung der eigenen Credit Spreads hat man die Verbindlichkeiten reduziert und sich ein bisschen schön gerechnet. Das ist im Grunde so, als wenn Sie ab morgen weniger verdienen und darum ihre Schulden nur noch mit der Hälfte ansetzen, da sich die Wahrscheinlichkeit, dass Sie diese zurückzahlen können, verringert hat. Da sind wir aber mal gespannt, ob die Deutsche das Rad auch hier zurückdreht und die Schulden wieder hochschreibt. Na, das wäre aber arg unschön fürs Ergebnis. Aber es geht ja nur um ein paar Milliarden, nichts Großes halt…