Hüben und drüben

Verfasst von Vorstand Februar 4th, 2010

Die Diskussionen um die Europäische Währungsunion sind mittlerweile scheinbar das tägliche Pressebrot. Wurden Stimmen, die sich kritisch zur Union äußerten noch vor gar nicht einmal so langer Zeit eher mit Häme bedacht, gilt es für viele nun, möglichst schnell auf den fahrenden Diskussionszug aufzuspringen. Dabei wird von Woche zu Woche, teils gar von Tag zu Tag, eine neue Sau durch die Dörfer getrieben. Die fundamentale Situtation rechtfertigt Sorgen allemal und die Ereignisse an den Märkten geben des Öfteren neuen Anlass zur Diskussion. Dabei hat sich bei den strukturellen Problemen keine Grund legende Neuerung ergeben, nur treten die Schwächen des Systems offener ans Licht. Um es mit Buffet zu sagen:“ “Erst wenn die Ebbe kommt, sieht man wer ohne Badehose ins Wasser ging.” Nun ist Ebbe, doch scheint es einfacher zu sein, diejenigen Badegäste zu zählen, die eine Badehose tragen als die ökonomischen Nudisten.

Da einige Zentraleuropäer ja zur Selbskasteiung neigen, kann es kaum verwundern, dass der Blick nur den eigenen Sorgen gilt, und man gebeugten Hauptes durch die Gegend schlurft. Es fehlt nicht mehr viel und die Talkshows füllen sich wieder mit Großsstrategen, die dazu raten den Blick nach Amerika zu wenden um zu lernen. Vielleicht um zu lernen, wie man es nicht macht, aber das weiß man in Europa vielleicht bereits selbst. Trotzdem kann ein Blick über den Atlantik nicht schaden, wenn auch auch aus einem anderem Grund.

Die aktuelle Diskussion um Staatsverschuldung und aktuelle Haushaltssalden kreist oft um die Renditeaufschläge, die bestimmte Staaten gegenüber anderen zu zahlen haben. Diese zeigen sich in der Tendenz indirekt in den CDS Spreads auf die entsprechenden Länder. Ein Blick auf die Werte für die europäischen Länder, die derzeit am stärksten im Fokus stehen, zeigt hier Werte zwischen 140 und 385 Basispunkten.  Dabei zählen allein Italien und Spanien nach dem BIP zum ersten Drittel der Währungsunion. Wir schauen uns im Vergleich einmal die CDS Spreads der fünf wirtschaftlich bedeutendsten Bundesstaaten der USA an.

CDS Spreads US Bundesstaaten und EWU Staaten

Das Ergebnis spricht für sich. Bei den wirtschaftlich bedeutendsten US Bundesstaaten ist die Lage nicht weniger verwickelt als bei den EWU Schlusslichtern.  Die Probleme innerer Zerissenheit existieren auf beiden Seiten des großen Teiches. Angesichts der Einschnitte, die Kalifornien aber auch zahlreiche andere Bundesstaaten derzeit vornehmen, kommt es mittlerweile schon jetzt zu teils aggressiven Auseinandersetzungen. So wehrt sich beispielsweise die jüngere Generation massiv gegen die Versuche, Studiengebühren drastisch heraufzusetzen. Hier sind avisierte Erhöhungen von mehr als 30% gang und gäbe. Die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung – in den USA in bundesstaatlicher Obhut – steigen um ein Mehrfaches. Es dürfte zunehmend schwieriger werden, Einsparungen auch durchzusetzen. Angesichts der Dimension von Schuldenlast und möglichen Einsparungen ist es vielleicht auch schwer einzusehen, was das Ganze überhaupt noch soll. Das Problem wird sich mit einer steigenden Zahl an Transferleistungsempfängern – und danach sieht es hüben wie drüben aus – noch einmal deutlich verschärfen.

Wir schließen heute mit einem Zitat von Alexander F. Tytler, einem schottischen Anwalt und Autor.

“A democracy is always temporary in nature; it simply cannot exist as a permanent form of government. A democracy will continue to exist up until the time that voters discover that they can vote themselves generous gifts from the public treasury. From that moment on, the majority always votes for the candidates who promise the most benefits from the public treasury, with the result that every democracy will finally collapse due to loose fiscal policy…
Alexander Fraser Tytler, 1770

Interessanter als den Namen des Autors finden wir übrigens das Jahr der Veröffentlichung.

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Posted by Vorstand Februar 1st, 2010

Der Bundesstaat New Jersey, der an die neun Millionen Einwohner zählt, meldete kürzlich Neubauzahlen, die schon eines weit reichenden Blickes in die Vergangenheit bedürfen, um Vergleichbares zu finden. Knapp 12.000 Einheiten wurden genehmigt. Das ist ein Wert, der zuletzt 1945 vermeldet wurde, als die Einwohnerzahl bei gut 4,6 Millionen lag.

Für einige Baufirmen ist das kein Hindernis, und so werden derzeit kräftig Pläne geschmiedet. So berichtet etwa Herrn Barry vom Unternehmen Ironstate  über die Wiederaufnahme eines eingestellten Projektes.

“I don’t know if we’ll start going in ’10,” he said, “but we are starting to work with architects again.”

Man arbeitet wieder mit Architekten, das ist ja schon einmal etwas. Leider hat die Sache am Immobilienmarkt weiterhin einen entscheidenden Haken, den auch ein leitender Angestellter eines der bekanntesten Bauunternehmen in den Staaten, Lennar Corp, offen nennt.

“We get a lot of visitors who are enamored of the finishes and amenities we offer,” Mr. Skea said, “but they cannot pay prices that high.”

Preis und Nachfrage, da war doch was. Auf Grund dieser wenn auch späten so doch richtigen Einsicht gehen die Unternehmen vorerst einen Schritt in Richtung Umbau statt Neubau, das ist kostengünstiger. Es spart Arbeitskosten und senkt den Bedarf an vor allem für die Homebuilder nach wie vor schwer verfügbaren Finanzierungen.

Und damit wird es wohl auch vorerst nicht voran gehen, haben doch Freddie Mac und Fannie Mae (eigentlich: Federal Home Loan Mortgage Corporation bzw. Federal National Mortgage Association) keine guten Nachrichten für die potenziellen Kreditgeber. Die beiden nach dem Kollaps unter US Conservatorship (nicht de facto aber quasi Verstaatlichung) stehenden Unternehmen haben zahlreiche Prüfer durch ihre Hypothekenportfolios schauen lassen, um herauszufinden, welche Papiere mit mangelhaften Kreditdokumentationen ausgestattet sind, oder bei welchen Krediten die Banken sorglos Kredite an Kreditnehmer vergeben haben, die offensichtlich falsche Angaben bezüglich ihres Gehaltes oder Vermögens gemacht haben („liar loans“). Warum die beiden Institute dies prüfen lassen? Dazu rufen wir uns kurz die eigentliche Aufgabe der beiden Firmen ins Gedächtnis.

Fannie Mae operates in the U.S. secondary mortgage market. Rather than making home loans directly to consumers, we work with mortgage bankers, brokers and other primary mortgage market partners to help ensure they have funds to lend to home buyers at affordable rates.

Freddie Mac supports liquidity and stability in the secondary mortgage market through two principal lines of business. We also have a portfolio investment business that purchases mortgages for our mortgage-related investments portfolio.

Der Begriff “supporting liquidity” bedeutet nichts anderes als das Kaufen von Hypothekenverbriefungen, die niemand anderes kaufen kann oder will. Oft gibt es einen guten Grund, wenn niemand etwas kaufen will. Bei den Hypothekenverbriefungen ist dies nicht anders. Bereits jetzt sind Schuldner von Krediten mit einem Volumen $300 Mrd. mehr als 90 Tage mit der Zahlung in Verzug. Es ist nicht damit zu rechnen, dass der Großteil mit der Zahlung wieder anfängt. Bei den nicht offiziell subventionierten Krediten ist das Elend noch größer und erinnert an kollabierende Wirtschaftssysteme.

Non-agency mortgages 60+ Verzüge

Das sind Zahlen, die nicht nur von angelsächsischen Investoren noch vor wenigen Jahren mit Häme bedacht worden wären. „In solchen Ländern sollte man nicht investieren“ hätte wohl das Fazit gelautet.

Zurück zu Fannie und Freddie. Da die beiden Unternehmen berechtigterweise kein Interesse daran haben, die Ausfälle von Krediten hinzunehmen, die auf Basis von Lügen und falscher Dokumentation, durch schlampige Bankarbeit und provisionshungrige Vermittler zustande kamen, zwingt man nun diese Banken, die Papiere zurückzunehmen. Das hat man auch früher schon getan, allerdings scheinen die Institute auf den wachsenden öffentlichen Druck zu reagieren und die Prüfer ihren Job halbwegs ernst zu nehmen. Das Volumen der in die Bilanzen der Banken zurückwandernden Papiere stieg in den ersten neuen Monaten des Jahres 2009 bei Freddie Mac um 125% auf $2,7 Mrd., bei Fannie Mae stieg der Wert im gleichen Zeitraum auf $4,3 Mrd. Auch andere Käufer dieser Papiere nutzen die mögliche Rückbuchung, so dass in den ersten drei Quartalen 2009 gut $14,2 Mrd. ihren Weg zurück an die Stelle der Tat fanden, das ist Anstieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum in Höhe von mehr als 290%. Ärgerlich für die Banken, denn diese Papiere sind von schlechter Qualität, haben massive Downgrades erfahren und belasten so das Eigenkapital überproportional. Am stärksten betroffen sind derzeit die Bank of America (Q1-3 2009: $4,5 Mrd.) und JP Morgan (Q1-3 2009: $5,1 Mrd.). Falls Sie also demnächst ein tolles Produkt mit dem Namen „Re-Securitization“ sehen (die Wiederverbriefung von ehemals bereits verbrieften Papieren), wissen Sie was sich dahinter verbergen kann. Im institutionellen Sektor – kein Witz – gibt es diese bereits.

Für die Kreditvergabe der Geschäftsbanken ist dies ein weiterer Hinderungsgrund. Die Möglichkeit, schnell von einer großen Summe an Rückkäufen schlechter Papiere erwischt zu werden, sorgt dafür, die nötige Aufnahmefähigkeit der Bilanz entsprechend vorzuhalten. Neu vergebene Kredite sind da eher hinderlich.

Trotz der berechtigten und sinnvollen Maßnahme, Schrott an den Schrotthändler zurückzugeben, wird den beiden Liquiditätsspendern die Rückgabe einiger Kredite nicht übermäßig helfen. Das Geschäftsmodell schlägt hier nach wie vor voll zurück. Die Institute subventionieren unter zu Hilfenahme quasi-staatlichen Fundings die Kreditvergabe über private Kreditgeber. Diese privaten Kreditgeber haben stattliche Provisionen für die Vermittlung und Vergabe von Krediten erhalten, die nun im Rahmen der „Liquiditätsbereitstellung“ in den Investment Portfolios von Freddie Mac und Fannie Mae landen, die mittlerweile eher einer Bad Bank für zu billig vergebene Häuserkredite gleichen. Anders gesagt hat man schier unfassbare Portfolios angehäuft, die aus Krediten bestehen, die an Menschen vergeben wurden, die sich diese schon bei Abschluss ohne Subvention schlicht nicht leisten konnten. In Anbetracht der Entwicklungen am Arbeitsmarkt und bei der Vermögenssituation der Privathaushalte sollte sich dies nicht zum Besseren gewandelt haben. Die Gesamtverschuldung der beiden Institute liegt aktuell bei stattlichen $1,595 Billionen (amerikanisch trillion), von denen knapp $600 Mrd. allein in diesem Jahr fällig sind. Da kann man nur ein glückliches Händchen bei der Refinanzierung wünschen. Wir erinnern uns, wie die Finanzierung ablaufen soll.

(Freddie Mac) We fund our mortgage investments primarily by issuing debt securities in the domestic and international capital markets.

(Fannie Mae) Our credit guarantee business purchases residential mortgages and mortgage-related securities in the secondary mortgage market, securitizes these mortgages and subsequently sells them to investors as mortgage-backed securities.

Auf eine allzu euphorische Nachfrage aus dem Ausland sollte niemand setzen. Die internationalen Investoren trauem dem Braten schon lange nicht mehr und sind netto auf der Verkäuferseite.

Käufe von Agency Debt

Dem begegnen Schatzamt und Zentralbank in gewohnter Weise indem sie die leeren Taschen der Spendierhosen weit aufreißen. Falls jemand ein Interesse an Staatswirtschaft haben sollte, hier erwächst eine planwirtschaftlich organisierte Ökonomie in beachtlicher Größenordnung. Mal sehen, wann jemand beginnt, uns das als Zukunftsmodell zu verkaufen.

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Drei Fragen zur Währungsunion

Posted by Vorstand Januar 29th, 2010

Heute wollen wir Ihnen ausnahmsweise nichts erzählen. Heute können Sie uns, wenn Sie mögen, Ihre Meinung zur aktuellen Situation der Europäischen Währungsunion mitteilen.

Es war einmal

Die Umfrage besteht aus drei Fragen und läuft bis zum 14. Februar 2010, die laufenden Ergebnisse können Sie natürlich direkt nach der Stimmabgabe einsehen. Das Endergebnis wird auf unserer Seite abgelegt und steht somit auch zukünftig bereit.

Wird eher ein neuer Beitritt zur Europäischen Währungsunion oder ein Austritt erfolgen?

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Wann wird das erste Land die Europäische Währungsunion verlassen?

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Welche Länder sind Kandidaten für den ersten Austritt aus der Europäischen Währungsunion (bis zu drei Antworten sind möglich)?

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Wir sind gespannt und danken Ihnen für Ihre Teilnahme!

Beste Grüße

Bankhaus Rott

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